Die Empörungsdemokratie

In der Ära der Zeitung gab es wenige Schreiber und viele Leser. Im digitalen Zeitalter ist jeder, der ein Smartphone in der Tasche trägt, zum Sender geworden. Die herkömmliche Form unserer Mediendemokratie stirbt schlichtweg aus.

Das spannendste Sachbuch dieses Bücher-Frühlings kommt aus Tübingen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat sich den Titel für sein hochaktuelles Werk aus der Literaturgeschichte entliehen, und zwar bei Thomas Mann: „Die große Gereiztheit“, so ist ein legendäres Kapitel im „Zauberberg“ überschrieben.

Bei Thomas Mann ging es um das gesellschaftliche Gefühlspanorama in der Zeit vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Beschrieben wurde die von Nervosität und plötzlichen Erregungsschüben geprägte Atmosphäre in einem Lungen-Sanatorium. Und eben genau solch eine Stimmung aus Verunsicherung, Aufgewühltheit und schnell ausbrechender Wut kennzeichnet, wer wollte Bernhard Pörksen da widersprechen, auch unsere gegenwärtige Epoche.

Barrierefrei

Medienwissenschaft ist selten bestsellertauglich, zu blutleer, praxisfremd und selbstreferentiell wird da gerne geschrieben. Pörksen jedoch gelingt das Kunststück, den Leser zu fesseln, denn er unterfüttert seine durchaus medienphilosophischen Betrachtungen mit einer Vielzahl äußerst konkreter Beispiele:

So erinnert er etwa an die russischstämmige 13-jährige Lisa aus Berlin-Marzahn, die angeblich verschwand und vergewaltigt wurde, sich in Wahrheit aber nur wegen Problemen in der Schule nicht nachhause traute. Im Netz war die Story millionenfach geklickt worden. Am Ende hatte sich sogar niemand geringerer als der russische Außenminister mit dem Vorwurf eingeschaltet, die deutschen Behörden verschleierten den Fall, weil sie nicht eingestehen wollten, dass Lisa von Flüchtlingen missbraucht worden sei. Diplomatische Verwicklungen aufgrund von banalem Teenager-Gehabe!

Pörksen beschreibt auch nochmals das Nachrichtenchaos, das rund um den Amoklauf am Münchner Olympiazentrum im Juli 2016 herrschte. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde München vom IS angegriffen. Im Netz kursierten Filmschnipsel mit Opfern überall. Wer konnte auf die Schnelle schon herausfinden, dass das alte Bilder von einer Anti-Terror-Übung in Manchester oder von einem Überfall auf ein Einkaufszentrum in Südafrika waren? Die klassischen Medien, vor allem die elektronischen mit ihrem „Sofort-Sendezwang“, waren komplett überfordert und Pörksen erinnert daran, dass Informationen schnell sind, aber Wahrheit Zeit braucht.

Die Grundfrage nach der Seriosität von Quellen, dem Prozess der Recherche oder den Mechanismen einer unvoreingenommenen Informationsauswahl, seien, schreibt Pörksen, längst nicht mehr ein Spezialproblem von Journalisten, sie gingen alle an. Die Gatekeeper, vom Reporter über den Chefredakteur bis zum Verleger oder Intendanten, die einst bestimmten, was publiziert wird und was nicht, sind ausgeschaltet. Jeder Mensch, der einen Zugang zum World-Wide-Web hat, kann sich heute vollkommen barrierefrei in den weltweiten Informationsfluss einschalten – und sei es mit „frei flottierenden Lügen.“

Unsere überbelichtete Welt

Im Jahr 2000 verkündete die Firma KODAK, es seien in der Geschichte der Menschheit bisher ca. 80 Milliarden Fotos gemacht worden. 2015 waren es bereits eine Billion Bilder. Heute werden beinahe 3 Milliarden Fotos am Tag geschossen, Tendenz rasant steigend. Der klassische Fotoapparat spielt dabei nur noch eine Nebenrolle, denn mit den foto- und videotauglichen Smartphones sind immer und überall Kameras zur Hand.

