Steht Kevin Spacey vor dem Comeback?

Nachdem bekannt wurde, dass sich der Schauspieler Kevin Spacey im Januar vor einem US-Gericht zu seinen Missbrauchsvorwürfen verantworten muss, hat er an Heiligabend ein Video veröffentlicht, indem er in seiner Paraderolle als Frank Underwood mit mysteriösen Aussagen ein Comeback andeutet und einen Befreiungsschlag in Aussicht stellt. Von Andreas T. Sturm.

Der Fall Kevin Spacey

Kevin Spacey postete am Heiligabend ein bizarres Video in seiner Paraderolle als Frank Underwood, den machtsüchtigen und manipulativen Präsidenten aus »House of Cards«. Doch die sechste und letzte Staffel wurde gerade ohne ihn ausgestrahlt. Nachdem Ende Oktober junge Schauspieler Missbrauchsvorwürfe gegen Spacey erhoben haben, wurde er sofort von Netflix gefeuert und Robin Wright drehte in ihrer Rolle als Frau des Präsidenten die letzte Staffel der preisgekrönten Politikserie zu Ende.

Kevin Spacey äußerte sich per Facebook-Post zu den Missbrauchsvorwürfen. Er gab an, sich nicht erinnern zu können, nutze dies als Plattform, um seine Homosexualität zu bekennen und wollte sich in professionelle Hilfe begeben. Einige Schwulen-und Lesbenverbände waren äußerst erbost darüber, da es aussah als stünden Spaceys Missbrauchsfälle im Zusammenhang mit seiner Homosexualität.

Nachdem es still um Spacey wurde, gab es Vorstöße von Kollegen, die sich ein Comeback des Schauspielers vorstellen konnten. Der Filmemacher Paul Schrader (»Taxi Driver«) erklärte auf Facebook, dass er gerne mit Kevin Spacey zusammenarbeiten würde. Nach kurzer Zeit löschte Schrader seinen Post. War der Shitstorm zu groß? War dies ein Testballon, um zu sehen, wie die Öffentlichkeit auf Comeback-Gerüchte Spaceys reagieren würde? Selbst Robin Wright, seine Filmfrau aus »House of Cards«, ist der Meinung, dass Kevin Spacey ein Comeback verdient habe, wenn er sich zum Besseren ändern würde.

Kevin Spaceys bizarres Video zu Heiligabend

Am Heiligabend veröffentlichte Kevin Spacey ein Video auf seiner Facebook-Seite, in dem er erneut in seine Rolle als Frank Underwood schlüpfte. Im dreiminütigen Clip steht er mit Weihnachtspulli steht er an der Spüle Das Video trägt den zweideutigen Namen »Let Me Be Frank«, also in Anlehnung an seine Serienrolle »Lassen Sie mich Frank sein« oder »Lassen Sie mich aufrichtig sein«.

Mit markanten Sätzen verschwimmt die Grenze zwischen der fiktiven Figur des Frank Underwood und des unter dem Missbrauchsverdacht stehenden Kevin Spacey. Die beiden scheinen verschmolzen zu sein, der Zuschauer erkennt kaum wann der Schauspieler und wann der fiktive Seriencharakter spricht. Eine Kostprobe:

»Natürlich haben sie versucht uns zu trennen, aber was wir haben, ist zu stark.«

»Wir haben alles geteilt, und ich habe dir meine tiefsten, dunkelsten Geheimnisse erzählt. Ich habe dir gezeigt, wozu Menschen fähig sind. Ich habe dich mit meiner Ehrlichkeit schockiert, aber vor allem habe ich dich herausgefordert, dich zum Nachdenken gebracht, und du hast mir vertraut – obwohl du wusstest, dass du das nicht tun solltest.«

Der Tonfall des Frank Underwood ist unverkennbar, so folgen weitere Ankündigungen:
»Wir sind noch nicht fertig – egal, was irgendjemand sagt.«

Plötzlich wechselt Spacey/Underwood in die dritte Person:

»Außerdem weiß ich, was du willst, du willst ihn zurück.«

Dies könnte sowohl Spacey über Underwood als auch Underwood über Spacey sagen.
In einer folgenden Passage, die ebenfalls zu beiden passt, scheinen vorrangig die Missbrauchsvorwürfe thematisiert zu werden:

»Natürlich haben einige alles geglaubt und haben mit angehaltenem Atem darauf gewartet, dass ich gestehe. Sie würden dafür sterben, mich sagen zu hören, dass alles, was behauptet wurde, wahr ist und dass ich bekommen habe, was ich verdiene. Wäre das nicht leicht, wenn alles so einfach wäre? Aber wir beiden wissen, dass es niemals so einfach ist – nicht in der Politik und nicht im Leben.«

Ganz deutlich wird dies, wenn er den Zuschauer weiterhin in typischer Underwood-Manier anspricht:
»Aber du würdest nicht einfach das Schlimmste glauben, ohne dass es Beweise gibt, oder? Du würdest nicht vorschnell urteilen ohne Fakten. Würdest du? Hast du? Nein, du nicht, du bist schlauer.«

Als Spacey/Underwood süffisant anmerkt, dass der Zuschauer nicht gesehen hat, wie Frank Underwood starb, klingt dies wie eine Comeback-Ankündigung – und genau hier wird deutlich, wie sehr Spacey und Underwood tatsächlich verschmolzen sind. Beide kämpfen den gleichen Kampf, die Rehabilitation, den Kampf zurück in die Öffentlichkeit, doch der eine kann nicht ohne den anderen zurückkehren. Symbolisch macht Kevin Spacey in dem Video den Abwasch, als würde er seine Hände in Unschuld waschen.

Zu der Frage, die mich umtreibt, kommt Spacey von ganz alleine zu sprechen:

»Wenn wir beide in den vergangenen Jahren eines gelernt haben, dann, dass im Leben und in der Kunst nichts tabu sein sollte. (…) Ich habe den Preis für die Dinge bezahlt, von denen wir wissen, dass ich sie getan habe, aber ich werde sicher nicht den Preis für die Dinge zahlen, die ich nicht getan habe.«
Doch nun, wie ist das Verhältnis von Kunst und Moral?

Über Kunst und Moral: Die Grenzen eines Lösungsansatzes

Roman Polanski, Harvey Weinstein, Kevin Spacey und es wird noch weitere geben. Wie gehen wir mit der Kunst von Missbrauchstätern um? Wie ist das Verhältnis von Kunst und Moral? Dazu drei Möglichkeiten als Denkanstöße:

1. »Kunst und Moral sind zwei unterschiedliche Gebiete und dürfen nicht miteinander vermischt werden, das Kunstwerk bleibt daher unbenommen der moralischen Integrität des Künstlers, selbst wenn er ein Missbrauchstäter ist«.

2. »Das Kunstwerk eines Missbrauchstäter darf nicht verehrt werden.«

3. »Man muss im Einzelfall entscheiden, wie man mit den Kunstwerken eines Missbrauchstäters umgeht.«

Die scheinbar klare Unterscheidung zeigt, dass jeder Fall ein Einzelfall ist und es dadurch problematisch wird.

a) Wann beginnt Missbrauch? Ist es schon ein Anmachspruch à la Brüderle? Die meisten werden dies verneinen, doch wie stark wurde Rainer Brüderle über Wochen wegen eines vermeintlichen ›Herrenwitzes‹ zu Laura Himmelreich attackiert? Bei anderen Politikern würde ein solcher Spruch durchgehen. Dies zeigt: hierbei ist Vorsicht geboten, denn ein scheinbar ›flotter Spruch‹ kann schnell eine Grenze übertreten und zum verbalen Übergriff werden und dabei ist der seelische Missbrauch nicht geringer zu bewerten als der körperliche Übergriffe. Das gilt insbesondere für diejenigen, die gezielt ihre Machtposition ausnutzen.

