Kunst an die Wand

Die Kraft, die hinter Kunst steht, können soziale Medien nicht transportieren. Das Museum bleibt auch in digitalen Zeiten unersetzlich.

Hätte ich die Wahl, würde ich mich mit all meinen Social-Media-Followern im Museum treffen. Wir würden plaudern, uns über gutes Essen und Trinken unterhalten, der Musik talentierter Künstler lauschen und Tänzern bei ihrer Performance zusehen. Ich würde zweitausend Quadratmeter Fläche mit meiner Kunst füllen. Und alle wären dazu angehalten, sie tatsächlich zu erleben – und sich miteinander zu beschäftigen. Wir hätten es dann nicht nötig, Bildschirme runterzuscrollen, um hier und da ein Like zu hinterlassen.

Nun ist das mit den Museen aber so eine Sache, denn nicht alle sind gleich geschaffen. Es gibt ­Museen, die kulturell gesehen uninteressant sind, selbst wenn sie die aufregendste Kunst ausstellen. Sie bleiben unbeachtet. Es gibt kaum Schlimmeres, als einen Raum zu betreten, in dem sich nur eine Handvoll Besucher befindet. Das ist wie bei Restaurants. Natürlich, ein überranntes Museum ist auch keine schöne Erfahrung. Für meine Lieblingsmuseen habe ich daher einen Pass, damit ich mich nicht mehr anstellen muss. Ich bin ein Museumsmensch. Dass ich Künstler geworden bin, liegt an meinen vielen Ausstellungsbesuchen.

Beispielsweise bei den riesigen Installationen im MOCA in Los Angeles. Wenn ich an diese Ausstellungen denke, erinnere ich mich vor allem an Gefühle: eines der Größe bei Jonathan Borofskys Arbeiten, eines der Lebendigkeit bei Red Grooms’ Lagerhalle, eines der Liebe bei Mark Rothkos Originalen. Dass solche ­Gefühle auch entstehen könnten, wenn man auf einen Bildschirm starrt, kann ich mir nicht vorstellen. Die einzige Ausnahme für mich war Franz Kline, dessen Werk ich das erste Mal in einer Fernsehdokumentation sah und das mich auch via Bildschirm in seinen Bann zog.

Instagram ist oft Zeitverschwendung

Ich bin mit Orten wie Disneyland aufgewachsen, deren Architektur, Achterbahnen und Charaktere meine Arbeit inspirieren. Diese Orte sind Orte der Erfahrbarkeit. Meine jetzige Ausstellung „The Door is Always Open“ zielt auf diese Erfahrbarkeit ab. Dafür habe ich Besucher aufgefordert, zu zeichnen, Postkarten zu schreiben, ihren Erfahrungen und Erinnerungen Form zu geben und sie zu teilen. In einer gewissen Art ist das auch über Social Media möglich. Aber es gibt nichts Wundervolleres, als eine ausdrucksstarke Handschrift zu lesen, die ein Geheimnis erzählt, von einem Abenteuer schwärmt oder eine vergangene Liebe bedauert.

Die sozialen Medien erwecken den Eindruck, als stünde der Künstler im direkten Dialog mit dem Betrachter. Ich mache mir daher genaue Gedanken, wie ich eine Nachricht an meine Follower richte, sie damit teilhaben lasse an meinem kreativen Prozess (was in etwa 95 Prozent meiner Beiträge der Fall ist). Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ist Social Media für mich ein Unterstützer, vielleicht auch eine Erweiterung meiner Kunst. Das bedeutet jedoch nicht, dass Social Media meine Kunst ist. Denn Plattformen wie Instagram können oft absolute Zeitverschwendung sein.­ ­Bilder fließen in einer nicht vorzustellenden Schnelligkeit dahin, manche von ihnen mit einer Lebensdauer von gerade mal ein paar Stunden oder sogar Sekunden. Alles wird miteinander verglichen, Wissen oder Wertschätzung wird dabei vorgegaukelt. Aber meine Erfahrungen hinsichtlich dieses Phänomens sind auch nicht tief gehend.

Ich schätze Kommentare und Likes, auch wenn ich damit in das Spiel um die Beliebtheit reingezogen werde. Solche Plattformen verwässern die Aussagen, die Intentionen hinter Beiträgen, weil sie sich in einem Kanal bündeln, der nicht filtert. Dinge, die nicht wichtig sind, werden als wichtig dargestellt: Sobald etwas unsere Popkultur abbildet, etwas, was schon gewohnt oder von diesem Gewohnten abgeleitet ist, erhält es eine große Aufmerksamkeit. Die Kraft, die hinter einer Idee, einem Bild oder einem Erlebnis steht, kann durch Social Media daher nicht transportiert werden.

Soziale Medien sind nur ein Werkzeug

Kunst oder Objekte erfahren in einem Museum einen ganz anderen Wert. Denn eine Ausstellung ist kuratiert, von jemand Klugem (das hofft man zumindest), der weiß, wie man Kunst so zusammenstellt, dass sie in der bestmöglichen Form erfahrbar wird – in ihrem Kontext als auch geschichtlich. Bei Instagram wird der User der Kurator. Und im Zweifel wird sich der normale Nutzer dem anpassen, was bequem ist.

Trotzdem weiß ich die sozialen Medien zu schätzen, haben sie mir doch viele Türen geöffnet. Auf der ganzen Welt sind Leute auf mich zugekommen, haben mich eingeladen, weil sie mich über diese Plattformen gefunden haben. Es ehrt mich, dass ich in so vielen Ecken der Welt bekannt bin, von Spanien über Brasilien nach Taiwan, Mexiko, Russland bis nach Litauen. Es waren nicht unbedingt Ausstellungen in Galerien oder Museen, die mich dazu brachten, in diesen Ländern Kunst zu machen, sondern Blogger und Facebook-Nutzer, von denen ich las.

Es sind Facebook und Instagram, die mir die Möglichkeit geben, zu kontrollieren, was ich nach außen trage. Und das ist mehr, als ein Museum oder eine Galerie von sich behaupten könnte. Aber, wie gesagt, hier muss unterschieden werden: Die sozialen Medien sind ein Werkzeug für mich. Sie erlauben mir letztendlich nicht, meine Kunst in ihrer Gänze darzustellen.

Personen kann man nur Face-to-Face einbinden

Als Künstler, der sich in vielen Kunstformen übt, von Illustration bis Animation zu bildender Kunst und Performancekunst, sind meiner Erfahrung nach die Momente am wertvollsten, in denen ich jemand als Person einbinden kann. Deshalb gibt es bei meinen Vernissagen nicht nur Drinks und Häppchen: Ich arbeite gemeinsam mit Musikern und Tänzern etwas aus, das die Gäste dazu bewegen soll, sich ungehemmt bewegen zu können und mitzuspielen. Ich bereite kleine Andenken vor, die sie mit nach Hause nehmen können. Ich weiß nicht, wie man so etwas bei Instagram umsetzen würde.

Museumsausstellungen, Events, Performances sind physische und emotionale Erlebnisse, die zwar online oder auch gedruckt dokumentiert, aber nicht direkt erlebbar gemacht werden können. Kunst kann viele Medien durchdringen und natürlich auch außerhalb von Museumswänden existieren. Ich hoffe aber, dass sie dort weiterhin ihren Platz hat.

Übersetzung aus dem Englischen von Caroline Jebens

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