Gott kennt keine Nationen

Am 19.12.1940 musste sich Pfarrer Robert Quiskamp von der Pfarrei St. Martinus in Benninghausen vor dem Sondergericht Bielefeld wegen der Beerdigung eines polnischen Zivilarbeiters verantworten. Das Gericht sprach ihn für schuldig, gegen Rechtsvorschriften zur Seelsorge an Polen verstoßen zu haben, und verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe. Die unglaubliche Lebensgeschichte eines Gläbigen

Am 19.12.1940 musste sich Pfarrer Dr. Dr. Robert Quiskamp von der Pfarrei St. Martinus in Benninghausen vor dem Sondergericht Bielefeld wegen der Beerdigung eines polnischen Zivilarbeiters verantworten. Das Gericht sprach ihn für schuldig, gegen Rechtsvorschriften zur Seelsorge an Polen verstoßen zu haben, und verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe.

Robert wurde am 19.3.1882 als Sohn des Bergmannes Wilhelm Q. und dessen Ehefrau Gertrud, geb. Buchholz, in [Gelsenkirchen-] Buer geboren. Kirchlich gehörte die Familie zur heutigen Propstei-Pfarrei St. Urbanus (Bistum Essen). Er wuchs in einem Umfeld auf, das von einem lebendigen Katholizismus gekennzeichnet war. In den jungen Industriegemeinden an der Ruhr fanden sich Menschen aus allen Regionen des Reiches zusammen. Unter ihnen bildeten Polen und Südosteuropäer starke Anteile. Sie brachten ihre Formen von Religiosität mit. Das gemeinsame Integrationsband, das alle miteinander vereinte, war das kath. Bekenntnis. Das Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und Sprache war für den jungen Geistlichen von Kindheit an eine Grunderfahrung. In ihr wurzelte sein Widerstand gegen die NS-Ausgrenzungspolitik von sogenannten „Fremdvölkischen“. Sie brachte ihn 1940 in Konflikt mit den NS-Behörden und trug ihm Haft und Verfolgung ein.

Q. erhielt eine gute Schulbildung. Nach dem Abitur im Frühjahr 1903 begann er mit dem Studium der Philosophie an der Universität Münster. Zum Sommersemester 1904 wechselte er an die Bischöfliche Philosophisch-Theo-logische Hochschule zu Paderborn. Im Herbst 1906 wurde er in das Priesterseminar aufgenommen und am 14.8.1907 von dem späteren Erzbischof von Köln, Karl Joseph Schulte, zum Priester geweiht.

Obwohl Q. während des Studiums zeitweilig dem Schuldienst zuneigte, entschied er sich dann doch für die Pfarrseelsorge. Die erste Seelsorgestelle führte ihn am 30.8.1907 nach Gelsenkirchen-Bulmke (heute Bistum Essen). Da er die polnische Sprache in Wort und Schrift beherrschte, bildete die Polenseelsorge dort einen Schwerpunkt seiner Arbeit. Auf eigenen Wunsch wurde Q. am 4.9.1914 als Pfarrvikar nach Altenbögge bei Unna versetzt. Der Erste Weltkrieg brachte auch in seinen Lebensweg einen Einschnitt. Von Oktober 1915 bis zum Kriegsende 1918 tat er Dienst als Feld- und Lazarettgeistlicher. Von großer Bedeutung für seine geistige Entwicklung sollte die Begegnung mit der polnischen und russischen Kultur werde. Es hat sich ein Feldpostbrief erhalten, den er zu Weihnachten 1915 aus Nowogródek an Bischof Schulte geschrieben hat. Auf sehr persönliche Weise und in aller Offenheit sprach er aus, welche Zukunftspläne ihn damals bewegten. Es heißt darin: „Ich muss heute nach acht Jahren sagen, dass ich trotz angestrengter und begeisterter seelsorglicher Arbeit die Lust zum Studium nicht loswerde. Diese ist im Gegenteil immer größer geworden, besonders auch darum, weil ich seit einigen Jahren einer bestimmten Frage nachgehe, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich habe immer wieder nachgedacht über die Stellung des Christentums zu den einzelnen Nationen. Hier liegen Schwierigkeiten, die sich bis ins Alte Testament hineinziehen und die der Ausbreitung unserer Kirche überall im Wege stehen. Sie sind auch der tiefste Grund für alle Abfälle von der Kirche. Dass ich diese Schwierigkeiten haben kann, bilde ich mir nicht ein. Vielleicht könnte ich aber doch etwas Vernünftiges dazu sagen, besonders wenn mir Gelegenheit gegeben würde, einige Jahre hindurch gründlich zu studieren. Ich bin hauptsächlich durch meine Polenseelsorge dazu gekommen. Seitdem ich Polenseelsorger bin, habe ich diese Frage nach allen Richtungen hin durchdacht und viel darüber studiert, so dass ich die Schwierigkeiten kenne und die Tragweite voll ermesse“.

