Die Rückkehr der Rechten - Eine identitätstheoretische Spurensuche

Seit dem Brexit-Votum in Großbritannien findet sich Europa und seine demokratisch verfassten Gesellschaften in einer Identitätskrise.

Spätestens seit dem Brexit-Votum in Großbritannien scheint es nun offensichtlich zu sein. Europa und seine demokratisch verfassten Gesellschaften befinden sich in einer Krise. Nicht in einer Finanz- oder einer Flüchtlingskrise, wie in den letzten Jahren immer wieder zu hören oder zu lesen war. Nein! Der Patient Europa ist mit einer viel grundlegenderen Problematik konfrontiert. Denn Europa befindet sich in einer Identitätskrise.

Der Aufschwung rechtsideologischer Gruppen

Der Aufschwung rechtsideologischer Gruppen wie die “Identitäre Bewegung“ in einigen europäischen Ländern oder der europaweite Einzug rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Landtags- und Landesparlamente bis hin zur Übernahme von Regierungsverantwortlichkeit wie in Polen oder Ungarn, als auch die Dominanz, die rechtsnationale und rechtsextreme Positionen inzwischen in der Öffentlichkeit und den Medien durch die Methode wiederholter moralischer Grenzüberschreitungen einnehmen, verdeutlichen die Krise, welche sich in Europa rund um das Thema der Identität gebildet hat. Sei es die Infragestellung demokratischer Wertmodelle oder die offene Propagierung eines rassistischen und fremdenfeindlichen Menschenbildes, einer nationalen Abschottungsphantasie oder die Beschwörung eines gesellschaftlichen Rückschwunges, die Verachtung gegenüber den zentralen Werten der demokratischen Gesellschaften wird offen und unverhohlen proklamiert. Wie lässt sich nun die Rückkehr solcher extremen Positionen in die Mitte von zunehmend mehr europäischen Gesellschaften erklären? Wie kann es sein, dass ausgerechnet solch ein rückwärtsgewandtes Menschenbild die scheinbare Identitätsvakanz von uns modernen Individuen zu füllen vermag? Worin liegt das Erfolgsrezept der rechten geistigen Brandstifter begründet? Ein Blick in die Identitätstheorie kann die Suche nach Antworten hier ergänzen.

Die Substanztheorie

Zieht man hierfür das von Jean-Claude Kaufmann entwickelte identitätstheoretische Modell zurate, verdeutlichen sich die Charakteristika und Differenzen historischer und zeitgenössischer Identitätsbildungsprozesse. In Folge eines ideengeschichtlichen Wandels, in dem das menschliche Subjekt als zentraler historischer Akteur in den Mittelpunkt rückt, verbreitete sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Auffassung, dass jedem Menschen ein substantieller Wesenskern mit individuellen Eigenheiten inhärent sei. Diese Substanztheorie, in welcher die Einheit des Individuums zwischen seinem inneren Wesenskern und seinem äußeren Erscheinungsbild und seinen Handlungen angenommen wird, beförderte laut Kaufmann die Individualisierung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Infolgedessen stieg die Identität (als gleich-seiende Erscheinungsform zwischen inneren Wesen und äußeren Körper des Menschen) zur Grundauffassung, ja gar zur Ideologie der Moderne auf. Dies funktionierte eine ganze Weile recht gut.

Die Gemeinschaft stiftete Identität und Lebenssinn

Die starren Gesellschaftsstrukturen und Lebensumstände sorgten dafür, dass der eigene Platz klar umrissen und nicht verhandelbar war. Die Menschen erhielten ihre Identität und ihren Lebenssinn von der Gemeinschaft. Individuelle Abweichungen waren jedoch kaum bis gar nicht möglich, sondern hatten eher den Ausschluss aus dem gewohnten sozialen Umfeld zur Folge. Aufgrund komplexer gesellschaftlicher Veränderungsprozesse reduzierte sich die soziale Dominanz der Gemeinschaftsstrukturen; zunehmend ergaben sich immer mehr Freiheiten und Selbstgestaltungsmöglichkeiten für das Individuum. Gleichzeitig erhöhte sich dadurch auch die Selbstverantwortlichkeit, eine eigene Identität zu bilden und selbst einen Lebenssinn zu suchen.

Das neue Identitätsmodell

Zusätzlich blieb vom Glauben an einen festen Wesenskern nicht mehr viel übrig, weil dieser die pluralen und ausdifferenzierten Lebensrealitäten der Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr plausibel erklären konnte. Identität wurde zu einem permanenten Prozess, die in Abhängigkeit unseren jeweiligen sozialen Rollen und Umwelt immer wieder neu produziert werden muss. Kaufmanns historische Herleitung von Identitätsbildung zeigt exakt die Faktoren auf, welche die europäische Identitätskrise und den damit einhergehenden Aufwind rechtsnationaler Bewegungen und Parteien bedingen. Als Katalysator wirkte der Wandel hin zur Selbstverantwortlichkeit, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, was als Funktion von Identität betrachtet werden kann.

