Diese fünf Anzeichen sprechen für eine Rezession

Es brennt an den Märkten. Und zwar lichterloh. Vor allem mit Blick auf Deutschlands Leitindex scheint das Feuer allmählich außer Kontrolle zu geraten. Ein rabenschwarzer Donnerstag lies den Dax nun ganz offiziell in einen Bärenmarkt stürzen. Unter Anlegern scheint die Angst vor einer Rezession allgegenwärtig. Was dafür spricht und auf welche Kriterien es jetzt ankommt. Von Oliver Götz.

Es herrscht mal wieder Ausverkaufsstimmung an den Märkten, manch Börsianer sprach auch vom nächsten „Mini-Crash“. Fakt ist: Weltweit purzelten unter der Woche zum wiederholten Mal die Kurse. So verlor der Dow Jones innerhalb von zwei Handelstagen zwischenzeitlich über 1.500 Punkte, ehe er sich dank der Aussicht auf möglicherweise nun doch vorsichtigere Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed bereits am Donnerstagnachmittag einigermaßen deutlich erholten konnte. Ausgehend vom Beginn des Abwärtstrends am Dienstag steht der amerikanische Leitindex aber immer noch mit 3,5 Prozent im Minus. Den schwachen US-Vorgaben zufolge erging es den wichtigen Indizes in China, Japan und Europa ähnlich. Der Nikkei verlor zwischenzeitlich rund fünf Prozent auf 21.501 Zähler, der Hang-Seng-Index rutschte um vier Prozent auf 26.156 Punkte ab, der EuroStoxx50 musste mit einem Minus von fast sieben Prozent sogar noch deutlicher federn lassen und konnte sich nur noch gerade so über der 3.000er-Marke halten. Heftig erwischte es einmal mehr auch den Dax, der zwischenzeitlich auf 10.760 Punkte in die Tiefe stürzte und damit in einer Region notierte, die er seit zwei Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Am Freitag dann kam es durch die Bank zu leichten Gegenbewegungen und Erholungen, die jedoch weit davon entfernt blieben die zuvor angehäuften Wochenverluste wieder wettzumachen. Ausgehend von seinem Rekordhoch im Januar bei 13.570 Punkten hat der Dax nun schon 20 Prozent an Wert eingebüßt. Damit sei er nun „offiziell im Bärenmarkt angekommen“, resümierte die Citigroup.
Thema Nummer eins blieben weiterhin die „Ängste und Sorgen um eine sich eintrübende Wirtschaft und den Handelsstreit zwischen den USA und China“, hieß es in der Mitteilung der US-Bank weiter.

1. Der Handelskonflikt

Die wurden unter der Woche durch die auf Bitten der USA in Kanada festgenommene Huawai-Finanzchefin Meng Wanzhou neu befeuert. Ihr werden von US-Seite offenbar Geschäfte mit dem Iran vorgeworfen, womit sie sich gegen das Embargo aus Washington widersetzt hätte. „Schwer vorstellbar, dass diese Entwicklung zu einer Deeskalation im Zollstreit zwischen den USA und China beiträgt“, schrieb Emden Research-Analyst Gregor Kuhn. Darüber hinaus hatte Donald Trump am Dienstag erneut mit Zöllen gedroht und auf weitere, umfangreichere Handelsvereinbarungen gepocht. Sah es zuletzt nach Annährung aus, setzt Trump die Segel nun wieder auf Konfrontationskurs.

Aber auch aus China fehlen klare Bekenntnisse. Es steht bis dato nicht fest, ob China wirklich die Autozölle kappen wird wie von Trump auf Twitter verkündet, schrieb Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. Zwar dürfte bis April der vereinbarte Waffenstillstand herrschen, doch was dann passiert, weiß keiner. Von einer finalen Einigung seien beide Seiten jedenfalls weit entfernt, glaubt QC-Partners-Experte Thomas Altmann. „Man weiß nicht wie schlimm es noch werden wird“, warnte JP Morgan-Chef Jamie Dimon.

Dabei entfalteten die Strafzölle schon jetzt und zunehmend ihre lähmende Wirkung auf die Weltwirtschaft, so Stanzl. „China soll im November weniger exportiert haben. In Japan sagt der Notenbankchef, dass tiefe Zinsen noch eine lange Zeit bleiben werden, weil die Konjunktur so schwach ist.“ In den USA ist derweil der Fehlbetrag der Handelsbilanz auf 55,5 Milliarden Dollar und damit den höchsten Stand seit zehn Jahren geklettert. Mitschuldig dürften unter anderem die eingebrochenen Soja-Exporte nach China sein.

2. Die inverse Zinskurve

Neben dem dominierenden Thema „Handelskonflikt“ droht fernab großer politischer Streitigkeiten auch von den Bond-Märkten Gefahr. Genauer gesagt vom Phänomen der „inversen Zinskurve“, zu dem es dann kommt, wenn die Renditen langfristiger Anleihen niedriger sind, als die der kurzfristigen. Börsenkennern gilt die Kurse als Rezessionsanzeichen. Seit 1975 tauchte sie vor jedem Abschwung auf. Und die Rendite zehnjähriger US-Anleihen lag jüngst nur noch 0,1 Prozent über der der zweijährigen. So gering war der Abstand zuletzt 2007, kurze Zeit später folgte die große Banken- und Finanzkrise. Mit Blick auf Deutschland ist die Differenz nicht ganz so deutlich zusammengeschmolzen. Dennoch fiel sie auch hier auf den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahr. Der Spread zwischen dreijähriger und fünfjähriger US-Anleihe rutschte dagegen zu Wochenbeginn sogar 1,4 Basispunkte ins Minus. Der zwischen zwei- und fünfjähriger ebenso.