Q. hat mit diesem Brief ein wichtiges, höchst aufschlussreiches Selbstzeugnis hinterlassen. Es erklärt manches in seinem späteren Lebensweg und lässt aus der Rückschau eine Geradlinigkeit erkennen, die er konsequent verfolgt hat. Vorerst aber blieb er Militärseelsorger. Mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Frontkämpferehrenkreuz ausgezeichnet, kehrte er 1918 in das Heimatbistum zurück. Am 30.11.1918 ging er als Pfarrverweser nach Helbra bei Eisleben, wo er die erschwerten Bedingungen der Diasporaseelsorge kennenlernte. Im Jahre darauf legte er das Pfarrexamen ab.

Mehr aus Gehorsam gegenüber dem Bischof als aus innerer Zustimmung übernahm Q. am 25.1.1920 die Herz-Jesu-Pfarrei in Wanne-Nord (heute Herne-Wanne-Eickel), einer im Aufbau begriffenen Gemeinde in einem vom Steinkohlenbergbau geprägten Siedlungsgebiet. Da er dem gleichen Milieu entstammte, waren ihm die dortigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht fremd. In ihrer ethnischen Zusammensetzung aus Deutschen und Polen bot die Pfarrei ein für Ruhrgebietsstädte in jener Zeit typisches Bild, wie er es von seinem Geburtsort her bereits kannte. Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen wurden in deutscher und polnischer Sprache gehalten. Die Polenseelsorge bildete einen wichtigen Teil der Gemeindearbeit. Zusätzliche große Anforderungen an die Pfarrgeistlichen stellten die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Krisen der Nachkriegsjahre dar, deren Auswirkungen Arbeiterpfarreien besonders hart trafen. Es war ein Wirkungsfeld, das den Einsatz der ganzen Person abverlangte und wissenschaftlichen Neigungen keinen Raum ließ. Schwierigkeiten in der Gemeinde, die zu einem großen Teil in seiner Person und Amtsführung lagen, führten 1924 zu seiner Ablösung.

Q. wünschte sich eine kleine Pfarrgemeinde, wo er beides, Seelsorge und Wissenschaft, miteinander zu vereinbaren hoffte. Die Bischöfliche Behörde kam seinem Wunsch trotz erheblicher Bedenken entgegen und übertrug ihm im selben Jahr „die provisorische Verwaltung“ der Pfarrvikarie Wambeln im Dekanat Hamm. Mit 320 Gläubigen war es eine der kleinsten Gemeinden im Erzbistum. Hier fand er die ersehnte Muße für seine Studien.

1926 wurde ihm gestattet, ein Promotions-studium an der Universität Münster aufzuneh-men. Von diesem Zeitpunkt an gewinnen seine Studien schärfere Konturen. Zunehmend rückte der russische Dichter Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoj (1828-1910) in den Vordergrund seines Interesses. In einer ersten Dissertation, mit der er 1930 den philosophischen Doktorgrad erwarb, untersuchte er dessen Einfluss auf die Philosophie des deutschen Idealismus. Sechs Jahre später wurde er an der Theologischen Fakultät mit einer Arbeit über den Gottesbegriff Tolstojs promoviert.

Nach einer neunjährigen Amtszeit in Wambeln wurde ihm 1933 die Pfarrvikarie Herste im Kreis Höxter übertragen. 1936 wurde er zum Pfarrer von St. Martinus in Benninghausen bei Lippstadt ernannt. Der Pfarrbezirk zählte damals 1 420 Katholiken und schloss die Vikarie Eickelborn mit den dortigen Heilanstalten mit ein.

