Google Kills? Yes! Kill Google? No!

„Kannst’ doch googeln!“ ist zum Vorwurf für überflüssige Fragen und für Nichtwissen geworden. Ein Leben ohne Google? Mittlerweile unvorstellbar. Gerade politisch ist das Thema „Google“ ist ein Dauerbrenner. Mit Milliarden-Kartellbußen belegt die EU-Kommission das Unternehmen. Doch Google und auch andere Unternehmen der digitalen „Kostenlos“-Welt haben ein Monopol – unauslöschlich.

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„Kannst’ doch googeln!“ ist zum Vorwurf für überflüssige Fragen und für Nichtwissen geworden. Ein Leben ohne Google? Mittlerweile unvorstellbar. Gerade politisch ist das Thema „Google“ ist ein Dauerbrenner. Mit Milliarden-Kartellbußen belegt die EU-Kommission das Unternehmen. Doch Google und auch andere Unternehmen der digitalen „Kostenlos“-Welt haben ein Monopol – unauslöschlich.

Was heißt heißt „googeln“? Googeln ist die Tätigkeit, die man ergreift, wenn man etwas nicht weiß. Und in der Tat, es gibt nichts, was Google nicht weiß, es sei denn der Begriff ist bei Wikipedia gerade mal nicht bearbeitet. Ansonsten, wenn es den gesuchten Begriff eingibt, bekommt man das ganze Wissen dieser Welt auf den kleinen Bildschirm auf dem Schreibtisch geschickt oder auf den ganz kleinen in der Hand. „Googeln“ ist so etwas Selbstverständliches geworden, wie Zähne putzen oder Auto fahren. Über eine Datenverbindung liefert uns Google, schwuppdiwupp, den Griff in den größten Wissenstopf der Welt. „Kannst’ doch googeln!“ ist im Gespräch zum Vorwurf für überflüssige Fragen und für Nichtwissen geworden. Ein Leben ohne Google? In der Wirtschaft, in der Wissenschaft? Mittlerweile unvorstellbar.

Ein Monopol – unauslöschlich

Auch politisch ist das Thema „Google“ ist ein Dauerbrenner. Mit Milliarden-Kartellbußen belegt die EU-Kommission das Unternehmen, die Verbände der Zeitungsverleger begrüßen die Entscheidungen der Kommission, weil sie selbst die Nutzung digitaler Vertriebswege anstreben und Behinderungen durch Google befürchten oder sehen. Beliebt ist auch die Idee der „Zerschlagung“ mit Hilfe des Kartellrechts. Dann gäbe es Google 1 und 2 und vielleicht 3 und 4, und man wüsste nicht mehr, wo man die Suchanfrage eingeben soll. Deshalb: Google und die anderen Unternehmen der digitalen Kostenlos-Welt haben ein Monopol – unauslöschlich.

Dennoch, Google ist und bleibt eine große Wohltat. Denn wann hat die Menschheit – nicht nur alle, sondern jeder Einzelne – je einen solchen Fundus an Wissen zu seiner Verfügung gehabt, unabhängig von Ort und Zeit? Und wenn man sieht, wie sich in einigen asiatischen und afrikanischen Staaten die Bevölkerung buchstäblich in Bewegung gesetzt hat, dann ist das zwar nicht nur eine Wohltat, im Großen und Ganzen aber schon, weil sich dort viele Staaten plötzlich und unerwartet wirtschaftlich entwickeln. Wenn man sich allerdings dazu die Zusammenballung von Wissen und Macht in den Händen von Google betrachtet, ist die Entwicklung beängstigend. Nicht vergessen: Es handelt sich um ein Unternehmen, das erst vor 20 Jahren gegründet wurde und das Strategien einer technischen Welteroberung erkennen lässt: Google-Auto, Google-Satelliten, Google-Cloud und Artificial Intelligence, und das auch, wenn Motorola wegen zu hohen Wettbewerbs- und Preisdrucks auf dem Smartphone-Markt wieder verkauft wurde. Wie soll die Welt mit Google in 50 oder 100 Jahren aussehen oder gar enden? Sorgen über Sorgen.

Was tut Google wirklich?

Diese Frage lässt sich beantworten durch Kenntnisse bezüglich der Geschichte des Google-Konzerns. Die Anfangsidee war ein Wissensnetzwerk von Instituten in amerikanischen Universitäten. In einem der Institute kam man auf die Idee, nicht nur über das – damals neue – Internet im täglichen Betrieb auf andere Rechner anderer Universitäten und ihrer Institute zuzugreifen, sondern man begann, die Server-Verbindungen über Nacht laufen zu lassen und alle Rechnerinhalte auf einem Rechner zu sammeln. Der nächste Schritt war die systematische Aufbereitung der neuen Datenmengen, die ungeordnet angekommen waren. Um den Suchbegriffen Schlagkraft zu verleihen, entwickelte man Algorithmen, die man dann auch sogleich öffentlich in Fachzeitschriften diskutierte, wissenschaftlich eben. Aber nicht lange. Nach ein bis zwei Jahren war Schluss. Die Algorithmen wurden zur Verschlusssache, denn deren wirtschaftlicher Wert war entdeckt worden – und mit einer Kraft, die alles andere beiseiteschob, in den Vordergrund getreten.

