Zur politischen Aktualität Ulrich Sonnemanns

Zum 25. Todesjahr eines zu Unrecht vergessenen politischen Schriftstellers. Eine Rezension von Moritz Rudolph.

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Im Vorwort zum fünften Band der Ulrich-Sonnemann-Gesamtausgabe schreibt Ekkehart Krippendorff, Sonnemann, der „kritische Kritiker der Negation und der Krise der Moderne“, würde heute wohl versöhnlicher auf die Deutschen schauen, denen es in den letzten Jahren endlich gelungen sei, jenen „Ungehorsam“ für sich zu entdecken, dessen „Einübung“ er in den 1960er Jahren noch so verzweifelt gefordert hatte: die Proteste gegen Stuttgart 21, das Nein zum Irakkrieg – es stehe gerade ganz gut um den lebendigen Widerstandsgeist der Deutschen. Ein Blick in die Schriften Sonnemanns verrät aber, dass der uns wohl doch noch ein wenig mehr anzubieten und zu sagen hätte, als bloß ein aufmunterndes Schulterklopfen und die Diagnose, die Deutschen seien auf dem richtigen Weg.

Wahr ist: Für Sonnemann gehorchten die Deutschen zu viel – dem Staat, den Autoritäten, selten nur dem moralischen Gesetz in ihnen. „Irgendetwas mit den Deutschen kann nicht stimmen und zwar je weniger, je instituierter sie sind.“ Grund ist die ausgebliebene Revolution, die auch nicht ohne Weiteres nachgeholt werden kann. „Das deutsche Volk“, und das hat es geschichtlich bewiesen, „kann Revolution machen nur noch gegen sich selbst.“ Darum muss politisch umgedacht werden, wenn sich tatsächlich etwas ändern soll: „Seine Chance auf eine politische Revolution hat Deutschland wahrscheinlich verpasst. Seine Chance, eine Revolution der Politik heraufzuführen, bleibt ihm erhalten.“ Lernen kann es von den „geschichtlich glücklicheren Gesellschaften“ des „Westens“, die den Typus der „Fronde „angelsächsisch-romanischer Derivanz“ ausgebildet haben.

Fronde und Polemik als Gestalten der Vernunft

Denn den Gehorsam durchbrechen kann nur der Geist der „Fronde“, die Sonnemann von der Kohlhaasschen „autistischen“ Raserei absetzt, die zur gewaltsamen Prinzipienreiterei erstarrt, weil sie „nur das eigene Rechte, nicht auch das seiner Mitmenschen sieht“. Die Fronde dagegen hat zur „menschliche[n] Grundlage“ eine „spontane Solidarität mit den Mitmenschen, und also kann man ihre Sache nicht betreiben wie nach Hölderlin der allberechnende Barbar, den in Mitteleuropa Hyperion vorfindet“. Um nicht zum Apparat sich zu verhärten, muss die Fronde als „eine Art Bewegungskrieg“ geführt werden: Sie „organisiert sich zu einem Zweck, löst sich nach dessen Erfüllung gleich wieder auf, gewährt sich selbst gar keine Gelegenheit, Fett anzusetzen und zu einem Selbstzweck zu werden.“

Der Frondeur aber, ohne den es weder ein „öffentliches Leben“ noch „Demokratie“ gibt, ist in Deutschland verrufen. Er ist der, der quer schießt, weil er einen Fehler sieht und nicht bereit ist, sich bei dessen Benennung dem vorgeschriebenen Gedanken und dem herrschenden Jargon zu unterwerfen. Der Frondeur tritt darum schon ganz anders auf. Er ist lauter und giftiger, scharfzüngiger und gewitzter als der Rest. Die sprachliche Gestalt der Fronde ist die Polemik, deren Wert in Deutschland „trotz Lessing“ stets unterschätzt und in „einen Unwert verfälscht worden“ ist. „Man ist, wenn man nicht wie die meisten einfach um den heißen Brei herumschleicht, immer noch häufiger hämisch als boshaft, zumal das erstere das leichtere ist.“ Häme stellt nichts infrage, sie ist übles Nachtreten, wenn die Sache ohnehin schon entschieden ist. Boshaftigkeit wehrt sich gegen etwas und führt noch die Hoffnung auf Veränderung mit sich. Der boshafte „Zersetzer“ aber, der in Wahrheit nicht Beschmutzer des Nestes, sondern dessen „Auslüfter und Reiniger“ ist, genießt nach wie vor kein hohes Ansehen in Deutschland. Kultivierter Zorn, der die Wut aus ihrer Trotzstarre erlöst und erst politisch handlungsfähig macht, gilt als flegelhaft.

