Wie reden wir eigentlich über die Minderheit der Reichen?

Während mit Blick auf andere Minderheiten in den Medien eine hohe Sensibilität herrscht und stets vor „Pauschalurteilen“ und „Generalverdacht“ gewarnt wird, gilt all dies für „die Reichen“ nicht. Vorurteile und Stereotype über diese Gruppe werden verbreitet, ohne dass daran Anstoß genommen würde. Es gehört in weiten Kreisen zum guten, politisch korrekten Ton, mit Herablassung zu sprechen.

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cc-by-sa Bard of Earth

Im April 2016 wurden von einem internationalen Rechercheteam mit 400 Journalisten die sogenannten „Panama-Papers“ veröffentlicht. Es ging dabei um Informationen über Briefkastenfirmen in Panama. Die „Süddeutsche Zeitung“ sprach vom „größten Datenleck, das es je gab“, wobei „Datenleck“ eine euphemistische Formulierung für einen Hackerangriff auf die Daten der in Panama ansässigen Anwaltskanzlei Mosack Fonessca war. „Leak“, so informierte die „Süddeutsche“, heiße so viel wie „ein Datenleck, aus dem plötzlich die Wahrheit fließt“.

Ob sich hinter den Briefkastenfirmen illegale oder überhaupt auch nur anrüchige Aktivitäten verbargen, blieb dabei offen. In der FAZ hieß es: „Greifbare strafrechtliche Vorwürfe – Briefkastenfirmen sind zunächst nicht illegal – sind bislang selten.“
Die Frage der Legalität spiele jedoch keinerlei Rolle, so meinte ein Interviewpartner in der „Süddeutschen“. Begründung: „Sklaverei war lange Zeit auch legal.“ Die Serie in der „Süddeutschen“ hieß: „Die Geheimnisse des schmutzigen Geldes“. Eine gehörige Brise Antikapitalismus dürfte natürlich nicht fehlen: „Briefkastenfirmen sind globalisierter Kapitalismus in Reinkultur.“
Nun kann man durchaus davon ausgehen, dass Briefkastenfirmen häufig auch von Schwarzgeldwäschern, Drogenhändlern oder korrupten Politikern aus aller Welt benutzt werden. Auffällig war jedoch, dass in den Artikeln verallgemeinernd auf einmal „die Reichen“ oder die „Superreichen“ unter Generalverdacht gestellt und auf die Anklagebank gesetzt wurden:
„Von den Reichen sparen lernen“ lautete die große Überschrift der „Süddeutschen“. Selbst in Regionalmedien war die Sache ein großes Thema. Die „Nürnberger Nachrichten“ überschrieben ihren Artikel so: „In der Gier vereint. Was Despoten, Kriminelle und Reiche verbindet.“

„Zur Hölle mit den Reichen“

Eine ähnliche Berichterstattung gab es, als das internationale Rechercheteam im November 2017 seine Enthüllungen mit der Veröffentlichung weiterer Informationen fortsetzte, die „Paradise-Papers“ genannt wurden. Die Berichterstattung der Medien ähnelte jener zu den Panama-Papers. „Steuern zahlen nur Idioten und Arme“ behauptete etwa Jakob Augstein in „Spiegel-Online“. Der Artikel trug die Überschrift: „Zur Hölle mit den Reichen“. Tatsächlich ist genau das Gegenteil richtig: Arme zahlen in Deutschland überhaupt keine Einkommensteuer. Und 50 Prozent der Steuerpflichtigen bezahlen nur 5,5 Prozent der Einkommensteuern. Dafür sind sie aber Bezieher zahlreicher Transferleistungen, die von den Besserverdienenden finanziert werden. Unter dem Strich erhalten sie aus der Steuerkasse also mehr als sie einzahlen.

