Glaube und Toleranz

Es gibt viele Gründe darüber nachzudenken, wie es um die Religionsfreiheit bestellt ist. Denn leider ist es in vielen Nationen keineswegs selbstverständlich, dass eine Weltanschauung toleriert wird, wenn sie vom in der jeweiligen Region vorherrschenden Glauben abweicht. Wer einen anderen Gott verehrt, wird verfolgt, gefoltert, getötet. Viele Tausende solcher Opfer sind jedes Jahr zu beklagen.

Deshalb ist es richtig, dass der Deutsche Bundestag regelmäßig über dieses Thema debattiert. Wenn im Namen des Glaubens Unrecht begangen wird, darf das den Volksvertretern in einer von Aufklärung geprägten Demokratie nicht egal sein. Zumal es auch hierzulande immer noch Defizite bei der Toleranz gegenüber Andersgläubigen gibt.

Da ist zunächst ein latent vorhandener Antisemitismus, dessen offensichtlicher und zugleich widerlichster Auswuchs offene Gewalt gegenüber Juden ist. Zu behaupten, für derartige Attacken seien ausschließlich arabischstämmige Zuwanderer verantwortlich, ist ein politisch gefärbtes Argument wider besseres Wissen.

In diesem Land, in Ost wie West, hat es immer einen von Antisemitismus geprägten gesellschaftlichen Bodensatz gegeben. Judenfeindlichkeit sickert so in den Alltag ein. Ganz offensiv, etwa auf dem Schulhof, wenn “Du Jude” als gängiges Schimpfwort benutzt wird. Zunächst fast unbemerkt, wenn einer intellektuell angeblich hochkarätig besetzten Musikpreis-Jury erst nach öffentlichen Protesten dämmert, dass sie versehentlich Rapper geehrt hat, die in ihren Texten Holocaust-Opfer verhöhnen. Oder im Namen falsch verstandener künstlerischer Freiheit, wenn dazu aufgerufen wird, zum Theaterbesuch Hakenkreuz-Binden zu tragen.

Auch gegenüber Muslimen wäre eine deutlich differenziertere Betrachtung hilfreich. Viele, die behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, meinen damit den Islamismus, der nirgendwo als Weltanschauung taugt. Dass aber der Islam in unseren Städten zum kulturellen Leben gehört, dass moderne Muslime ebenso wie moderne Christen längst einen Weg gefunden haben, ihren Glauben selbstbewusst, aber weltoffen und tolerant zu praktizieren, ist unübersehbar. Und gut so.

Religion darf sich anpreisen, darf überzeugen wollen. Zur Freiheit der Religion gehört aber auch das Recht, diesem Werben nicht nachzugeben und sich für einen anderen oder gar keinen Glauben zu entscheiden.

Quelle: Das Parlament

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