Ein Dirndl schließt Offenheit gegenüber anderen Kulturen nicht aus

Die VOX-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ begeistert jeden Dienstag ein Millionenpublikum. Seit 2017 als Investorin mit dabei: Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit der CSU-Politikerin über die Parolen der Populisten, die Verantwortung von Familienunternehmen und darüber was es bedeutet „Deutscher“ zu sein.

Frau Wöhrl, welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Für mich persönlich ist Demokratie eine der wichtigsten gesellschaftlichen Errungenschaften die wir in Deutschland haben – vielleicht sogar die wichtigste. Mit Blick auf unsere Geschichte und auf die derzeitige weltpolitische Situation müssen wir uns stets vor Augen führen, dass Demokratie alles andere als selbstverständlich ist.

Als Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Bundestag bin ich durch die halbe Welt gereist. Ich habe sehr viele Staaten bereist, in denen die Menschen alles dafür geben würden, in einem demokratischen System leben zu dürfen – ohne staatliche Repressionen und Willkür der herrschenden Elite. Staaten, in denen sie die Möglichkeit zur politischen Partizipation haben und ihre Meinung frei äußern können, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen. Demokratieförderung war für mich daher stets eines der wichtigsten Ziele der deutschen Entwicklungspolitik.

Demokratie ist eine zarte Pflanze, die jeden Tag aufs Neue gepflegt und verteidigt werden will – ein unschätzbares Gut. Die älteren Generationen haben die Schrecken totalitärer Systeme erlebt und wissen den Wert der Demokratie daher noch mehr zu schätzen. Für die meisten jungen Menschen in Deutschland ist Demokratie hingegen etwas Selbstverständliches, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben.

Europa ist der weltgrößte Wirtschaftsraum. Als Investorin und erfolgreiche Familienunternehmerin sind Sie auf freien Handel innerhalb der EU angewiesen. Was passiert, wenn Europa scheitert?

Ich war immer eine überzeugte Pro-Europäerin und habe die europäische Integration stets unterstützt. Der freie Austausch von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital innerhalb der EU ist für mich einer der wichtigsten Pfeiler eines gemeinsamen Europas. In vielen europäischen Grenzregionen haben wir heute staatenübergreifende gemeinsame Projekte für Bildung, Forschung und Beschäftigung. Der Bereich Außenhandel ist in der EU weitgehend vergemeinschaftet.

Wenn wir den Handel innerhalb der EU betrachten, so habe ich als Unternehmerin großes Interesse daran, dass System der offenen Grenzen zu erhalten. Eine dauerhafte Rückkehr zu innereuropäischen Grenzkontrollen würde die deutsche Wirtschaft rund 20 Milliarden Euro pro Jahr kosten und das Wachstum in Europa deutlich schwächen. Verlängerte Wartezeiten an den Grenzen erhöhen die Kosten der Unternehmen, dadurch wiederum steigen die Preise. Die Folge ist ein Rückgang bei Konsum, Export und Investitionen. Das kann ich als Unternehmerin nicht wollen.

Auf der anderen Seite ist mir als CSU-Politikerin und insbesondere mit Blick auf die illegale Migration wichtig, dass Sicherheit und Ordnung hierzulande garantiert bleiben. Das Schengen-System werden wir nur dann erhalten können, wenn wir bei der Sicherung der EU-Außengrenzen deutlich entschlossener vorangehen. Das fordert die CSU schon seit langer Zeit. Ein Scheitern Europas muss mit allen Kräften verhindert werden! Dafür müssen wir den Mut haben, eine ehrliche Bestandsaufnahme durchzuführen. Wir brauchen mehr Europa bei den großen Fragen und weniger Regulierung im „Klein-Klein“ durch Brüssel.

Populistische Parteien erstarken überall in Europa – begründet auch durch einen gefühlten Verlust an nationalstaatlicher Autonomie und Kontrolle. Wie soll die Politik Ihrer Meinung nach mit Populisten umgehen?

Unsere Welt wird immer komplexer, die gegenseitigen internationalen Verflechtungen immer stärker. Einige Menschen stehen der Globalisierung skeptisch gegenüber, weil sie Sorge haben, die Geschwindigkeit nicht mitzuhalten und somit zu den Verlierern der Globalisierung zu werden. Populistische Bewegungen in Europa nutzen diese Ängste aus, indem sie den Menschen vermeintlich einfache und eindimensionale Lösungen für komplexe Probleme anbieten. Populisten geben vor, durch nationale Abschottung ganz schnell alle Probleme zu lösen. Das ist schon deshalb gefährlich, weil die Parolen der Populisten einzig dem Stimmenfang dienen und die Realität weitgehend ausklammern. Da werden dann gerne Fakten verdreht und bewusst Ressentiments geschürt. Es wird bewusst in Kauf genommen, zu hetzen und zu polarisieren.