3. Der Transportsektor

Nicht ganz so bedrohlich, aber dennoch auffällig scheint die Schwäche des Transportsektors. Warum? Weil Transport-Aktien seit jeher als eine Art Frühindikator gelten. Entwickeln sie sich gut, entwickelt sich auch die Gesamtwirtschaft gut. So zumindest die Theorie, die leider auch umgekehrt gilt. Entwickeln sich die Aktien des Sektors schlecht, tut das in der Folge womöglich auch die Wirtschaft im Allgemeinen. Und – richtig geraten – gerade ist genau das der Fall, sie entwickeln sich schlecht. Zumindest und allen voran in den USA. Hier gab der Dow Jones Transportation Average mit zirka 4,5 Prozent stärker nach als der Dow Jones Industrial. Die Aktien von Fedex und UPS haben darüber hinaus auf Jahressicht schon 8,1 und 7,2 Prozent an Wert verloren. Haben sich also deutlich schlechter entwickelt als der US-Aktienmarkt insgesamt. Und auch mit Blick auf den Dax gibt es einen prominenten Verlierer aus dem Transortwesen. Die Deutsche Post. Die Aktie des hinter UPS zweitgrößten Logistikers der Welt hat im Vergleichszeitraum sogar mehr als 33 Prozent an Wert eingebüßt, woran allerdings auch hausgemacht Probleme Schuld haben.

4. Der Pessimismus

Handelt es sich bei den ersten drei möglichen Rezessions-Vorboten um harte Fakten, hat der vierte eher mit dem Kopf zu tun. Mit dem der Anleger, Investoren und Analysten, um genau zu sein. Denn dort breiten sich immer größere Sorgen aus. Vielleicht sogar zu große. „Zum jetzigen Zeitpunkt scheinen die monetären, steuerlichen und politischen Gegenwinde kaum stark genug, um uns in eine globale Rezession zu stürzen“, warnt beispielsweise Barings-Experte Christopher Smart vor zu viel Schwarzmalerei. Doch diejenigen, die schwarz malen, werden mehr. Einige Analysten prognostizieren inzwischen den Abschwung. Die dänische Saxo Bank veröffentliche erst vor kurzem ihre „Horrorszenarien“, wie das Handelsblatt titelte. Die Bank of America glaubt derweil an „Bärenmarkt-Stimmung“ bis weit in Jahr 2019 hinein. Wirklich positiv blickt derzeit kaum ein Institut in die Zukunft. Auch wenn es, wie Sean Darby, Aktienstratege bei Jefferies, sagt, keine Anzeichen dafür gebe, dass eine Rezession unmittelbar bevorstehe, könnte allein der Gedanke an sie panische Verkaufswellen an der Börse immer wieder aufs Neue begünstigen. Und darüber hinaus Unternehmen dazu bringen, vorsichtiger zu investieren und einzukaufen.

5. Die Charttechnik

Was den Pessimismus an der Börse, also den der Anleger, betrifft, dürfte auch die Charttechnik ein Treiber sein. Unter der Woche fielen in vielen Indizes wichtige Marken, die jüngsten Hoffnungen auf einen Aufwärtstrend sind dahin. An eine Jahresendrally glaubt kaum noch wer. Vor allem nicht mit Blick auf den Dax, wo die Unterstützungslinien – so möchte man glauben – gar nicht mehr existieren, so schnell werden sie durchbrochen. Erst die 11.400 Punkte, dann die 11.000 Punkte. Hält die Abwärtsdynamik weiter an könnte es schnell auf 10.500 Punkte und tiefer gehen, schreiben die Experten der Citigroup. Und das erhöhte Verkaufsinteresse unter der Woche signalisiere weiteres Abwärtspotenzial, so CMC-Markets-Analyst Stanzl. Ganz so dramatisch sieht es in den USA nicht aus. Doch auch Dow Jones und S&P 500 gaben zuletzt ihre Gewinne aus dem Sommer nahezu komplett wieder ab. Letzterer fiel auf den niedrigsten Stand seit 200 Tagen.

Die Aussichten könnten besser sein

Egal ob die Rezession nun kommt oder nicht, für die Märkte sieht es derzeit düster aus. Zu viele Unsicherheitsfaktoren – ob aus der Wirtschaft, Politik oder den Märkten selbst kommend – beeinflussen die Anlageentscheidungen. Die teils hohen Gewinne, die in den letzten Jahren dies- und jenseits des Atlantiks und auch in China zu erzielen waren, will kein Investor leichtfertig aufs Spiel setzen, weshalb es sich unter der Woche erneut mehr um eine extreme Korrekturphase gehandelt haben dürfte, als um einen Crash. Doch der ist damit natürlich nicht vom Tisch.

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