Und wie ist es mit den Reichen, die laut Augstein angeblich keine Steuern zahlen? Das Gegenteil ist richtig: Das obere eine Prozent der Steuerpflichtigen zahlt in Deutschland mehr als ein Fünftel der gesamten Einkommensteuer (22,2 Prozent). Und die zehn Prozent der einkommensstärksten Haushalte zahlen mehr als die Hälfte (55,3 Prozent) der Einkommensteuern. Der Anteil an der Finanzierung des Staatshaushalts dieser Haushalte mit hohem Einkommen hat seit 2010 zugenommen. Augsteins Behauptung, nur „Idioten und Arme“ zahlten Steuern, ist schlichtweg falsch.

Aber auch der durch die verallgemeinernden Formulierungen („die Reichen“) erweckte Eindruck, die meisten Reichen würden ihr Geld in Steuerparadiesen verstecken, wurde durch keine einzige Zahl belegt. In Hunderten Artikeln fand sich dazu nur eine einzige Information, nämlich in der „Süddeutschen“. Dort hieß es: „Die Panama-Papers zeigen auch, welche Rolle Offshore-Firmen in der Welt der Superreichen spielen. Hunderte Millionäre und Milliardäre horten ihr Vermögen in Steueroasen-Konstrukten, die von Mosack Foneska stammen, darunter 29 Personen, die auf der Forbes-Liste der 500 reichsten Menschen der Welt genannt werden.“

„Hunderte Millionäre und Milliardäre“ – das klingt sehr viel. Aber wenn man bedenkt, dass es laut dem “World Ultra Wealth Report 2017” 226.450 Personen mit einem Nettovermögen von mindestens 30 Millionen Dollar gibt, dann sind „Hunderte“ ein kleiner Prozentsatz, aber bestimmt nicht alle oder die meisten. Und wenn 29 der 500 reichsten Menschen dort Briefkastenfirmen haben, dann sind das knapp sechs Prozent. Da die „Süddeutsche“ selbst einräumt, dass keineswegs hinter jeder Briefkastenfirma etwas Illegales oder auch nur Anrüchiges stecken müsse, kann man davon ausgehen, dass selbst von diesen sechs Prozent viele nichts getan haben, was irgendwie Anlass zur Kritik bieten könnte. Die ständigen Pauschalisierungen, mit der „die Superreichen“ unter Generalverdacht gestellt wurden, haben offenbar keine Basis, sondern dienen dazu, bestehende Vorurteile gegen Reiche zu bestätigen.

Nach Terroranschlägen von Islamisten fehlte selten ein pädagogisch belehrender Zusatzteil in den Nachrichtensendungen, in dem uns ein Journalist warnte, man dürfe nicht alle Moslems „unter Generalverdacht“ stellen. „Nicht jeder Moslem ist ein Terrorist“, so wurden wir regelmäßig belehrt, obwohl ich selbst keinen einzigen Menschen kenne, der so etwas behauptet hätte. Die Warnung vor Pauschalisierungen, die nach solchen Anschlägen immer wieder eindringlich artikuliert wurde, findet sich jedoch in keinem der Artikel über die Panama- und die Paradise-Papers. Ganz im Gegenteil. Dort wird nichts getan, um bestehende Vorurteile gegen Reiche zu hinterfragen, sondern alles, um diese zu bestärken und zusätzlich zu schüren.
Eine Überschrift wie „Zur Hölle mit den Reichen“ gilt nicht als anstößig, aber eine Überschrift wie etwa „Zur Hölle mit den Moslems“ ist glücklicherweise ebenso undenkbar wie irgendeine andere Überschrift, in der eine Minderheit „zur Hölle“ gewünscht wird.

Vorurteile und das Stereotyp Content Model

Besonders seit der Finanzkrise von 2008 müssen „gierige Banker“, „raffgierige Manager“ oder generell „die Reichen“ als Sündenböcke herhalten. Die Ursachen der Finanzkrise sind äußerst komplex und selbst für Fachleute nicht einfach zu verstehen. Wie bei vielen Krisen wird jedoch nach „Schuldigen“ gesucht, wenn die eigentlichen Ursachen schwer zu verstehen sind. Schon Gordon W. Allport hatte in seinem Klassiker „The Nature of Prejudice“ diesen Sündenbock-Mechanismus beschrieben. Die Sündenbock-Theorie wurde danach allerdings auch mit zahlreichen Argumenten kritisiert. Unter anderem wurde eingewandt, dass bei manchen Ansätzen nicht klar werde, warum gerade eine bestimmte Gruppe als Sündenbock herhalten müsse oder es wurde eingewandt, dass – anders als in der ursprünglichen Theorie behauptet – die Sündenbock-Gruppen keineswegs unbedingt wehrlose Minderheiten sein müssten, sondern durchaus auch machtvolle Gruppen sein könnten.