Dabei können Probleme wie illegale Migration, internationaler Terrorismus oder der Kampf gegen den Klimawandel nicht durch nationale Abschottung gelöst werden. Ebenso die Fragen hinsichtlich Energiesicherheit und der Bewältigung von Handelskonflikten – also Fragen, die den Kern unserer Sicherheit und unseres Wohlstands in Deutschland betreffen – können nur durch eine verstärkte internationale Kooperation beantwortet werden.

Starken Auftrieb erleben Populisten aber auch durch die Angst vor Überfremdung – insbesondere im Zuge des Zustroms vieler Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis. Hier muss sich die Politik die Frage gefallen lassen, ob sie diese Ängste von Beginn an ernst genug genommen hat. Meiner Meinung nach ist es wichtig, Populisten nicht einfach zu dämonisieren, sondern sie über die inhaltliche Auseinandersetzung zu stellen.

In der politisch aufgeheizten Gegenwart werden zunehmend Stimmen laut, die eine öffentliche Debatte über Identität und Leitkultur fordern. Was bedeutet es für Sie „Deutscher“ zu sein?

Ich habe mich 23 Jahre lang im Bundestag und auch zuvor politisch intensiv mit der Frage von Identität und Leitkultur beschäftigt und erinnere mich an einige emotionale Debatten im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Ich möchte es auf die kurze Formel bringen: Die linksgrüne Vorstellung von Multikulti ist gescheitert. Das erkennen heute sogar viele Linke an. Für uns als CSU spielt der Gedanke der Leitkultur bei Fragen von Identität und Integration seit jeher eine wichtige Rolle.

Ich war und bin immer für ein offenes und tolerantes Deutschland, aber es muss außer Frage stehen, dass jeder, der nach Deutschland kommt, unsere Grundwerte zu akzeptieren und einzuhalten hat. Wir geben uns in Deutschland die Hand zur Begrüßung. Für uns ist unser Grundgesetz die oberste Handlungsmaxime. Wer Probleme damit hat, das in Deutschland geltende Recht vorrangig gegenüber den mitgebrachten traditionellen Bräuchen zu akzeptieren und wer Probleme damit hat, eine Frau als gleichberechtigt anzuerkennen und ihr zur Begrüßung die Hand zu reichen, der ist hier falsch.

Jeder Mensch hat meiner Meinung nach das Recht, seine kulturellen Bräuche auch in Deutschland zu leben – jedoch niemals außerhalb unseres verfassungsmäßigen Rahmens. Das müssen wir den Menschen, die zu uns kommen, von Anfang an sehr deutlich sagen. Die Politik muss Integrationsleistungen noch stärker einfordern und Integration noch stärker fördern als bisher. Ich denke hier an eine Ausweitung von Integrations- und Sprachkursen, aber auch an mehr Integrationsangebote in Schule, Ausbildung und Beruf.

„Deutscher“ zu sein bedeutet für mich in erster Linie, dass ich ein stolzer Verfassungspatriot mit einem sehr klaren Wertekompass bin. Ich war schon immer eine sehr heimatverbundene und zugleich sehr weltgewandte Fränkin. Eine feste Verankerung im Dirndl und die Offenheit gegenüber anderen Kulturen – das eine schließt das andere nicht aus.

In der VOX-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ stehen Sie für langfristiges Wachstum und den Aufbau eines nachhaltigen Markenimages. Sind Familienunternehmen „verantwortungsvoller“ als Konzerne?

Wenn ich bei „Die Höhle der Löwen“ in ein Gründerteam investiere, dann sehe ich meine Rolle nicht nur als Investorin, die das notwendige Kapital bereitstellt und auf möglichst hohe kurzfristige Profite schielt, um dann schnell wieder rauszugehen. Ich sehe mich vielmehr als Mentorin, die den Gründern in allen Fragen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich möchte meine Gründer dabei begleiten, ein gutes Produkt und eine starke Marke aufzubauen. Dabei stelle ich meine Erfahrung als Unternehmerin zur Verfügung und helfe auch mit meinem persönlichen Netzwerk.