Der nächste Schritt war eine gigantische Idee: „Wir sammeln alle Daten dieser Welt!“ Dementsprechend wurde der Name gewählt: Google. Ein „Google“ ist eine 1 mit 100 Nullen, also 10 hoch 100. Das soll eine scheinbar unendliche Menge von Daten oder Webseiten widerspiegeln, also ein durchaus geeigneter Name für das Projekt. Anfangs begnügte man sich mit Datensammeln. Später erzeugte man die Daten auch selbst, zum Beispiel mit dem Google-Mobil, das mit vielen Kameras auf dem Dach in den Städten Häuser, Sichten und Fassaden abgreift und dreidimensional festhält. Der Begriff „Datensammeln“ klingt zwar neutral, aber er missachtet in vielen Fällen das Urheberrecht – weshalb man das weltweite Herunterkopieren von Server-Inhalten zumindest zum Teil als Datendiebstahl gigantischen Ausmaßes bezeichnen kann. Das ist sozusagen der objektive Teil der Google-Operation, der dann per Algorithmus vorsortiert wird und auf den per Abfrage – Google sei Dank – kostenlos zugegriffen werden kann.

Wissen Sie, was Sie da tun?

Allerdings hat die Sache auch einen subjektiven Teil – und das ist der Nutzer, das sind Sie. Sie wollen verreisen, Sie wollen einen Mietvertrag entwerfen, ein Haus bauen, Sie suchen ein Kindermädchen, einen Freund, ein Abenteuer, ein automobiles, ein alpines, ein maritimes, gar ein intimes? Das kleine, einzeilige Suchfenster ist vor keiner noch so intimen Frage sicher. Wir alle liefern bedenkenlos unsere intimsten Gedanken bei Google ab in der Hoffnung, eine kostenlose Antwort oder danach eine kostenlose Info oder käufliches Produkt zu bekommen, das uns in unserem Leben wieder irgendwie weiterbringt.

Genau an dieser Stelle beginnt das Problem. Die Anfragen lassen sich statistisch auswerten und die Ergebnisse lassen sich verkaufen oder für Werbung auf Google verwerten. Das ist die harmlose Variante. Die weniger harmlose ist die Steuerung der Ergebnisse, die bewirkt, dass der Nutzer eine Antwort bekommt, die nicht nur ihm nutzt, sondern eben auch Google. Oder den Vertragspartnern dieses gigantischen Datensammlers. Auf die Eingabe „Skistiefel“ hin liefert Google – als unverfängliches Beispiel – ein Ergebnis nicht nach Häufigkeit oder einem anderen neutralen Algorithmus, sondern an erster Stelle ein von Google an einen Hersteller von Skistiefeln verkauftes Ergebnis. Google ist an dieser Stelle keine Suchmaschine mehr, sondern eine Werbe- und Verkaufsmaschine. Weltweit, in allen Sprachen über alle Kontinente. Gigantisch, „Google“ eben. Und weswegen entwickelt sich das Unternehmen unaufhörlich? Das hatten wir schon: Weil die Suchanfrage beim größten Datenpool aller Zeiten kostenlos ist.

Was ist objektiv zu tun?

Oder anders ausgedrückt: Wie lässt sich der Gigant bändigen, ohne dass wir als Gesellschaft unsere freiheitlichen Prinzipien aufgeben und ohne seine wertvolle Funktion der unbeschränkten Suche übermäßig zu behindern? Meine Antwort: Google hat eine staatliche, gar eine überstaatliche Funktion, denn die Sammlung des gesamten vorhandenen Wissens der Welt oder innerhalb eines Staatsgebietes kann keine rein private Angelegenheit mehr sein. In dieser Dimension handelt es sich um Herrschaftswissen. Wie weit unser Staat und Google schon verwoben sind, zeigt der Besuch in einer Behörde oder einem Ministerium. In dem Moment, in dem beim Gespräch ein benachbartes Rechts- oder Sachgebiet berührt wird, wird der Mangel an Kenntnis durch eine Suchanfrage bei Google ausgeglichen. Dasselbe in Unternehmen, in Universitäten, in Haushalten, also überall, Bundes- und Landesminister und ihre Staatssekretäre nicht ausgenommen.

Google hat Herrschaftswissen total, deckt die Daten und ihre Nutzung ab – ohne Kontrolle von außen, was bedeutet: Google durchbricht das Prinzip der Gewaltenteilung, mit der Folge oder zumindest der Gefahr, sich selbst als totalitären Herrscher zu installieren. Google hat eigene Gesetze, entscheidet selbst und setzt selbst um, tut also nichts anderes als jedes andere Unternehmen in Privatbesitz auch. Das wäre kein Problem, wenn es bei dieser Dimension des Herrschaftswissens wenigstens für die vierte Gewalt, die Medien, also für Journalisten von Zeitungen, Zeitschriften, Film, Funk und Fernsehen geöffnet wäre. Das ist aber nicht geschehen. Hier liegt der Fehler. Beim Mangel an Transparenz und dem Mangel an Möglichkeiten der öffentlicher Diskussion.
Ergo: Google muss per Gesetz geöffnet werden. Die Medien müssen Zugang bekommen.

Geschäftsbereiche, Datenzugriffe, Algorithmen und die Manipulationen von Ergebnissen müssen öffentlich diskutiert und gegebenenfalls gesetzlich geregelt werden, genau wie es in vielen anderen Wirtschaftsgebieten der Fall ist, in denen es heute zum Beispiel Gebührenordnungen, amtliche Tarife wie beim Telefon oder Konzessionen gibt. Die Regelungen müssen Land für Land vollzogen werden, also regional und nicht nur global. Wer glaubt, dieser Prozess sei der falsche Weg, der möge sich vergegenwärtigen, wie die Welt in 50 oder 100 Jahren aussieht, wenn diese Aufgabe nicht in Angriff genommen wird: Dann gehört die Welt Google und nicht mehr den Parlamenten. Insider sagen schon jetzt: „Man glaubt gar nicht, was die alles vorhaben!“

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