Warten auf die Flut

Warum und wann das Zinsniveau steigt oder fällt, wird seit Langem unter Ökonomen heiß diskutiert. Unstrittig dabei ist, dass es keinen Faktor gibt, der die Zinsentwicklung allein bestimmt. Vielmehr sind es mehrere Aspekte, deren Zusammenspiel das Auf und Ab der Kapitalmarktzinsen in einer Volkswirtschaft beeinflusst. Und derzeit gibt es ein großes Nachholpotential. Das werden wir bald spüren!

Die Kapitalflüsse aus dem Ausland, die Nachfrage nach heimischen Staatsanleihen, die Investitionsdynamik im Land, die allgemeine wirtschaftliche Lage, die Leistungsbilanzen oder auch die Sparquote: All dies bestimmt die Zinsentwicklung. Ein entscheidender Faktor ist zudem die Inflationsrate. In den vergangenen gut 30 Jahren ist beispielsweise in den USA und der Eurozone ein eindeutiger Zusammenhang zwischen fallenden Zinsen und einem sinkenden Inflationsniveau erkennbar. Als Anleger gilt es zudem, zwischen Nominal- und Realzinsen zu unterscheiden. Während der Nominalzins die eigentlichen Zinsen des eingesetzten Kapitals ausweist, bezeichnet der Realzins in der Wirtschaftswissenschaft den nominalen Zins abzüglich der aktuellen Preissteigerung. Er gibt somit die Verzinsung unter Berücksichtigung des tatsächlichen Geldwertverlusts an.

In den Jahren nach der Finanzkrise führte das Abflauen der Konjunkturdynamik dazu, dass in den USA und der Eurozone private Haushalte sich zunehmend entschuldet und Unternehmen Überkapazitäten abgebaut haben und damit einhergehend sinkende Inflationsraten auf das Zinsniveau drückten. Die Notenbanken reagierten darauf mit einer zum Teil sehr expansiven Geldpolitik. Mittlerweile hat sich die ökonomische Lage jedoch wieder verbessert: Die US-Wirtschaft scheint trotz einiger Enttäuschungen hinsichtlich der Politik von Präsident Trump intakt und auch die Eurozone konnte zuletzt mit besseren Wachstumszahlen überraschen. Nachdem sich die US-Notenbank Fed schon seit einiger Zeit in einem moderaten Zinserhöhungszyklus befindet, mehren sich daher nun auch in Europa die Stimmen, die eine langsame Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank andeuten.

Zinsen werden so sicher steigen, wie die Flut kommt

In einem solchen Umfeld stehen die Zeichen eigentlich auf Zinsanstieg. Was in den vergangenen Monaten geschah, war jedoch das genaue Gegenteil: Seit Mitte Juli gab das Zinsniveau für 10-jährige Staatspapiere aus den USA und Europa im Schnitt um jeweils 0,1 Prozentpunkte nach. Grund dafür dürfte sein, dass die erhofften strukturellen Reformen in den USA momentan wieder deutlich unwahrscheinlicher erscheinen. Die Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung der Wachstumsaussichten hat sich daher etwas eingetrübt, was auf den langfristigen Erwartungen an den US-Leitzins lastet. Hinzu kamen Einzelfaktoren wie der Preisverfall bei Gebrauchtwagen und der Preiskampf bei Mobilfunkanbietern.

Die Deutsche Bank rechnet hier in den kommenden Wochen jedoch mit einer Gegenbewegung: Die derzeit intakte Konjunktur sowohl in den USA als auch in der Eurozone sollte insbesondere am Rohstoffmarkt zu stabileren Kursen führen, zum Beispiel für Industriemetalle, und damit die Inflationserwartungen wieder nach oben treiben. Im Zuge dessen dürften auch die Zinsen steigen. Im Bereich der 10-jährigen Staatsanleihen erwartet die Deutsche Bank zum Jahresende 2017 eine Normalisierung der Renditeniveaus von durchschnittlich 0,6 Prozent in Europa und 2,75 Prozent in den USA. Das wäre ein spürbarer Anstieg im Vergleich zu den aktuellen Werten von 0,40 beziehungsweise – mit Stand: 26. September 2017 – 2,21 Prozent.

Auch die Zinsaussichten über den Jahreswechsel hinaus sind für beide Regionen insgesamt positiv. Allerdings könnten weitere wirtschaftspolitische Enttäuschungen aus den USA, eine Zuspitzung des schwelenden Nordkoreakonflikts oder politische Verwerfungen in Zusammenhang mit den Neuwahlen in Italien im Frühjahr 2018 den aufwärtsgerichteten Zinstrend zwischenzeitlich bremsen. Neben den geld- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen sollten Anleger daher auch die geopolitischen Risiken für die Zinsentwicklung sehr genau im Blick behalten.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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