Die Travestiten der Berliner Politik

Läuft in der Berliner Politik nun eigentlich eine Tragödie oder eine Komödie ab?“ So fragte in gutgelaunter Gesprächsrunde einer der Teilnehmer.

Dass Politik und Theater viel miteinander zu tun haben, darüber waren sich alle einig. Auf beiden Betätigungsfeldern wird unentwegt vorgetäuscht, gespielt, so getan, als ob. Es geht entweder (in der Tragödie) um furchtbare Verhängnisse, Katastrophen und Untergängen, oder es ist alles (in der Komödie) ein witziges, unterhaltsames Quidproquo, und alles endet in erquickendem Gelächter über einige Trottel. Aber jetzt in Berlin, was passiert da?

Als tragische Schicksalsfiguren, für deren Verschwinden von der politischen Bühne man zumindest Mitleid aufbringen müsse, mochte niemand in der Runde die Merkel & Co. einschätzen. Sind es aber unterhaltsame Komödienfiguren vom Schlage eines Pinocchio, die lustige Sympathie und befreiendes Lachen auslösen? Das schon gar nicht. Man sollte doch von „Travestiten“ sprechen. Was sie zur Zeit in Berlin aufführten sei weder Tragödie noch Komödie, es sei reine Travestie.

Was aber ist eine Travestie? Das Wort stammt aus dem französischen Barock und heißt soviel wie „Verkleidung“. Es reagierte darauf, dass seit der Shakespearezeit immer öfter auch Frauen als Schauspieler(innen) die Bühnen betreten durften. Bis dahin hatten dort nur Männer agiert. Aber in der Antike waren sie durch die Bank maskiert gewesen; sie hatten nicht die geringste Identität, auch keine geschlechtliche, sondern waren lediglich und ganz und gar Träger der Rolle, die ihnen das Stück zuwies. Nicht Männer, nicht Frauen agierten auf der antiken Bühne, nur Masken

Später in der europäischen Renaissance. als das Theater einen mächtigen Aufschwung nahm, gab es eine Zeit lang zwar exklusiv männliche Frauendarsteller, die für ihr Talent manchmal sehr berühmt wurden, doch das Publikum fand diese Regelung – man hat viele historische Belege dafür – auf Dauer ziemlich anstößig, in Tragödien schlicht ärgerlich, am falschen Ort komisch, in Komödien durchweg brüllend komisch., allzu brüllend. Und es begann nun, in Deutschland etwa seit Goethe und Schiller , die Ära der Geschlechtertrennung. Frauen spielten Frauenrollen, Männer spielten Männer rollen.

Freilich, die Erinnerung an die „Ära der Verkleidung““ auf dem Theater blieb, zumal dort seit dem Barock auch Frauen als Darsteller zugelassen wurden. Sie spielten die sogenannten Hosenrollen, verkörperten vor allem schöne Jünglinge und waren darin nicht weniger erfolgreich als die Männer bei der Darstellung von Königinnen, Äbtissinnen oder verführten Mädchen mit unehelichen Kindern. Es entstand, vor allem im Frankreich des neunzehnte Jahrhunderts, ein eigenes Bühnengenre, eben die Travestie. Sie war nie erklärter Bestandteil irgendeiner Nationalkultur, man schämte sich ihrer ein bisschen, aber sie hatte Zulauf und brachte zeitweise viel Geld ein.

Napoleon III. (1808 bis 1873), der französische Kaiser und leidenschaftliche Theaterfreund, sagte einmal, als er aus einer dubiosen Vorstellung der berühmt-berüchtigten Travestitin und Herrendarstellerin Vesta Tilley herauskam, die er anonym besucht hatte: „Hier lernt man nicht einmal wie man es nicht machen soll“. Genauso ist es. Travestien sind Verwirrspiele ohne spielerische Absicht. Alles, was geschieht, ist furchtbar ernst gemeint, doch nichts passt zusammen und nichts hat Bestand.

Parallelen zur aktuellen Berliner Politik sind unübersehbar. Man merkt sofort, dass der Redner keineswegs überlegen mit Worten spielt und beispielsweise schlau falsche Fährten legt. sondern er ist sich offenkundig völlig im Unklaren darüber was er eventuell mit seinem Gerede anrichtet. Er rührt in einem Topf herum, ohne zu wissen, was er da umrührt und was dabei herauskommt. Er ist weder von Tragik umweht noch zu komödiantischen Manövern aufgelegt.

Und auch die beteiligten Verhandler erinnern weder an den Tragöden Schiller noch an den Komödianten Nestroy, allenfalls an Vesta Tilley. Sie wechseln ununterbrochen die Kleider, anderes haben sie nicht zu bieten, Wenn es nach ihnen geht, soll alles so bleiben, wie es ist:: mit einer Bundesregierung, die im Grunde eine von Merkel geschaffene politische „Volksfront“ gegen rechts ist, und mit der kontinuierlichen Immigration fremder, außereuropäischer Völkerschaften, mit der man der von linken Ideologen und einigen Konzernen gepredigtem Globalisierung näher kommen werde.

Einer aus der eingangs erwähnten Gesprächsrunde warf die Frage auf , ob die zu beobachtende Berliner Travestie nicht ein getreues Abbild und vielleicht sogar die Folge des auf Travestie getrimmten Zeitgeistes sei, ob man also nicht in psychologisch-anthropogische Tiefen loten sollte. Möglicherweise sei das ganze Theater um die Regierungsbildung sexuell bedingt. Die Sexualität, so heißt es ja, sei nicht naturbedingt, sondern ein „gesellschaftliches Konstrukt“, und zwar ein reaktionäres, auf bloße (Männer-)Macht ausgerichtetes. Im aktuellen Titanenkampf um die Regierungsbildung werde in Wahrheit um den Erhalt der Frauenherrschaft à la Merkel gerungen.

Über dieses Problem wollte die Runde aber nicht mehr diskutieren. Das Gespräch war zu Ende, man ging nach Hause. Unerörtert blieb deshalb auch die Frage, die ich noch gern gestellt hätte, nämlich: Wie lange kann ein modernes Land ohne Regierung auskommen, ohne dass alles durcheinander kommt? Braucht es überhaupt eine Regierung? Belgien hatte bekanntlich vor 2014 fast zwei Jahre lang keine Bunderegierung; es hatte aber Landesregierungen in Flandern und Wallonien mit guten Bürokratien, welche die tagtäglichen Dinge regelten. Könnte es nicht in Deutschland ähnlich sein?

Der Autor ist natürlich für eine gute Bundesregierung, aber die Travestie einer Bundesregierung, wo es nur Kleiderwechsel von Wichtigtuern gibt, lehnt er ab. Dann lieber solide Kleiderbügel.

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Günter Zehm

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