Grüß Gott, Herr Söder

Der Erlass, in allen bayerischen Behörden ein Kreuz aufzuhängen, sei ein bösartiges Wahlkampfmanöver, tönt es allenthalben. Gedöns dieser Art ist normalerweise durchaus im Interesse der CSU, Konfrontation war immer ein Markenkern der Partei. Doch funktionieren die alten Schlachtordnungen noch?

Wenn die Süddeutsche Zeitung frohlockt: „Bayerns Ministerpräsident erntet für sein Kruzifixdekret im politischen Berlin nichts als Kopfschütteln“, dann beweist das Blatt wieder einmal, dass es trotz seines jahrzehntelangen Kampfes gegen die CSU diese Partei einfach immer noch nicht begriffen hat.

Liebe SZ, genau dieses Kopfschütteln in Berlin ist doch gewollt! Entsinnt sich noch jemand an den Doppel-Wahlkampf 2013 als innerhalb von nur einer Woche erst in Bayern und dann im Bund gewählt wurde? Ganz Rest-Deutschland, vulgo die „Preißn“, schüttelte damals das Haupt über die Idee einer Autobahn-Maut für Ausländer. Nicht jedoch die Mehrheit der Bayern: Der Wahlkampf-Gimmick funktionierte, die CSU erkämpfte die absolute Mehrheit. Und die Kanzlerin wiederum, der die Maut herzlich gleichgültig war, die aber den überproportionalen Stimmenschub aus dem Süden für ihre eigene Wahl sieben Tage später brauchte, fand zu einem hochakrobatischen Jein in Sachen Maut.

Der Ministerpräsident und der Kardinal

In der Tat, der Wahlkampf in Bayern hat begonnen. Wer sich darüber ereifert, dass in der Politik das Verhandeln aller Themen immer auch unter wahltaktischen Überlegungen steht, hat das Wesen unserer Konkurrenzdemokratie noch nicht ganz inhaliert. Und das modische Allerwelts-Schimpfwort „populistisch“ hilft sowieso nicht weiter, Massendemokratien sind nun mal populistische Staatsformen.

Der neue bayerische Ministerpräsident ist erst wenige Wochen im Amt. Er ist ein protestantischer Franke, was im eher altbayrisch-katholisch dominierten Freistaat zwar niemand mehr vom Hocker haut, aber immer noch ein klein wenig exotisch ist. Natürlich wollte Söder, der sich von seiner eigenen, ja ziemlich rotgrün gebärdenden Kirche politisch nicht mehr viel erwarten kann, auch ein Zeichen an Bayerns Katholiken senden.

Wenn man die Reaktion der Amtskirche anschaut, scheint das gründlich schief gegangen zu sein. Es war bisher eher selten, dass sich der Oberhirte der Katholiken mit der CSU anlegte, erst recht in einem Wahljahr. Kardinal Marx kritisiert den Erlass und nennt Söder nicht weniger als einen Spalter. Doch – hat es Söder womöglich auf diese Reaktion angelegt? Dass Marx kein CSU-Freund ist, weiß er, in der Zuwanderungs-Debatte stand der Kardinal immer auf der anderen Seite. Und dass er in Sachen christlicher Symbolik eher zu Leisetreterei neigt, hatte sich bereits vor anderthalb Jahren beim Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem gezeigt, als Kardinal Marx (gemeinsam mit seinem evangelischen Amtsbruder Bedford-Strohm) sein Kreuz ablegte, um nur ja niemanden zu provozieren.

Die letzte Volkspartei

Söders Signal scheint sich an die traditionellen, wertkonservativen Wählerschichten zu richten, denen jeder Kulturrelativismus ein Greul ist und für die das Kreuz zu Bayern gehört wie die Zugspitze und das Oktoberfest. Es sind diese Stammwähler, die der CSU über Jahrzehnte ihre satten Mehrheiten garantierten. Doch wie stark sind diese Milieus im modernen Bayern noch? Das ist die Schlüsselfrage dieser Wahl, die mehr als eine x-beliebige Landtagswahl ist, es geht um nicht weniger als die Zukunft der Volkspartei CSU.

Die Folgen der Zuwanderung im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise teilt Bayern mit allen anderen Bundesländern. Spezifisch bayerisch ist jedoch eine massive innerdeutsche Zuwanderung. Wie ein Magnet zieht die erfolgreiche bayerische Wirtschaft west-, nord- und ostdeutsche Bürger an. Der Freistaat ist in den vergangenen 30 Jahren um eine Million Einwohner gewachsen, Tendenz rapide steigend. Das sind Menschen, die wegen der Jobs kommen, weißblaues Lebensgefühl bringen sie nicht mit, aber wahlberechtigt sind sie gleichwohl schon. In Panik müsste die CSU eigentlich geraten, wenn Demoskopen befinden, beinahe die Hälfte der potentiellen bayerischen Unions-Wähler fänden den Kurs der mittigen Merkel-CDU eigentlich besser als den der kantigen CSU. (Natürlich gibt es in anderen Bundesländern auch viele CDU-Wähler, die traurig sind, dass sie dort nicht CSU wählen können, aber das ist kein Trost für die Christsozialen, ihr Schicksal entscheidet sich nun mal nur im Freistaat.)

Und genau vor diesem Hintergrund ist der Streit um das Kreuz so hochpolitisch. Gelingt es der CSU, traditionelle Wähler – nicht nur von der AfD – zurückzugewinnen, oder stirbt dieser Wählertypus schlichtweg aus? Teilen die vielen Zugereisten das Kopfschütteln, das anderswo über die CSU herrscht? Und wie steht es mit dem Wertewandel der autochthonen Bayern, es wäre doch gelacht, wenn das ökonomisch modernste aller Bundesländer keine Modernisierungsspesen zu zahlen hätte?

Der Grüß-Gott-Äquator

Die Instrumentalisierung eines christlichen Symbols zu irdisch-politischen Zwecken, das werfen Kardinal Marx und all die anderen Empörten der CSU und ihrem neuen Ministerpräsidenten vor. Eine eher kulturelle Symbolik jenseits des Spirituellen sprechen sie dem Kreuz ab. Dieses Argument konsequent zuende gedacht, wundert es einen, dass eine besondere süddeutsche Eigenart nicht längst schon inkriminiert wurde: Nämlich die Grußformel „Grüß Gott“, die nun wirklich südlich des Mains gelebter Alltag und keine Folklore ist. Auch durch und durch a-religiöse Menschen führen unterhalb dieses Gruß-Äquators den Namen des Herrn von morgens bis abends im Munde.

Ist das nicht auch Missbrauch des Religiösen zu irdischen Zwecken? Spaltet das nicht ebenfalls die Gesellschaft? Stößt das nicht die Guten-Tag-Sager oder gar die Salem-Aleikum-Grüßer vor den Kopf, von den Manitu-Sei-Mit-Dir-Rufern erst gar nicht zu reden? Aber vielleicht ist das landestypische Grüß Gott halt doch nur Kultur, womöglich einfach bloß Heimat oder halt nichts anderes als selbstbewusste Tradition?

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