Die Ernennung fiel in eine Zeit, in der der totalitäre Charakter der NS-Diktatur längst offenkundig geworden war und der Druck auf den christlichen Glauben immer mehr Formen eines Vernichtungskampfes annahm. Der Pfarrer wich der Herausforderung nicht aus, sondern stellte sich dem Ungeist mutig entgegen. Die Sondergerichtsanklage, die 1940 zu seiner Verurteilung führte, beschrieb seine regimekritische Haltung mit den Worten: “… er soll bereits seit Jahren in fast allen Predigten in mehr oder versteckter Form den Staat und die Partei angreifen“. In den Jahren 1936 und 1937 waren bei der Gestapo mehrere Verfahren „wegen abfälliger Stellungnahme gegen den Deutschen Gruß und die Gemeinschaftsschule“ gegen ihn anhängig. Weitere Verfahren im Jahre 1938 wurden aufgrund des Amnestiegesetzes vom 30.4.1938 bzw. mangels ausreichender Beweise eingestellt. Es blieb bei Vernehmungen und Verwarnungen.

Am 27.7.1940 kam es zu einer Festnahme und einer mehrmonatigen Untersuchungshaft im Polizeigefängnis Dortmund. Zur Last gelegt wurde ihm die Beerdigung eines polnischen Zivilarbeiters. Seine Vergehen bestanden darin, dass er eine Grabrede in polnischer Sprache gehalten und in einer Predigt am Sonntag darauf kritische Äußerungen über die Behandlung der polnischen Bevölkerung gemacht hatte. Der Anklageschrift zufolge stand die Predigt unter dem Leitwort: „Jerusalem, wenn du es doch erkannt hättest, was dir zum Heile dient!“ Dem atl. Grundsatz des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (Ex 21,24) stellte er in der Predigt das Gebot der christlichen Nächstenliebe gegenüber und brachte in dem Zusammenhang die Lage des unterworfenen polnischen Volkes zur Sprache. Seine Ausführungen müssen einen unüberhörbaren kritischen Gegenwartsbezug aufgewiesen haben und erregten deswegen das Missfallen von Zuhörern.

In den Vernehmungen durch die Staatspolizei verteidigte Q. sein Vorgehen mit dem Argument, dass ein christliches Begräbnis Polen genauso zustehe wie Deutschen, weil es vor Gott keinen Unterschied der Nation und dem Volkstum nachgebe. Allein dieser Standpunkt genügte, um ihn wegen Vergehen gegen das Heimtückegesetz und den Kanzelparagraphen anzuklagen. Die Hauptverhandlung fand am 19.12.1940 vor dem Sondergericht Bielefeld statt, das deswegen in Lippstadt tagte. Die Anklagebehörde machte aus dem Verfahren einen politischen Prozess mit antipolnischer Tendenz. Ihr Vertreter nannte es eine Schande, dass „sich ein katholischer Geistlicher zum Sachwalter der Polen mache“.

An ein unabhängiges Urteil war unter den bestehenden politischen Verhältnissen nicht zu denken. Das Gericht hielt den Pfarrer für schuldig im Sinne der Anklage und verurteilte ihn unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu eineinhalb Jahren Gefängnis sowie zur Zahlung der Gerichtskosten in Höhe von 1 044,95 RM. Er verbüßte die Haftstrafe im Zentralgefängnis Bochum, dessen Tore sich für ihn am 26.1.1942 wieder öffneten. Da ihm eine Rückkehr nach Benninghausen von den staatlichen Behörden verwehrt wurde, erklärte er seinen Verzicht auf die Pfarrstelle und trat zum 1.2.1942 in den Ruhestand.

Q. nahm seinen Wohnsitz in Paderborn. Im Laufe des Jahres 1942 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Ein Leiden, das während der Haft nicht eine angemessene medizinische Behandlung erfahren hatte, nahm eine lebensbedrohliche Entwicklung an Eine Besserung trat nicht mehr ein. Am 9.7.1943 musste er sich einer Beinamputation unterziehen. Er starb drei Wochen darauf am 29.7.1943. Sein Grab befindet sich auf dem Ostfriedhof in Paderborn.

Generalvikar Friedrich Maria Rintelen kondolierte der Schwester des Verstorbenen mit den Worten: „Ihr Bruder war ein Mann von echt priesterlicher Gesinnung und von einer bewundernswürdigen Hilfsbereitschaft. … – Schwer hat er im Leben tragen müssen, aber ich weiß, dass er es in der rechten Meinung trug“.

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