Claas Relotius und der Fake-Journalismus

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte der Spiegel eine Story über eine „Studie“ des Schweizer Beratungs- und Prognose-Instituts Prognos, geschrieben nicht vom gefeuerten „Einzelfall“ Relotius, sondern von Michael Kröger. “Claas Relotius ging, der Geist, dem er diente, bleibt”, meint Vera Lengsfeld.

Kröger hat nichts erfunden, sondern nur wiedergegeben und interpretiert was in dem Papier steht, aber ohne jede kritische Frage, geschweige denn Faktencheck.

Die Überschrift zeigt schon, wohin der Leser geführt werden soll: „Warum Deutschland auch ohne VW, Daimler und BMW klarkommt“, heißt es kühn, obwohl die Schweizer Prognostizierer nur über die Folgen eines 40%gen Einbruchs der deutschen Autoindustrie spekulieren.

Mehr als Spekulationen sind es wirklich nicht, was Kröger auch zugibt:
„Um Panikattacken und Schnappatmung vorzubeugen, betont Studienleiter Oliver Ehrentraut gleich zu Beginn, dass es sich nur um Gedankenspiele handelt […]“

Gedankenspiele also, denen das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit umgehängt wird.
“Das Szenario analysiert die Konsequenzen, die entstehen, wenn Verantwortliche in der Autoindustrie die absehbaren Strukturveränderungen verpassen und dadurch im Wettbewerb ins Hintertreffen geraten“. Die „Gedankenspiele“ basieren also auch noch auf einer fiktiven Annahme. Haben Kröger, oder gar die Faktencheker des Spiegel das wirklich nicht bemerkt?

Kaum anzunehmen, aber offenbar soll die grüne Botschaft, dass es uns auch ohne Auto gut geht, um jeden Preis an die Leser gebracht werden. Schließlich „würden einige der Deutschen Bank im Falle ihres Untergangs keine Träne nachweinen“. Als er diesen kühnen Satz schrieb, muss unserem Relotianer etwas unwohl geworden sein, denn er schiebt schnell nach, dass der „Kollaps der Deutschen Bank wesentlich gravierendere Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft als der von einem Industriekonzern wie BMW“ hätte . Wie wahr! Mit dem Untergang dieser Bank würde eine tragende Säule des Wirtschaftssystems zusammenbrechen und alle Strukturen mit in den Untergang reißen. Da bliebe kein Auge trocken. Herr Kröger könnte sich dann auf seinem Fahrrad, das er hoffentlich aus dem Chaos gerettet hat, auf Hamsterfahrt ins Alte Land aufmachen und versuchen, bei den dortigen Bauern seine Rolex, wenn er denn eine hat, für etwas Essbares einzutauschen.

Gott sei Dank wäre der Zusammenbruch der Autoindustrie weit weniger schlimm. Die Luft wäre dann gereinigt von schädlichen Diesel- und Benzinabgasen, die Schornsteine der Brikettfabriken rauchten nicht mehr.

„Das Szenario der Prognos-Ökonomen für die Autoindustrie kann man als Beleg dafür heranziehen. Demnach würden die Autobauer bis 2045 rund 40 Prozent ihrer Umsätze verlieren. Ungefähr 260.000 Arbeitsplätze gingen verloren.
In der Folge würden auch die anderen Industriezweige leiden – aber bei Weitem nicht so stark, wie man es zunächst erwartet hätte. Die Wertschöpfung außerhalb der Autobranche würde demnach um 15 Milliarden Euro sinken, das sind gerade einmal 2,2 Prozent im Vergleich zum normalen Szenario ohne Autopleiten“. Na bitte, der Verlust von ein paar hunderttausend Arbeitsplätzen ist doch kein Problem, sagt Relotist Kröger. Wir kommen klar!

„Selbst den Autoherstellern eng verbundene Bereiche wie Autohandel und Werkstätten wären nur ähnlich stark betroffen wie der Rest der Industrie (weil natürlich Konkurrenten aus dem Ausland an die Stelle der bisherigen Marktführer treten würden). In der Summe, so rechnen die Forscher vor, würde die Volkswirtschaft rund 4,6 Prozent ihrer Wertschöpfung und rund 740.000 Arbeitsplätze verlieren.”

Was die Schweizer Prognostiker und Kröger gänzlich übersehen ist die Tatsache, dass es sich um den produktiven Bereich der Gesellschaft handelt, in dem allein Wertschöpfung stattfindet. Wenn der teilweise von Konkurrenten im Ausland übernommen wird, hat das dramatische Auswirkungen auf alle, denn die Papierberge, die von Bürokraten, Studienherstellern, Experten aller Art, NGOs, Gleichstellungs-, Integrations-, Frauen und anderen Beauftragten, von Politikern, ihrem Personal und ihren willigen Schreiberlingen produziert werden, taugen weder als Essen, noch als Kleidung, noch sind sie in irgend einer Weise produktiv für die Herstellung der Lebensnotwendigkeiten der Gesellschaft.

