Brexit – ein antideutscher „Krieg“?

Dem Brexit-Luftschloss geht die Luft aus. Brexit-Befürworter retten sich in Nostalgie und Verschwörungstheorien und spielen die antideutsche Karte.

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Ende Januar löste der Brexit-Befürworter Mark Francois in Großbritannien einen Eklat aus. Während einer Live-Übertragung der BBC zerriss der Vize-Präsident der European Research Group, der euroskeptischen Gruppierung konservativer Abgeordneter im britischen Parlament, vor laufenden Kameras einen Brief des Airbus-Vorstandsvorsitzenden Thomas Enders, der gewarnt hatte, dass der Luft- und Raumfahrtkonzern „potentiell sehr schmerzhafte Entscheidungen“ für den Standort Großbritannien mit 14000 Beschäftigten treffen müsse, wenn das Vereinigte Königreich die EU ohne Abkommen verließe.

„Herr Enders Einmischung ist ein klassisches Beispiel teutonischer Arroganz, die eine der Gründe ist, weshalb viele Leute für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben.“ Bezugnehmend auf Enders Zeit bei der Bundeswehr betonte Francois, dass er sich dagegen verwahre, von einem früheren deutschen Fallschirmjäger zur Änderung seines Stimmverhaltens „gemobbt“ zu werden. „Mein Vater Reginald Francois war ein D-Day-Veteran, er ließ sich nie durch Mobbing von irgendeinem Deutschen herunterkriegen.“

Francois BBC-Auftritt löste massive Kritik in Großbritannien aus. Die Brexit-Debatte hatte jedoch bereits von Anfang an eine spürbar antideutsche Dimension und Weltkriegsanspielungen waren allgegenwärtig. Brexit-Befürworter stellten die EU als imperiales Projekt Deutschlands dar, welches in der Tradition Nazi-Deutschlands stehe. Während des Brexit-Wahlkampfs sah der Daily Telegraph in der EU das „Vierte Reich“ und Boris Johnson, der Vorsitzende der Pro-Brexit-Kampagne, behauptete, dass die EU das gleiche Ziel wie Hitler nur „mit anderen Mitteln“ verfolge. Die Boulevardzeitung The Sun warnte, dass Großbritannien bei einem EU-Verbleib „von einem schonungslos expandierenden, von Deutschland dominierten Länderstaat verschlungen würde“.

Brexiteers karikieren die Deutschen als allmächtige Strippenzieher in Brüssel, die den Bedenken anderer Mitgliedsstaaten keinen Respekt zollen. Dieser Eindruck erhärtete sich in konservativen Kreisen im Laufe der Brexit-Verhandlungen. Anstelle mit der Bevölkerung reinen Tisch zu machen und das Brexit-Projekt als Fantasiegespinst zu entlarven, fanden britische Politiker in der EU, und insbesondere in Deutschland, einen willkommenen Sündenbock.

Selbst frühere Befürworter eines Verbleibs in der EU wie der frühere Staatsminister für Handel, Greg Hands, begannen Deutschland für das Brexit-Chaos verantwortlich zu machen. In einem Gastbeitrag für den London Evening Standard im Januar behauptete Hands, ein selbsterklärter Deutschland-Liebhaber, dass er aufgrund einer Schlägerei, die er als 19-Jähriger in West-Berlin gewann, daran gewöhnt sei, dass Deutsche kein Problem damit hätten, anderen zu schaden, wenn sie dadurch ihre Ziele erreichen können. Dem umstrittenen deutschen Generalsekretär der Europäischen Kommission, Martin Selmayr, und der deutschen stellvertretenden EU-Brexit-Verhandlungsführerin Sabine Weyand warf Hands vor, Großbritannien um jeden Preis Schaden zufügen zu wollen und arrogant behauptet zu haben, dass die „Macht“ mit ihnen sei. Der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab beschuldigte Selmayr, das Vereinigte Königreich „zerstückeln“ zu wollen, da dieser angeblich erklärt habe, dass der Verlust Nordirlands der „Preis“ sei, den Großbritannien für den Brexit zahlen müsse.

In Reaktion auf Hands Kritik an deutschen EU-Beamten und bezugnehmend auf den Deutschland-Skeptizismus der früheren Premierministerin Margaret Thatcher, twitterte die konservative Aktivistin Theodora Dickinson, die für die Brexit-Kampagne gearbeitet hatte: „Man kann den Deutschen nicht trauen. Es ist der Nationalcharakter. Dies war das Volk, das Juden in die Gaskammern geschickt hat. Dieser Charakter hat sich nicht geändert.“

Nun da ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU immer wahrscheinlicher wird und sich herausstellt, dass die Brexit-Fantasie nicht mehr als heiße Luft war, versuchen die Brexiteers die Schuld für das bevorstehende Chaos einer angeblich anti-demokratischen, von Deutschland dominierten EU, die versucht den Willen des britischen Volkes zu unterdrücken, in die Schuhe zu schieben. Ende Januar erklärte der konservative Journalist James Delingpole, dass Brexit „Krieg“ bedeute und die EU der „Feind“ sei, aber man Hoffnung schöpfen könne, denn man habe „diese Bastarde“ viel häufiger besiegt als sie die Briten. In einem „Unabhängigkeitskrieg“ könne man sie wieder schlagen.