Vor diesem Hintergrund erinnert Bernhard Pörksen an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der von 1933-1945 regierte. Roosevelt war aufgrund einer Polio-Erkrankung seine gesamte Amtszeit an den Rollstuhl gefesselt. Obwohl es damals längst Massenmedien mit Pressefotografen und Wochenschau-Kameras gab, war die körperliche Behinderung des Präsidenten kaum ein Thema. Roosevelt gelang es vergleichsweise einfach, sein öffentliches Image zu kontrollieren. Dass er in Wahrheit nur gestützt auf Assistenten und mit Hilfe von Beinschienen überhaupt ein paar Schritte gehen konnte, blieb weitgehend verborgen. Die Öffentlichkeit wusste zwar von einer vergangenen Krankheit und gelegentlich war auch mal von einem Rollstuhl die Rede, aber es interessierte nicht wirklich. Man könnte vermuten, es war den Amerikanern gleichgültig, ob ihr Präsident sie sitzend oder stehend durch den II. Weltkrieg führte, Hauptsache er steuerte die Nation richtig.

Und dann macht Pörksen einen Zeitsprung in den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Es ist brütend heiß bei der Gedenkfeier zum 11. September in New York. Die demokratische Kandidatin Hillary Clinton meint, obwohl sie an einer Lungenentzündung leidet, bei der Feier nicht fehlen zu dürfen. Als sie wegfährt, sacken ihr erschöpft die Beine weg, die umstehenden Mitarbeiter müssen sie stützen. In Sichtweite steht zufällig Zdenk Gazda, er zückt sein Smartphone und filmt. Und damit liefert er in einem von Verdächtigungen und nackter Aggression geprägten Wahlkampf ein Video von gerade einmal 20 Sekunden Länge, das die Kandidatin wohl sehr viele Stimmen gekostet haben dürfte. Zdenk Gazda, eigentlich ein Anhänger Clintons, ist so naiv und postet das Video auf Facebook. Da es schon länger Gerüchte über den Gesundheitszustand von Hillary Clinton gegeben hatte, findet die Privataufnahme eines zufälligen Passanten schnell den Weg in den Mainstream der Alt-Medien: FOX, NBC und alle anderen steigen ein, die Bilder gehen um die Welt.

Pörksens Schlussfolgerung: Die Totalausleuchtung des Alltags einer Politikerin zeige, wie die letzten Schonräume schwinden, weil permanent beobachtet, gefilmt oder fotografiert werde, weil alle senden und posten. Im Verbund mit den klassischen Medien entstehe eine „grell überbelichtete Welt“, in der kaum noch etwas verborgen bleibe: „Die Medienmacht, die in der analogen Welt noch ein klar identifizierbares Zentrum besaß, ist plötzlich überall.“

Der permanente Skandal

Die Lust der Medien an der Skandalisierung gab es schon in vordigitalen Zeiten. Die heutige Übertransparenz senkt die Schwellenwerte der Bloßstellung allerdings immer drastischer. Und es trifft nicht mehr nur Prominente:

Die junge PR-Managerin Justine Sacco sitzt im Flugzeug von New York nach Kapstadt, wo sie ihre Weihnachtsferien verbringen will. Sie twittert aus Langeweile, beispielsweise über das schlechte Flugzeug-Essen. Dann versucht sie einen Witz: „Hoffentlich bekomme ich kein Aids in Afrika, ich mach nur Spaß, ich bin ja weiß.“ Ungelenk will sie sich damit über die Arroganz des weißen Mannes lustig machen. Sacco hat 170 Follower. Darunter ein Journalist, dem das schiefe Witzchen aufstößt. Er zeigt den Tweet seinen immerhin 15 000 Followern. Noch bevor die Maschine in Kapstadt gelandet ist, hat sich die Sache hundertausendfach verbreitet. Unter dem Hashtag #HasJustineLandedYet verbinden sich rund um den Globus Empörte zur Menschenjagd. Sacco steht am digitalen Pranger. Alle ihre Entschuldigungen verfangen nicht. Am Ende verliert sie sogar ihren Job.