„Rechnung tragen müssen die Autokonzerne auch den veränderten Ansprüchen der Gesellschaft, in der das Auto seine einst zentrale Rolle für die Mobilität allmählich verliert“.
Damit lässt Kröger die Katze aus dem Sack. Es geht um das links-grüne Ziel, die individuelle Mobilität und damit ein erhebliches Stück Freiheit, abzuschaffen. Während die aufstrebenden Gesellschaften dieser Welt vom Fahrrad auf das Auto umsteigen, soll Deutschland der umgekehrte Weg aufgezwungen werden. Das ist ohne aufwendige Propaganda nicht möglich. Es hat drei Jahrzehnte Anti-Atomkraft-Propaganda bedurft, ehe der Atomausstieg umgesetzt werden konnte.

Es wird mindestens ebenso lange dauern, bis den Deutschen eingebleut worden ist, dass sie auch ohne Auto klar kommen. Für Handwerker werden schon Lastfahrräder angepriesen. Beim Klimagipfel in Paris wurde schon mal auf den Champs Elysees demonstriert, dass man die Straßenbeleuchtung auch durch fleißiges Strampeln in die Pedalen unterhalten kann.

Wie der Spiegel die Bedürfnisse seiner (sinkenden) Leserschaft bedient, kann man in den Kommentaren nachlesen. Ein Teil zeigt sich erleichtert, dass endlich mal gesagt wird, dass man auch ohne Autos auskommt. Eine wachsende Zahl sieht die Relotius-Produktionen kritisch:

Sharoun 18.12.2018

22. Geldfresser Auto
Es wäre interessant zu untersuchen, wie es sich auf die Volkswirtschaft auswirkt, wenn breite Schichten auf das Konsumprodukt Auto verzichten (bzw. sich nur das leisten, was ohne Verschuldung machbar wäre). und stattdessen ihr sauer verdientes Einkommen alternativ vor Ort ausgeben für gutes Essen, Teilnahme an sozialem und kulturellem Leben, werthaltige Gegenstände, ein eigenes Haus, eine Altersvorsorge usw. Schlecht für die stark monopolisierte Autoindustrie, aber den häufig weggebrochenen Strukturen in der Fläche (Restaurants, Kneipen, Kinos, Ballsäle…) käme das zugute. Man muß sich immer vor Augen halten, daß das NICHT für das Automobil rausgeschmissene Geld ja nicht verfällt – es wandert nur in andere Portemonaies als in die des Autosektors.

Spiegeldings123 18.12.2018
28. Ha, ha, ha!!!

“Warum Deutschland auch ohne VW, Daimler und BMW klarkommt.” Lieber Herr Kröger, Deutschland kommt schon jetzt nicht mehr klar. Der Berliner Flughafen, die Bundeswehr, die Deutsche Bahn, alles nur noch ein Witz. Deutschland verliert sich in Öko-Flausen, Weltrettungsversuchen hinter offenen Grenzen, ohne über diese zu schauen. Wir geben ab. Fachkräfte muss man selber ausbilden. Das erfolgt u.a. auch bei Daimler, VW und BMW. Die Liste, was Deutschland schon alles nicht mehr kann, wird jeden Tag länger. Aber wenn wir als nächstes mit einem Agrarland auf dem Stand des 19. Jahrhunderts zufrieden sein wollen der müssen …?! Deutschland schleift sich runter. Und noch etwas, wir sind ein Auswanderungsland. In den Kreisen, die mir zugänglich sind, geht der gut ausgebildete Nachwuchs zu nahezu 100% weg hier. Aber es kommt ja auch “Ersatz” über das Mittelmeer usw. Deutschland bzw. seine Politiker, diese EU sind so von ihren “Missionen” so besessen, dass sie gar nicht mehr merken, dass die 80 Mio. Deutsche lediglich 1% der Weltbevölkerung ausmachen, die sie retten wollen. Sorry aber Deutschland ist perspektivlos regiert worden. 2030, wo dann hier das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet sein soll, nehme ich als den Zeitpunkt, zu dem hier die Lichter ausgehen. Das halten wir kaum mehr 10 Jahre so durch so. Gesponnen wird zwar immer, aber jetzt geht es dann an die Substanz. Und ja auch reiche entwickelte Länder können verarmen und abgehängt werden. Schlagen sie es in den Geschichtsbüchern nach.

Und spmc-125536125024537 18.12.2018 resümiert:

25. Weissagung der Cree 2.0
Erst wenn das letzte Kraftwerk abgeschaltet und der letzter Verbrenner stillgelegt ist, werdet ihr feststellen, dass man saubere Luft nicht essen kann.

Quelle: Vera Lengsfeld

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