Ich würde nicht pauschal behaupten, dass Familienunternehmen per se verantwortungsvoller als Konzerne sind, aber die Herangehensweise ist in der Regel eine andere. Dem Familienunternehmer liegt es in der „DNA“ langfristig zu denken. Familienunternehmer übernehmen ein Unternehmen oft in zweiter oder dritter Generation. Dadurch besteht eine enge Verbundenheit mit der Region sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und deren Familien, für die der Familienunternehmer immer auch Identifikationspunkt und Anlaufstelle bei persönlichen Problemen ist.

Im Gegensatz zu vielen Konzernen, denen es vor allem darum geht, bei der jährlichen Aktionärsversammlung die notwendige Rendite auszuschütten, sind Familienunternehmer oftmals bodenständiger, stellen eigene Akzente mehr in den Vordergrund und planen in der Regel langfristiger. Das Menschliche steht stärker im Vordergrund. Bei einem multinational aufgestellten Konzern geben vielmehr die nackten Zahlen den Ausschlag dafür, wie die Strategie für das nächste Jahr aussieht.

Konkret auf meine Aktivitäten bei „Die Höhle der Löwen“ bezogen bedeutet das zum Beispiel, dass für mich das Gründerteam sehr stark im Vordergrund steht. Klar, die Idee, das Produkt und die Marktchancen müssen stimmen. Aber für mich spielt bei der Auswahl immer auch die Persönlichkeit der Gründer eine wichtige Rolle, ebenso ihre Herangehensweise und ihre Philosophie. Selbst wenn ich sehe, dass am Anfang kein sofortiger Profit zu erwarten ist – die Gründer jedoch die Begeisterung und die Bereitschaft mitbringen, hart für ihren Traum zu arbeiten und Entbehrungen in Kauf zu nehmen – gehe ich Investments ein. Da kommt dann die Familienunternehmerin wieder bei mir durch!

Apropos Verantwortung: Welche CSR-Schwerpunkte stehen beim „Wöhrl-Familienunternehmen“ im Fokus und welche Werte sind Ihnen als Bestandteil der Unternehmenskultur besonders wichtig?

Bei unserem Wöhrl-Familienunternehmen haben wir immer Akzente gesetzt Dies betrifft sowohl die Leistungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch die gesellschaftliche Verantwortung, die wir für die Region übernehmen. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung waren für uns schon immer ein hohes Gut.

Ich bin auch weiterhin in verschiedenen Funktionen entwicklungspolitisch aktiv und helfe mit meiner privaten Stiftung – der „Emanuel-Wöhrl-Stiftung“ – seit vielen Jahren Menschen in Not. Ich denke, dass unternehmerischer Erfolg immer auch dafür genutzt werden sollte, die Welt ein Stück weit besser zu machen. Das versuche ich auch bei meinem Engagement bei „Die Höhle der Löwen“ meinen Gründern immer als wichtigen Bestandteil einer guten Unternehmenskultur zu vermitteln.

Mein Unternehmensleitbild: Stets so zu produzieren und zu wirtschaften, dass die Menschen in der Region langfristig davon profitieren, die Menschen in den Entwicklungsländern nicht darunter leiden und keine Umweltschäden für die nachfolgenden Generationen entstehen.

Frau Wöhrl, von Ihnen stammt das Zitat: „Es gibt kein Abendessen der Familie, bei dem nicht über das Geschäft geredet wird.“ Was machen Sie am liebsten, um den Kopf wieder frei zu bekommen?

Ja, das habe ich einmal so gesagt. Jeder in unserer Familie ist Unternehmer. Da kommt man natürlich um einen Austausch nicht herum. Es ist ja auch schön, sich gegenseitig zu unterstützen. Wenn ich sehe, wie erfolgreich mein Sohn Marcus mit seinen Unternehmen in seinem jungen Alter bereits ist, dann hat es sicherlich nicht geschadet.

Natürlich haben wir aber auch genug andere Themen, über die wir sprechen. Wir sind alle begeisterte Fans des 1. FC Nürnberg und diskutieren gerne leidenschaftlich über den letzten Tatort. Nein, im Ernst, wir sind eine Unternehmerfamilie und da gehört das Geschäft eben dazu. Um den Kopf frei zu bekommen, gehe ich gerne mit meinem Hund spazieren, in die Oper oder treibe Sport.

Vielen Dank für das Interview Frau Wöhrl!

Quelle: Gesichter der Demokratie

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