Anfangs behaupteten Brexit-Befürworter, dass deutsche Wirtschaftsinteressen ihnen früher oder später zur Hilfe kommen würden. Je mehr es klar wird, dass auch Deutschland der Zusammenhalt der EU wichtiger ist als den Brexiteers bei der Umsetzung ihrer Chimäre zu helfen, desto mehr versuchen sie sich als Opfer eines deutschen Imperialismus zu porträtieren. Da Brexit-Befürworter die Austrittsverhandlungen als reine Demütigung wahrgenommen haben, sollte es nicht überraschen, dass sie sich nach einer Rückkehr des britischen Weltreichs sehnen und in Weltkriegserinnerungen von Ruhm und Glorie schwelgen. Mays Abkommen war für EU-Gegner eine tiefe Enttäuschung: Anstelle zu alter Macht zurückzukehren, befürchten Brexit-Befürworter nun zur „Kolonie“ relegiert zu werden.

In Anspielung auf französische Kollaboration mit den Nazis während des Zweiten Weltkriegs, warnte Nigel Farage, der frühere Vorsitzende der euroskeptischen UKIP-Partei, vergangenes Jahr, dass eine Übergangsfrist, in der Großbritannien nach dem Austritt für begrenzte Zeit in EU-Binnenmarkt und Zollunion verbleiben würde, zu „Vichy Britain“ führen könnte und zog eindeutige Parallelen zur expansionistischen Politik der Nazis in seiner Charakterisierung der EU als eine „militarisierte Europäische Union, eine undemokratische Europäische Union, eine Europäische Union die kontinuierlich nach Osten strebt“. Jegliche Zusammenarbeit mit der EU, die im Interesse beider Seiten ist, wird von einigen Brexiteers als unpatriotische Kooperation mit angeblich totalitären Kräften diffamiert.
Weltkriegsreferenzen zeugen von einer Überzeugung, Kontinentaleuropäern moralisch überlegen zu sein und sind das Resultat einer Kombination von Trotz und Nostalgie: Damals, in Großbritanniens „finest hour“, habe man den Mut gehabt, sich allein gegen eine scheinbar übermächtige Bedrohung vom Kontinent zu stellen. Damals sei man keine Kompromisse eingegangen. Von daher, sollte es nicht überraschen, dass Boris Johnson die Briten auffordert, wieder die „Helden Europas“ zu sein und sich gegen die angebliche EU-Despotie zu wehren. Warnungen, dass Brexit katastrophale wirtschaftliche Folgen haben könnten, seien nicht mehr als Angstmacherei. Ein Land, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, werde wohl auch mit dem Austritt aus der EU klarkommen. Befürworter eines zweiten Referendums, wie zum Beispiel Anna Soubry, die von Brexiteers als „Nazi“ bezeichnet wurde, sind in der Wahnvorstellung der EU-Gegner hingegen nicht mehr als Demokratiefeinde und verräterische Kollaborateure, die dem Land in den Rücken fallen.

Brexiteers schreiben somit bereits eine britische Dolchstoßlegende: Die Probleme, die ein Brexit ohne Abkommen mit sich bringen wird, seien nicht hausgemacht, sondern die Folge feindlicher Handlungen und pro-europäischer Deserteure im eigenen Land. Viele Brexit-Befürworter glauben selbst nicht, bei der beschlossenen Nachverhandlung in Brüssel irgendetwas erreichen zu können. Ihnen geht es nur darum, Brüssel den schwarzen Peter zuzuschieben.

Derartige Verschwörungstheorien sind unverantwortlich und gefährlich. Ende Januar gab es jedoch einen kleinen Hoffnungsschimmer: Als Reaktion auf einen Brief deutscher Spitzenvertreter aus Politik und Wirtschaft in der Times, in welchem die Unterzeichner Großbritannien zum Verbleib in der EU aufgerufen hatten, veröffentlichte die Sun ihre eigene Liebeserklärung an die Deutschen. Obwohl Großbritannien trotz „Beckenbauer, Beck’s, Bosch, BMW, Brahms, Bratwurst“ weiterhin aus der EU austreten wolle, solle man nicht zulassen, vom Brexit auseinandergetrieben zu werden. „Wenn wir zwei Weltkriege und fünf Weltmeisterschaften hinter uns lassen können, können wir sicherlich auch mit ein paar regelungsbezogenen Divergenzen und einem neuen Vertrag klarkommen.“

Man kann nur hoffen, dass sich die britische Brexit-Presse und euroskeptische Politiker dies zu Herzen nehmen. Leider bekommt man den Eindruck, dass viele zwei Weltkriege nicht nur nicht hinter sich lassen konnten, sondern vorgeben, dass wir uns zurzeit in einem dritten befinden.

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