b) Es wäre unwürdig, Missbrauchsfälle miteinander zu vergleichen und im einen Fall mit Zensur zu drohen und im anderen Fall zu verkünden, dass dies ein nicht so schwerer Missbrauchsfall war. Was würde das für die Opfer bedeuten, die weniger Beweise haben oder sich nicht so gut rhetorisch äußern können?

c) Welche Kunstwerke werden geächtet? Im Fall eines Schauspielers oder eines Malers: Alle Kunstwerke? Alle Kunstwerke nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle? Wir müssen vorsichtig mit der Zensur sein, doch es darf auch kein Geschäftsmodell geben, wenn Künstler wegen des positiven Effekts des höheren Zuschauerinteresses die Bestrafung billigend in Kauf nehmen.
d) Es ist schwierig, eine faire und gerechte Lösung zu finden. Während es Künstler gibt, die, wie Roman Polanski, trotz Missbrauchsvorwürfen beinahe unbenommen weiter tätig sein dürfen, gibt es andere, die durch eine Vorverurteilung praktisch keine Chance auf eine Rehabilitation haben. Wurden sie erst mit Schmutz beworfen, bleibt auf jeden Fall etwas hängen.

Um was es bei Kunst und Moral in Wirklichkeit geht

Kommen wir zurück zu Kevin Spaceys Video. So sagt der Schauspieler in seiner Rolle als Frank Underwood folgenden Satz, der näher an der Wahrheit liegt als die meisten Dinge, die über ihn gesagt wurden:

»Natürlich werden Sie sagen, dass ich respektlos bin, weil ich mich nicht an die Regeln halte – als ob ich jemals nach den Regeln von irgendjemand anderem gespielt hätte. Das habe ich nie getan – und du hast es geliebt«.

Hier steckt die Wahrheit. Mit seiner manipulativen Gesprächstechnik durchbricht Frank Underwood in »House of Cards« die vierte Wand zum Zuschauer, wie es durch die großen Manipulatoren in Shakespeares Dramen wie den Figuren Richard III. und Jago bekannt wurde. Die fiktive Figur ist sich den Zuschauern bewusst und kommuniziert direkt mit ihnen. Der Effekt ist bemerkenswert, die Zuschauer werden mit in die Handlung hineingezogen und geraten in eine Art Komplizenschaft. Trotz Frank Underwoods verabscheuenswürdigen Taten scheinen die Zuschauer ihm insgeheim die Daumen zu drücken, er zieht seine Linie mit einer Skrupellosigkeit durch, die viele bewundern mögen. Wer wünscht sich nicht in der einen oder anderen Situation ein paar Prozent Frank Underwood?

Es ist auch spannend, dass die Fans der Serie »House of Cards« fünf Staffeln lang einem abscheulichen Politiker dabei zuschauen, wie er Weggefährten nach Belieben hintergeht, Menschen in den Tod treibt (und sogar selbst tötet) und auf den Grabstein seines Vaters pinkelt – und sich dann darüber wundern, dass der Schauspieler in Realität etwas von dem hat, was er auf der Leinwand verkörpert.

Genau deshalb ist dies vielleicht keine Frage von »Kunst und Moral«. Oscar Wilde schrieb in seinem einzigen Roman »Das Bildnis des Dorian Gray« in der Vorrede eine kurze Abhandlung über die Kunst und ihre moralische Bewertung. Einer seiner Kernsätze ist:

»So etwas wie ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind gut geschrieben oder schlecht geschrieben, weiter nichts.«

Zwar hatte Wilde einen ganz anderen Hintergrund als Teil der Ästhetizismus-Bewegung, die den Grundsatz »L’art pour l’art« predigte, in Abgrenzung von den heuchlerischen viktorianischen Moralvorstellungen. Meine Erkenntnis lautet: »Ein gut geschriebenes Buch ist meistens nicht gleichzeitig auch das moralischste Buch.« Und allzu moralische Bücher liest niemand gerne.

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