Er verkörpert, was der SPD fehlt

Oskar Lafontaine wird 75 Jahre alt – und ist kein bisschen müde. Er startet eine Sammlungsbewegung, mit der er Deutschlands Politik abermals neu definieren könnte. Denn er will die Moral nicht denen überlassen, die es sich mit ihr bequem machen.

Ich war mit Oskar Lafontaine in manchen Interviews wie Talkshows und ganz selten einer Meinung. Aber ich habe ihn schätzen gelernt. In einer rund geschliffenen Gefälligkeitsdemokratie, da sich alle am liebsten opportunistisch auf dem Quadratmillimeter der politisch korrekten Mitte treffen wollen, verkörpert er noch das Kantige. Wie saarländisches Altholz in den Kunststoff-Lounges der Berliner Republik.

Wenn er nicht so offensichtlich katholisch-jesuitisch wäre, würde man ihn als lutherischen Dickkopf beschreiben, der da irgendwo links in der Ecke steht und nicht anders kann. Diese Eigenart, selbst zu denken, riskant zu denken, und dann ohne Rücksicht auf Verluste laut zu sagen, was er meint, das hat ihn stark gemacht – über Jahrzehnte. Ein Mann der Eigentlichkeit in einer immer nebulöseren Sphäre der uneigentlichen Republik.

Das zweite Merkmal des Oskar Lafontaine ist seine Urwucht, seine Kraft und Leidenschaft für die Sache, aber auch für sein eigenes Überleben. Er ist ein Comeback-Wunder und hat mehr politische Leben als normalerweise in ein Leben passen. Er war Bürgermeister, Oberbürgermeister und Landtagsabgeordneter, Ministerpräsident und Bundesfinanzminister, Fraktionschef und Kanzlerkandidat, Vorsitzender von SPD wie Linkspartei. Er ist politischer Stratege und linker Vordenker, kurzum: der Tausendsassa der Bundesrepublik, der nach allen Skandalen, Stürzen, Intrigen und Machtkämpfen, ja selbst einem Attentat immer noch spitzbübisch heiter in die politische Welt blickt. Der die Welt jeden Tag neu definiert, auch sein eigenes Leben.

Die Quecksilbrigkeit seines Temperaments findet im derzeit so bewegten politischen Terrain eine völlig neue Passung. Hätte Lafontaine in den Achtzigern gerufen, Deutschland brauche eine Sammlungsbewegung, ein neues Parteiensystem, er hätte gewirkt wie ein Internet-Prophet in der Telefonzelle. Doch heute ist seine disruptive Art zu denken und handeln gefragt. Gerade unter Deutschlands Linken, die in den Ruinen des Betonsozialismus ausharren, ist die Sehnsucht nach Erneuerung riesengroß.

Was Lafontaine sagt, wird gehört

Die SPD siecht todkrank dahin. Sie ist in Merkels Sauerstoffzelt der Großen Koalition gefangen und weiß selber nicht wohin. Man sehnt sich nach links heraus, dabei rückt das Wahlvolk nach rechts. Wahlen gehen verloren, Umfragen künden neue Debakel an, die Volkspartei von einst zerbricht. Selbst eine trostlose Truppe wie die AfD holt die große Traditionspartei Deutschlands inzwischen ein. Ähnlich gefangen (hier im mentalen Plattenbau der DDR-Horizonte) wirkt die Linkspartei, deren Wähler inzwischen so alt sind wie die Volksmusik-Zuschauer des MDR.

Just in dieser Krisenlage greift Oskar Lafontaine an den Hebel eines politischen Schaufelradbaggers und will den linken Flöz der Nation lösen, heben, in neue Formen packen und das Land damit befeuern. Wer könnte das glaubhafter als er – der Doppelvorsitzende von SPD und Linkspartei, der Jäger und Sammler politischer Ideen.

“Wir brauchen eine linke Sammlungsbewegung, eine Art linke Volkspartei, in der sich Linke, Teile der Grünen und der SPD zusammentun”, verkündete Lafontaine zum Jahreswechsel im “Spiegel”. Im ersten Moment nahm das politische Berlin den Vorstoß als einen klassischen Silvesterkracher wahr, als billigen Versuch, mit einem Knall Aufmerksamkeit zu erheischen. Doch langsam ahnt man, dass daraus eine politische Bombe werden könnte.

Und nun, zu seinem 75. Geburtstag, ist es so weit. Lafontaines linke Sammlungsbewegung “Aufstehen” hat sechs Wochen nach ihrer Gründung mehr als 100.000 Unterstützer gefunden. In der SPD-Zentrale wähnt man zwar noch “das wird nix”, es sei die “PR-Nummer eines profilneurotischen Ehepaares” und beschimpft den Urheber als “Spalter”. Doch wenn Oskar Lafontaine eines ist, dann mobilisierungsstark. Seine Worte werden gehört, weil er häufig genau das sagt, was Millionen linksorientierter Menschen in Deutschland denken. Und er hat schon einmal die Parteienlandschaft neu gestaltet. Lafontaine ist zudem verheiratet und politisch verbündet mit der Fraktionschefin der Linkspartei Sahra Wagenknecht, was die Sache zum öffentlichen Faszinosum werden lässt.

Unbequeme Moral

Das Projekt wird von einem politischen Megatrend getragen. Emmanuel Macron hat mit seiner neuen Sammlungsbewegung Frankreichs Politik revolutioniert, von Bernie Sanders in den USA über Jeremy Corbyn in Großbritannien und Beppe Grillo in Italien bis Jean-Luc Mélenchon in Frankreich haben Linkspopulisten bewiesen, dass Sammlungsbewegungen neue Machtstrukturen moderner Demokratien schaffen können. “Das Parteiensystem, so wie es heute besteht, funktioniert nicht mehr”, sagt Lafontaine. “Wir brauchen eine Neuordnung.” Die Botschaft hören manche in den klassischen Funktionärsparteien nicht gerne. Doch sie ahnen, dass er damit richtig liegen könnte.

Vor allem wagt Lafontaine es, der AfD das Thema Migration zu entreißen. Seine Bewegung will gezielt “die Wanderung zur AfD stoppen und vielleicht umkehren”. Das gehe aber nur, wenn man die Ängste der Menschen direkt annehme. Lafontaine versteht im Gegensatz zu vielen Genossen in der politischen Linken, dass große Teile ihrer Klientel die massenhafte Zuwanderung schlichtweg ablehnen. Schon deshalb, weil sie die Verteilungskonflikte um Wohnungen, Jobs, Sicherheit und Sozialleistungen am schärfsten treffen. Bei den Landtagswahlen wählen teilweise mehr als 30 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen die AfD, und zwar auch in Westdeutschland.

Und so sucht Lafontaine eine Formel, die Begrenzung der Zuwanderung mit linker Moral zu rechtfertigen. Man dürfe nicht diejenigen verwöhnen, die sich mit illegalen Methoden zu uns durchschlügen, die Notleidenden anderen in Afrika und Asien aber vergessen. Nur Hilfe vor Ort sei wahrhaft human. Flüchtlingshilfe hier in Deutschland aber sei so, als ob ein Gutsherr einen von einhundert Hungernden, die an seinem Schlosszaun stehen, zum Abendessen hereinbitte.

Manche alte Weggefährten wittern in dieser Position Rechtspopulismus und zeihen Lafontaine der Gewissenlosigkeit. Doch Oskar Lafontaine hat in seinen 75 Jahren häufig bewiesen, dass es sich lohnen kann, einmal andersherum zu denken. Und die Moral nicht denen zu überlassen, die es sich mit ihr bequem machen.

Quelle: n-tv.de

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