Die Auflösung der Identität

Die Gesellschaft nimmt dabei mittlerweile nur noch eine untergeordnete Rolle ein. Erschwerend hinzukommend hat sich die Vorstellung der Dauerhaftigkeit von Identität aufgelöst. Es gibt keine feste Identität mehr. Anstelle dessen ist die individuelle Wandelbarkeit und Unbeständigkeit der eigenen Identität in das Bewusstsein der Menschen eingezogen. Dieses Wissen kann zu einem Verunsicherungsfaktor werden. Determination, schicksalhaft anmutende soziale Zugehörigkeiten und der Glaube an eine den Menschen inhärente Essenz waren gestern. Heutzutage zeigt sich eine identitätsbezogene Instabilität. Prozesse wie die Globalisierung oder die Pluralisierung von Gesellschaften quantifizierten die zur Verfügung stehenden Identitätskategorien in hohem Maße und verringerten gleichzeitig deren Haltbarkeit und Dauer. Hinzu kommt die globale, allgegenwärtige Kommunikation in Form sozialer Netzwerke: permanente Konfrontation mit alternativen Alltagsgestaltungen und Lebensweisen, welche dem Individuum selbst immer einen Spiegel vorhalten. Das Gefühl eigener Unzulänglichkeit und Langeweile des eigenen Lebens ist dadurch kaum vermeidbar, auch trotz des Wissens über den selbstinszenierenden Charakter der sozialen Netzwerke und ihrer Darstellungen.

Die Überforderung der Identitätsbildung

Unsere zeitgenössische, individuelle Überforderung bei der Identitätsbildung ist somit nicht überraschend. Zusätzlich liefert sie ein Verständnis, warum es gerade den sogenannten neuen Rechten so erfolgreich zu gelingen scheint, die Menschen zu verführen. Denn sie bieten den Individuen eine klar getrennte, einfache Welt an, die angeblich früher schon einmal bestand und in der alles wieder überschaubar und gut sei. Sie suggerieren, dass sich die aus der Pluralität, Differentialität und Globalität ergebende Komplexität der heutigen Gesellschaften einfach abschaffen ließe und dadurch sowohl die gesamtgesellschaftliche als auch die individuelle Überforderung ein Ende hätten.

Die schicksalhaft bestimmte Gruppenzugehörigkeit bietet dem Individuum Orientierung

Mit ihren alten und rassistischen Definitionen der Kategorien Volk und Nation, die sich nicht nach Staatszugehörigkeit bestimmen, sondern denen eine Blut- und Abstammungsideologie zugrunde gelegt wird, reaktivieren sie das Prinzip externer und substantieller Identitätszuschreibung. Jedem Menschen wird demnach mit seiner Geburt ein fester Identitätskern übertragen. Der Effekt einer solchen Definition ist eindeutig. Die schicksalhaft bestimmte Gruppenzugehörigkeit bietet dem Individuum Orientierung an, gibt ihm einen festen Platz in der Welt. Es löst somit angeblich alle Probleme mit einem Mal. Zusätzlich sorgt das Freund-Feind-Schema, welches einer solchen Definition per se gegeben ist, einerseits dafür, eine eigene Homogenität zu erzeugen und deren Gruppengefühl zu verfestigen. Andererseits dient es zur Selbsterhebung des Eigenen und zur Herabsetzung des Anderen, welches in idealer Weise das eigene Minderwertigkeitsgefühl kompensiert. Und das alles erhält das Individuum, ohne auch nur irgendeinen Einsatz oder Aufwand betreiben zu müssen. Gibt es denn etwas Einfacheres auf dem Warenmarkt der Identität?

Die Anziehungskraft einfacher Lösungsmodelle erscheint verlockend

Wenig erstaunlich, dass in einer Zeit der permanenten und überfordernden Identitäts- und Lebenssinnproduktion die Anziehungskraft einfacher Lösungsmodelle verlockend erscheint. Dass die nicht mehr nur versteckt rassistischen, xenophoben Ansichten auf dem besten Wege sind, gesellschaftsfähig zu werden, liegt eben nicht nur in Wirtschafts- und Flüchtlingskrisen begründet. Sie verstärken zwar durchaus gewisse Prozesse von Abgrenzungsbestreben oder befördern die Xenophobie. Dahinter steht jedoch eben jene tiefgreifende Identitätskrise.

h6. Das aktuelle Brexit-Votum offenbart die Identitätskrise

Dieser gilt es sich nun gesamtgesellschaftlich zuzuwenden. Denn es ist der Zeitpunkt schon längst gekommen, in der sich die europäische Gemeinschaft ihrer kollektiven und individuellen Identitätskrise bewusst werden und anfangen muss, ihre Wert- und Lebensmodelle aktiv zu verteidigen. Das aktuelle Brexit-Votum offenbart, wie weitgreifend die Identitätskrise schon in das Mark der Menschen Europas eingedrungen ist und wie vermeintlich schnell die Identitätslücke mit einem auf Abschottung und Nationalismus basierenden Wertmodell gefüllt werden kann. Es ist also allerhöchste Zeit, den Menschen zu verdeutlichen, dass eine Identität, deren Zielrichtung in die Vergangenheit weist, nicht für eine Rückkehr von Einfachheit und Überschaubarkeit sorgt, sondern nur in einer gewalttätigen Eskalation innerhalb und außerhalb einer Gesellschaft münden kann. Denn das versprochene Ziel einer einfachen Welt, in der die Komplexität, Pluralität und Globalität einfach beendet werden, ist paradox.

Die Historie und Zeit lassen sich nicht zurückdrehen, auch wenn AfD, Front National und ähnliche Konsorten es noch so oft versprechen mögen. Verlieren lassen sich nur die Freiheit und Unabhängigkeit, welche uns Menschen in Europa eine größtmögliche Selbstbestimmung und Selbstgestaltung unseres Lebens garantieren. Diese historisch relativ junge Errungenschaft sollte nicht so schnell wieder aufgegeben werden. Dafür lohnt es, sich einzusetzen. Im Notfall mit seiner ganzen Identität.

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