Die Attributions-Theorie betont, dass Menschen dazu neigen, komplexe Ereignisse, die sich einer einfachen Erklärung entziehen, damit zu erklären, dass bestimmte Gruppen als „Schuldige“ identifiziert werden. Der amerikanische Psychologe Peter Glick argumentiert, dass Gruppen als Sündenböcke fungieren könnten, denen die Macht zugeschrieben werde, die negativen Ereignisse bewusst verursacht zu haben. Dies seien jedoch gerade nicht wehrlose Minoritäten. Glick bezieht sich hier auf das „Stereotype content model“, das von Susan T. Fiske, Amy J.C. Cuddy und anderen Wissenschaftler entwickelt wurde – und das ganz generell für das Verständnis von Stereotypen und Vorurteilen von großer Bedeutung ist. Ihre Theorie beschäftigt sich jedoch nur am Rande mit reichen Menschen, sondern es geht ihnen vielmehr ganz generell darum, zu zeigen, dass Vorurteile und Stereotype nicht notwendigerweise rein negativer Natur sind, sondern dass oft gerade die Mischung unterschiedlicher Stereotype charakteristisch für unser Bild von Fremdgruppen ist.

Nach Ihrem „model of (often mixed) stereotype content“ wird die emotionale Wahrnehmung von anderen sozialen Gruppen durch zwei Dimensionen bestimmt: Die erste Dimension ist warmth (Wärme, Herzlichkeit): Fremdgruppen können als warm und freundlich oder als kalt und unfreundlich stereotypisiert werden. Die zweite Dimension ist competence (Fähigkeit, Tüchtigkeit, Kompetenz). Untersuchungen belegen, dass diese beiden Dimensionen verantwortlich sind für mehr als 80 Prozent der Varianz in kulturellen Stereotypen und individuellen Eindrücken.

Es gibt vier mögliche Kombinationen für die Wahrnehmung einer Fremdgruppe:
Warm und kompetent
Warm und weniger kompetent
Weniger warm und kompetent
Weniger warm und weniger kompetent
Warum gerade diese Unterscheidung? Wenn Individuen oder Gruppen aufeinandertreffen, dann ist es entscheidend, einzuschätzen, ob es der andere (bzw. die andere Gruppe) gut oder schlecht mit der eigenen Gruppe meint, also welcher Art die Ziele sind, die er verfolgt. Ist der andere bzw. die andere Gruppe gegenüber der eigenen Gruppe freundlich oder unfreundlich gesinnt? Dies ist die Dimension der „Wärme“. Die zweite Frage lautet: In welchem Maße ist der andere bzw. die andere Gruppe in der Lage ihre (guten oder schlechten) Ziele auch tatsächlich zu realisieren, also wie fähig bzw. kompetent ist die Fremdgruppe?
Negative Einstellungen und Vorurteile gegenüber Fremdgruppen können sich also grundsätzlich aus zwei ganz unterschiedlichen Einschätzungen speisen: Die Fremdgruppe wird entweder als weniger fähig eingeschätzt (wie etwa Hausfrauen, Behinderte oder alte Menschen) oder aber als kalt/unfreundlich (wie etwa Asiaten, Juden, Karrierefrauen).
In mehreren Versuchen wurden die Personen gebeten, andere soziale Gruppen auf einer Skala von 1 bis 5 hinsichtlich der Dimensionen „Wärme“ und „Kompetenz“ zu beurteilen.
- Als warm und kompetent wird meist die eigene Gruppe wahrgenommen. Bei den Untersuchungen waren das in der Regel weiße Angehörige der Mittelschicht.
- Als warm und weniger kompetent werden beispielsweise Behinderte und alte Menschen wahrgenommen.
- Als weniger warm und sehr kompetent werden Juden, Asiaten und Reiche wahrgenommen.
- Als weniger warm und zugleich weniger kompetent werden Obdachlose und Sozialhilfeempfänger wahrgenommen.
Die höchste Kompetenz wurde reichen Menschen zugeschrieben, aber zugleich eine deutlich geringere Wärme. In der Auswertung der Befragungen wurde die Differenz zwischen der Wahrnehmung der Kompetenz und der Wärme ermittelt. Von 23 durch die Versuchsgruppen bewerteten Fremdgruppen war die Differenz für „Kompetenz – Wärme“ am höchsten bei Reichen, gefolgt von Asiaten. Diese beiden Gruppen wurden als äußerst kompetent, aber weniger warm wahrgenommen.