Das Gegenteil von Gehorsam wären nicht Genörgel, Gegifte oder aggressives Draufhauen aus Prinzip, sondern spontaner Ungehorsam im Einklang mit dem Ziel der „Entgötzung aller Ordnungen, die eine Unordnung verbergen, also ihren Grund vor der Autorität des Gewissens und des Geistes nicht zu benennen vermögen.“ Dazu gehört „der Staat selbst“, aber „vor allem auch die gesamte Welt der mechanischen Arbeit und ihres Zubehörs, des jetzt verabsolutierten Verdien- und Konsumzwangs“. Es gab – und deshalb ändert der Hinweis auf die ab und an rebellische Seele der Deutschen nichts an Sonnemanns Diagnose – immer auch Organisatoren der Gegengewalt, die keineswegs „Widerstand gegen alle Gewalt“ leisteten. Kohlhaas ist so einer. Oder Luther. Oder – bei aller Sympathie mit der studentischen Fronde – der SDS. Sonnemann las ihm einmal gehörig die Leviten, als dessen Münchener Sektion in einem Flugblatt Israel als aggressive Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten bezeichnet, die von den nachbarlichen Feinden „oktroyierte Friedlosigkeit“ des jüdischen Staates, der seit seiner Gründung „von physischer Vernichtung“ bedroht ist, aber mit keiner Silbe erwähnt hatte.

Spontaneität und Sabotage des Schicksals

Seine tiefe Skepsis gegenüber autoritären Revolten teilte er mit den Kernfrankfurtern Horkheimer und Adorno, in deren Umfeld er sich bewegte. Politisch ging er jedoch ganz eigene Wege. In seinem Essay „Fazit der Siebziger“ stellt Sonnemann die „verwaltete Welt“ der „politischen“ gegenüber – eine Abweichung von Adorno, dem Schöpfer des Begriffs, der Politik für einen unauflöslichen „Schuldzusammenhang“ hielt, von dem nichts Gutes zu erwarten sei, schon gar keine Beendigung der verwalteten Welt.

Sonnemann aber glaubte genau das. Er hoffte auf eine „Revolution der Politik“, die der Vernunft der Fronde folgt. Ihre Grundlage wäre die Entdeckung der Spontaneität, die alle klassenpositionelle und triebhafte Vorherbestimmung ausbricht. Spontaneität ist Ausdruck einer Verbindung von „Moral und Intelligenz“, von „Wahrheit und Wille“, von Theorie und Praxis, die tatsächliche etwas ändern könnte. Dafür wäre ein neues „utopisches“ Bewusstsein nötig, das immer einen „Durchbruch durch Schranken“ verlangt: „den Berechnungen sich entziehen, das Unerwartete tun“. Sonnemanns Denken zielt auf eine „Theorie des Engagements“ zu entwickeln.

Seinem philosophischen Hauptwerk „Negative Anthropologie“ gab Sonnemann den Untertitel „Vorstudien zur Sabotage des Schicksals“, der als Antwort auf Adornos Diktum aus der drei Jahre zuvor erschienen „Negativen Dialektik“, „Praxis“ sei „auf unabsehbare Zeit vertagt“, gelesen werden kann. Adorno wiederum widmete seine kurz darauf veröffentlichten „Marginalien zu Theorie und Praxis“, in denen er vor „regressiver“ „Pseudo-Aktivität“ einer Praxis warnte, die den „Vorrang des Objekts“ missachtet, Ulrich Sonnemann. Doch der arbeitete unentwegt an einer „Theorie des Engagements“ als „Möglichkeit einer Macht im Geschehen“. Er wollte Veränderung auf Massenbasis. Die „neue Aufklärung“ muss „Sache des Volkes“ werden. Sein Vorschlag einer „offenen Verschwörung“ ist denn auch die genaue Entgegensetzung zu Horkheimers Vergleichsbild einer „Assoziation der Hellsichtigen“, die das „Grauen erfassen“, aber „in die Katakomben gehen“ und „keine Revolution im Schilde“ führen.

Sonnemann dagegen stellte „Kriterien für eine künftige Revolution“ auf: Sie ist liberal, erweitert die Menschenrechte, ist als „Gewaltakt nicht zu denken“ und möglich nur als „permanente Revolution“, die den Staat nicht umbringt, aber die „Auflösung seiner Herrschaftsfunktion“ zum Ziel hat. Sie will keine Apparate übernehmen, sondern unschädlich machen, weshalb ihr Terrain auch vornehmlich ein ideologiekritisches ist: „Die politische Revolution, wo sie stattfand, hat immer Institutionen gestürzt. Die Revolution der Politik, die in Deutschland stattfinden könnte, hat keine Institutionen zu stürzen, sondern die Herrschaft eines institutionellen Seelentypus, der zugrunde richtet, was er berührt.“

Ist es heute besser?