Das Mobbing auf der Weltbühne des Internets führt dazu, dass der Skandal im digitalen Zeitalter eine neue Eskalationsstufe erreicht hat. Es zeige sich, so folgert Pörksen, die „typische Asymmetrie von Verfehlung und Strafe“, denn das Vergehen einer merkwürdigen, einfach nur missglückten Twitter-Botschaft stehe in keinem Verhältnis zu den Folgen, dem Verlust von Ansehen und Arbeitsplatz, der Wucht und Gewalt der aufschäumenden Empörung.

Die redaktionelle Gesellschaft

Pörksen beschreibt eine Strukturwandel der Öffentlichkeit, der nicht weniger als grundstürzend ist und längst nicht mehr nur den Journalismus betrifft. Unsere liebgewonnene Vorstellung von „moderner“ Demokratie, so wie sie sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat, gerät auf dem Weg von der Mediendemokratie zur Empörungsdemokratie ins Wanken.

Die ersten 90 Prozent des Buches sind eine glänzend formulierte, Theorie und Praxis souverän zusammengedachte Analyse. Doch der Untertitel verspricht noch mehr: „Wege aus der kollektiven Erregung“ heißt es auf dem Buchcover. Auf den Schlußseiten versucht Pörksen, Handlungsanweisungen zu entwerfen, wie sich unsere Demokratie, ohne das Prinzip der Meinungsfreiheit zu opfern, vielleicht weiterentwickeln könnte. Er entfaltet die Idee einer „redaktionellen Gesellschaft“ und meint damit, man müsse publizistische Kompetenz für alle fördern, denn schließlich sei jeder, der einen Netzzugang besitze, „ein Gatekeeper eigenen Rechts, der das Klima des Öffentlichen mitbestimmt.“ Pörksen verlangt ein eigenes Schulfach für die Erziehung zur Medienmündigkeit, in dem die Grundtechniken der Recherche und eine prinzipielle Haltung der Skepsis gegenüber Quellen und Informationen gelehrt wird.

Das klingt am Ende denn doch ein bisschen nach gutgemeinter Predigt. Natürlich wäre ein solches Schulfach wünschenswert, wenngleich selbst erfahrene Medien-Profis kaum noch wissen, welche Standards denn heute zu lehren wären. Taugt etwa in unserer postfaktischen Ära wirklich noch das gute, alte „Zwei-Quellen-Prinzip“, nachdem keine Nachricht veröffentlicht wird, bevor sie nicht von einer zweiten unabhängigen Seite bestätigt ist? Bräuchten wir nicht längst eher ein Drei-, Fünf- oder Sieben-Quellen-Prinzip?

Hinzu kommt, dass der vollmundige Untertitel des Buches eine Grunderkenntnis der vorangehenden 200 Seiten ausblendet: Wir leben schließlich in Zeiten einer entgrenzten Kommunikation! „Es verschmelzen im Zuge der Digitalisierung“, heißt es sehr treffend zu Beginn, „der Vernetzung und des weltweiten Einsatzes von digitalen Medien das Hier und das Dort, das Vergangene und das Gegenwärtige, die Information und die Emotion, das Gesprochene und das Geschriebene, das Reale und das Simulierte, die Kopie und das Original.“ Folgt daraus nicht, dass auch der feinziselierteste Schulunterricht hierzulande kaum wird verhindern können, dass Hass und Hetze, Dummheit und Desinformation sich worldwide verbreiten?

Aber am Ende ist es ja gar nicht so unsympathisch, dass in dem brillanten Analytiker Bernhard Pörksen auch noch ein argloser Optimist zu stecken scheint.

Bernhard Pörksen: „Die große Gereiztheit“, Carl Hanser Verlag, München 2018, 256 Seiten

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