Das Hogwarts-Parlament

Das britische Parlament als Zauberschule Hogwarts? Eine neue BBC-Dokumentation gewährt nie zuvor gezeigte Einblicke in das Herz der britischen Demokratie.

Das House of Commons, das Unterhaus im Palace of Westminster in London, ist die Zentrale der britischen Demokratie und es feiert in diesem Jahr das 850. Jubiläum. Das Unterhaus verurteilte einen König zum Tode, wurde Zeuge der Ermordung eines Premierministers und erklärte Kriege gegen Länder auf der ganzen Welt. Der legendäre Uhrturm mit seinen fünf Glocken, darunter der Big Ben, wird oftmals als Mutter des Parlaments bezeichnet und gilt als die wohl berühmteste architektonische Erscheinung der Welt.

Was die Parlamentsmitglieder wirklich machen, weiß kaum jemand genau

Was die Parlamentsmitglieder, die MPs, im Unterhaus wirklich machen, weiß kaum jemand genau. Wer das Gebäude betritt, wird von allgegenwärtigen Schildern darauf hingewiesen, dass Fotografieren strengstens untersagt sei. Die Obrigkeiten des Unterhauses waren stets rigoros, was das Drehverbot hinter der so vertrauten Fassade anbelangt. Bis jetzt.

Vor zwei Jahren – fünf Jahre nach meiner ersten Anfrage – lenkte die Parlamentsspitze schließlich doch ein und erteilte mir die Erlaubnis, eine vierteilige Dokumentarreihe über das House of Commons und die Menschen, die darin arbeiten, zu drehen – mit Zutritt zu sämtlichen Bereichen. Ausgestrahlt wird die Reihe nun auf BBC World News.

Halb Museum, halb Kirche und halb Schule

Im Mittelpunkt der Serie stehen die Abgeordneten selbst: vom Premierminister bis zu den untersten Reihen. Von einer ganzen Armee versteckter Bediensteter, Rechtsexperten – die noch genauso gekleidet sind wie im 18. Jahrhundert – bis hin zu Handwerkern und anderen Arbeitern. Sie alle sind so wichtig, wie der Palace of Westminster selbst: dieses wundersame und wunderbare Gebäude, das nach dem Brand von 1834 neu erbaut wurde, als das British Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht stand.

Mit einhundert Treppen, über tausend Räumen, fast fünf Kilometer langen Fluren und siebzehn Bars und Restaurants wird das Gebäude, zu dem 10.000 Menschen Zutritt haben, oft auch Westminster Village genannt. Premierminister David Cameron sagte: „In diesem Gebäude ist Geschichte wirklich spürbar. Halb Museum, halb Kirche und halb Schule.“

Wahrhaftig eine ungewöhnliche Schule, in der drei Hälften ein Ganzes ergeben. Viele MPs nennen das Unterhaus Hogwarts, die Zauberschule aus den Harry-Potter-Romanen. Nicht selten enden hier Flure in einer Sackgasse. Das Unterhaus hat 650 Parlamentsmitglieder, die allesamt unterschiedlich sind. In unserer Reihe haben wir einige von ihnen durch das weit verzweigte Labyrinth des House of Commons begleitet. Einige von ihnen arbeiten dort seit Jahren, andere erst seit Kurzem. Sie alle geben zu, dass sie sich ab und an verlaufen. Sir Nicholas Soames, Enkel von Winston Churchill, erzählte mir: „Ich war neulich in einem Raum, den ich in den dreißig Jahren, die ich hier arbeite, noch nie gesehen habe. Es war eine Bar.“

300 Menschen versuchen dich niederzuschreien

Ein Teil des Unterhauses, in dem seit 1989 Kameras zugelassen sind, ist die Kammer. Was gefilmt und welche Debatten gesendet werden, unterliegt jedoch der strengen Kontrolle der Commons-Obrigkeiten. In der Kammer durfte noch nie jemand ohne Einschränkung filmen. Bei den Debatten sahen wir das Weiße in den Augen der MPs, statt nur ihre Köpfe von oben, die die fest montierten offiziellen Kameras sonst immer einfangen.

Die Kammer des Unterhauses ist so gebaut, dass sich Regierung und Opposition direkt gegenüber sitzen. Höhepunkt der Woche ist die 30-minütige Befragung des Premierministers durch die MPs. Der Oppositionsführer darf sechs Fragen stellen. Der Labour-Vorsitzende Ed Miliband erzählte mir: „Manchmal ist der Lärm ohrenbetäubend: Es gibt nicht viele Berufe, bei denen man morgens zur Arbeit geht und mindestens 300 Menschen versuchen, einen niederzuschreien.“

Es gibt keinen Mittwoch, an dem man nicht vor Angst zittert

Nicht alle Premierminister stellen sich gern der wöchentlichen Fragerunde. Tony Blair sagte: „Es zehrt an Darm und Nerven, und es ist eine verwirrende, einschüchternde, angsteinflößende und mutraubende Erfahrung.“ In der Kammer des Unterhauses nickte David Cameron wild, als ich ihm Blairs Zitat zeigte. „Es gibt keinen Mittwoch, an dem man nicht vor Angst zittert. Normalerweise bereite ich mich hier auf die Fragerunde vor, und etwa fünf Minuten vorher denke ich: muss das denn schon wieder sein?“

Unsere Serie befasst sich auch mit einer sehr wichtigen und dringlichen Frage, die die MPs und die Obrigkeiten des Unterhauses derzeit beschäftigen: Der Zustand des Parlamentsgebäudes. Der Sprecher des Unterhauses, Abgeordneter John Bercow, sagt: „Es gibt Mäuse, riesige Glasplatten krachen zu Boden und in einem Teil des Gebäudes sickert das Abwasser durch.“

Bei unseren Dreharbeiten filmten wir undichte Dächer und Eimer, in denen sich das Wasser sammelt, Putz, der sich von den Wänden löst, bröckelndes Mauerwerk und abblätternde Farbe. Und der Uhrturm mit Big Ben steht leicht schief. Die Instandhaltung verschlingt ein Vermögen; die Reparatur- und Modernisierungsarbeiten kosten laut Schätzung drei Milliarden Pfund.

Das Parlament als viktorianische Macht-Persiflage

Vor allem die jüngeren MPs sind der Meinung, dass dies der richtige Zeitpunkt wäre, das Parlament vom Palace of Westminster in ein neues Gebäude, das einer modernen Legislative im 21. Jahrhundert gerecht wird, zu verlegen. Labour-MP Sarah Champion: „Für mich gleicht das Parlament einer viktorianischen Macht-Persiflage. Ich würde darin Hochzeiten feiern und Konferenzen abhalten oder ein Museum einrichten und für unser Parlament, wie es heute ist, ein entsprechend herausragendes Gebäude bauen.“ David Cameron graut vor dem Vorschlag: „Eine im Halbkreis angeordnete Kammer fände ich fürchterlich. Mir gefällt das Unterhaus so, wie es ist. Die Geschichte, die darin lebt, und die Verbindung zur Vergangenheit sind wichtig.“

Hinweis: Michael Cockerell ist Moderator und Produzent von „Inside the Commons“. BBC World News zeigt die vierteilige Dokumentarreihe im Rahmen der Berichterstattung über die Parlamentswahlen in Großbritannien am Samstag, den 18. April um 22.10 Uhr MEZ und am Sonntag, den 19. April um 16.10 Uhr. Mehr Informationen hier

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