Und heute? Steht es da wirklich besser um die Deutschen? Haben sie ihre Chance auf eine „Revolution der Politik“ genutzt? Für Krippendorff schon. Er versteht die Proteste gegen Stuttgart 21 als Anfang vom „Ende der gehorsamen Hinnahme politisch-administrativer Entscheidungen der politisch-ökonomischen Klasse und den Anfang eines neuen, selbstbewußten politischen Bürgertums.“

Der Weg dieses „selbstbewussten politischen Bürgertums“ verlief in etwa so: Aus den Protesten gegen Stuttgart 21 (eines sicherlich ärgerlichen, aber nicht gerade weltbewegenden Bahnhofsumbaus), die „Heimat“- und „Parkschützer“ in ihren „Wir-sind-das-Volk“-Ressentiments gegen das „Lügenpack“ einer „abgehobenen“ Politkerkaste zusammenbrachte, wurde irgendwann PEGIDA. Der Wutbürger, nur die Erosion der eigenen Privilegien im Blick, aber an Solidarität mit anderen Menschen und an der Niederlegung aller Gewalt uninteressiert, tauchte wenig später in Dresden wieder auf, wo er auf ein wohlgesinnteres Umfeld traf und sich radikalisieren konnte. AfD und identitäre Bewegung sind seither auf dem Vormarsch, neurechte „Tabubrecher“ sprießen wie Pilze aus dem Boden. Ihr wütendes „Dagegensein“ – und vielleicht liegt hierin die große Aktualität Ulrich Sonnemanns – unterscheidet sich von der Fronde der wirklich Ungehorsamen dadurch, dass die Wutbürger bloß eine neue Autorität herbeisehnen, weil sie mit der aktuellen, „den Volksverrätern“ und „denen da oben“, nicht zufrieden sind. Anstatt jeder Gewalt zu entsagen und alle Herrschaft zu zerbrechen, errichten sie einen Gegenmob, der auf Rache sinnt. Wo „Merkel muss weg“ gefordert wird, ist „Putin, hilf!“ in der Regel nicht weit.

Zweitens: Die „radikale, aggressive, sorgfältig komponierte Polemik“, und da hat Maxim Biller schon recht, wird nach wie vor nicht geschätzt und muss sich mitunter sogar den Vorwurf gefallen lassen, das Wutbürgegepöbel vorbereitet zu haben. Noch immer ist Polemik Brandstiftung, der Frondeur ein Querulant, der die Ruhe stört und den man am liebsten weghaben will. Was da fortlebt, ist die alte Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft, jetzt eben in verwandelter, verunftbesoffener Gestalt. (Sonnemann dazu: „Ein Wort wie Einmütigkeit schwellt heute noch, bald ein Menschenalter nach Hitler, dem Durchschnittsdeutschen das anderweitig so langsame Herz.“) Viele verwechseln jedoch Vernunft mit Trägheit und haben panische Angst vor einem wirklichen politischen Streit, den sie sich nur als Gemetzel vorstellen können, während ein ernsthaftes, gewitzt ausgefochtenes Duell zwischen Kontrahenten, die dabei ihre Eleganz und ihren Geist nicht verlieren, für sie undenkbar ist. Polemik ist der Vorbote der Uneinigkeit, darum wird sie verunglimpft. Freilich: Scharfe Spitzen oder gekonnt platzierte Kraftausdrücke allein sind noch kein gelungener Streitbeitrag, aber sie sind, weil sie die Haltung des Schreibenden zum Gegenstand ausdrücken und zivilisieren, anstatt sie zu verschleiern und bis zur Explosion unruhig vor sich hinbrodeln zu lassen, ein Anfang, ohne den man gar nicht erst weiterzumachen braucht und der krampfhafte Verzicht darauf ist nicht vernünftig, sondern gerade das Gegenteil davon.

Neben den deutschen Zuständen auf der Straße und dem nervös-trägen Streitunwillen, mit dem die öffentliche Meinung gebildet wird, hätte wohl auch der parlamentarische Normalzustand bei Sonnemann nur wenig Gnade gefunden. Einem seiner Bücher hat er ein Madariaga-Zitat vorangestellt: „Wenn die Deutschen lernten, wie man ungehorsam ist, vielleicht könnte Europa gerettet werden.“ Die Deutschen gehorchen noch immer prima. Sie gehorchen sogar so gut, dass sie sich berufen fühlen, denselben Gehorsam von allen anderen einzufordern. Anstatt ihn durch Europa abzuschaffen, haben sie ihn auf Europa übertragen und wähnen sich dennoch als Opfer, dem listige Franzosen und verschwenderische Griechen das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen. Ihren „wirtschaftlichen Aufstieg“ (Sonnemann) haben sie sich – damals wie heute – mit „Verzicht“ erkauft, der sie, wir sehen das am Umgang mit der Eurokrise, hart gegen andere macht. Die Universalisierung der dauerhaft verzichtenden „schwäbischen Hausfrau“ ist oberstes Ziel aller schwarznullvernarrten Freundinnen und Freunde der Schuldenbremse; und die sind gerade in die nächste Koalitionsrunde gegangen.

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