Reiche als Sündenböcke

Glick argumentiert nun, dass sich gerade solche Gruppen ideal als Sündenböcke eigneten: „High status or powerful (e.g. socioeconomically successful) minorities that are viewed as competing with the dominant group are subjected to envious prejudice: they are admired for their success, but also resented for it; stereotyped as highly competent, but as having hostile motives. Because envied minorities are viewed as having the power and intent to harm, they are at risk of being blamed for causing group-level frustrations.”

Typisch seien in diesem Zusammenhang Verschwörungstheorien, in denen diese Gruppen bezichtigt würden. Die Folgen für diese Gruppen könnten fatal sein: „If a scapegoated group is viewed as both powerful and malevolent, even the most extreme actions against them (e.g., murder) can be rationalized as self-defense.”

Glick betont, dass gerade in Krisensituationen Sündenböcke gesucht würden, weil die Mehrheit die komplexen Ursachen nicht verstehe: „In their collective search for plausible explanations and courses for action, people may come to inaccurate, even (to those with better or different information) objectively ridiculous, conclusions that scapegoat an innocent group. Incorrect attributions may occur because information and people’s cognitive abilities to process it are limited, especially when coping with large scale problems in complex, modern societies. For example, even professional economists may be unable adequately to explain an economic crisis… Scapegoat movements attract followers by offering simpler, culturally plausible explanations and solutions for shared negative events.”

Glick wendet sich gegen Allports These, dass als Sündenbock stets schwache, wehrlose Minderheiten ausgesucht würden. Das Gegenteil sei oft richtig: „It is precisely the perceived power of a group (not its perceived weakness) that makes it likely to be scapegoated.” Als Beispiele nennt er die Armenier in der Türkei oder die Juden in Deutschland oder die Tutsi in Ruanda sowie Reiche und Intellektuelle in Kambodscha. In all diesen Fällen waren es ökonomisch erfolgreiche Gruppen, die erst zu Sündenböcken gemacht und dann ermordet wurden. „Are groups always chosen for their perceived vulnerability? No, precisely the opposite – groups are scapegoated because they are (often falsely) perceived to be powerful and malevolent.“
Manche Menschen stoßen sich daran, wenn man von Reichen als einer „Minderheit“ spricht. Zahlenmäßig sind sie es dabei auf jeden Fall. Aber mit „Minderheit“ verbindet man eben häufig auch, dass eine Gruppe benachteiligt und wehrlos ist, was man von Reichen heute nicht behaupten kann. Reiche wurden jedoch im 20. Jahrhundert sehr häufig Opfer von Verfolgung und Vertreibung, so etwa bei kommunistischen Revolutionen. Und wir wissen aus der Geschichte, dass der tatsächlichen Aggression gegen Minderheiten stets Diffamierung, Vorurteile und die Verbreitung von negativen Stereotypen vorausgingen.

Dieser Beitrag wurde erstmals hier veröffentlicht.
Hier ein aktuelles Interview mit Rainer Zitelmann über die Superreichen.

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