RWE folgt der lautesten Meute – oder der Vernunft?

Die Zeiten sind vorbei und die Worte hinfällig, welche dem dichtenden Fachjournalisten als Metaphern zu RWE einfielen – die Aktie „elektrisierte“ den Anleger, oder setzte die Börse wahlweise „unter Strom“, oder es gab halt mal einen Kurzschluss bei der Hauptversammlung.

Nun gut, mit Strom hat RWE weiterhin zu tun, elektrisiert ist allerdings kaum jemand, und bei Dunkelflaute muss noch ein Wort für die Börsenreaktionen gefunden werden. Gleichmut mit Gleichstrom? Oder nicht zündende Geschäftsmodelle? Es bleibt ja noch etwas Zeit, denn bei der diesjährigen Hauptversammlung von RWE blieb es verhältnismäßig unspektakulär.

Der Vorstand und viele andere im Saale mögen sich allerdings so ihre Gedanken gemacht haben ob der Proteste vor dem Tore. Dort ging es den Versammelten, die sich dem Umweltschutz verpflichtet zu sein anheischig machten, um solche Dinge wie den Hambacher Forst, genannt Hambi (?!), in seinem jetzigen Zustand erhalten zu wissen. Nicht bedacht wurde dabei, dass aufgrund des Braunkohletagebaus, der dort weit fortgeschritten ist, die Bäume des Forstes keine Chance auf Überleben haben, denn die Landschaft drumherum ist längst steil abfallend – und nach der Umgestaltung und Wiederbegrünung wären mehr Bäume da als vorher. Die anderswo fast täglich übrigens in weit höherer Zahl für Windkraftwerke mitten im Wald gefällt werden, aber das muss man nicht wissen, hat man nur „Haltung“ und hehre Ziele.

Die macht sich RWE nun (fast) zu eigen, den Protestlern geht es nicht schnell genug, aber es kommt: In der Essener Grugahalle, wo schon so mancher Gigant des Rock und Pop zugange war, lässt Konzernchef Rolf Martin Schmitz die Anleger wissen, dass man sauberen und sicheren Strom erzeugen werde, in einem Jahr schon werde man RWE nicht wiedererkennen, und das klang doch ungewollt ominös. Zumindest solange sauberer Strom in Deutschland nach Gesetzeslage entweder sauber oder sicher ist, aber nie beides gleichzeitig, warten die Aktionäre darauf, wie jenes Rätsel denn gelüftet werden soll. Saubere Kernenergie vielleicht? Oder Pumpspeicherwerke für Solarstrom, von denen niemand weiß? Schmitz beschied die Paroleninhaber draußen vor der Tür jedenfalls mit der Altersweisheit, dass zum Fordern auch das Machen gehöre. Also hat der Mann offensichtlich noch was vor. Eines nicht allzu fernen Tages mag er den großen grünen Hebel umlegen, der die Kohleverstromung abstellt. Und dann einen Augenblick gebannt innehalten, in der bangen Erwartung was geschieht – mit Licht und Wärme einerseits, mit der RWE-Aktie andererseits.

Die Umweltbewegten hätten die Zeremonie gar so gern schon am Freitag erlebt, aber Geduld ist auch eine Tugend. Außerdem hat Schmitz einen Trumpf in der Hinterhand: Es gibt noch EON. Dieser Konzern wiederum übernimmt die Gas- und Stromnetze von der zu zerschlagenden RWE-Tochter Innogy und fabriziert Energie weiter wie gehabt. So dass der grüne Schalter jedenfalls nicht alles ausknipst, an das wir uns so gewöhnt haben. Aber – für spannende Unterhaltung in den nächsten Monaten ist gesorgt, was der Zuschauer für 1,5 Milliarden Investitionssumme von RWE wohl auch erwarten darf. Ein wenig Zuwarten dürfte da wohl die Hauptbeschäftigung der RWE-Aktionäre und jener, die es unter Umständen werden wollen, bis zum Paukenschlag bleiben.

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