„Freiberufliche Hebammen müssen wieder in der Geburtshilfe arbeiten können.“

Der Hebammenberuf hat eine enorme Bedeutung für unsere Gesellschaft und steckt in einer tiefen Krise. Warum empören sich so wenig Leute? Ein Interview zum internationalen Hebammentag.

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Frau Bruhn, die Geburt, sagt man, prägt das ganze Leben. Wie kann man sich das vorstellen?

Dr. Christine Bruhn: Die Geburt verkörpert den Übergang jedes Einzelnen vom inneren ins äußere Leben. Die Franzosen nennen sie auch „Rite de passage“ – das Ritual des Übergangs. Dieser Prozess ist unglaublich komplex und erzeugt einen starken Widerhall bei Mutter und Kind. Die Vorstellung, das Kind sei bei der Geburt ein unbeschriebenes, weißes Blatt, gilt schon lange nicht mehr, wie wir geboren werden, hat großen Einfluss auf unsere körperliche und psychische Entwicklung.

Wie äußert sich das konkret?

Die Nabelschnur ist der wichtigste Übertragungsweg zwischen Mutter und Kind. Ist die Mutter unter der Geburt Stress ausgesetzt – und das ist immer der Fall –, bekommt auch das Ungeborene dies zu spüren. Angst führt zur Ausschüttung von Adrenalin, dadurch verhärten sich die Muskeln der Mutter. Das kann sich auf den Herzschlag des Kindes auswirken und bedeutet im schlimmsten Fall einen Geburtsstillstand. Kann sich die Frau in geschütztem Rahmen auf die Geburt konzentrieren und ihren Kräften vertrauen, gelingt im guten Fall ein Übergang, der Kind wie Mutter stärkt und den so wichtigen Bindungsaufbau von Mutter, Kind und Vater/Partner gut in Gang setzt.

Vor gut zweieinhalb Jahren kam die Haftpflichtproblematik der freiberuflichen Hebammen erstmals groß an die Öffentlichkeit. Die Versicherungsbeiträge haben sich seit 2002 mehr als verzehnfacht. Wer außerklinische Geburten anbietet, zahlt inzwischen über 7.600 Euro pro Jahr.

Und bereits jetzt ist beschlossen, dass die Prämien zum Juli 2018 auf rund 8.200 Euro steigen werden

Es scheint, als wäre es inzwischen Luxus, außerklinische Geburtshilfe anbieten zu können.

Ganz so drastisch würde ich es nicht mehr formulieren. Es stimmt, dass diese Prämien wahnsinnig stark angestiegen sind; gleichzeitig verdienen freiberufliche Hebammen – vor allem jene, die Geburtshilfe anbieten – derzeit eher schlecht. So konnte es nicht weitergehen. Man muss letztlich sagen, dass die Politik 2014 relativ beherzt eingegriffen hat. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) rief eine interministerielle Arbeitsgruppe ins Leben, die allerhand Daten zusammengetragen, Gutachten erstellt und Schlussfolgerungen entwickelt hat. Unter anderem, dass Hebammen, die Geburten begleiten, dies aber nicht wie am Fließband leisten können, finanziell bezuschusst werden müssen, um sich die hohen Haftpflichtprämien leisten zu können.

Für diese Erkenntnis braucht es doch aber keine interministerielle Arbeitsgruppe?

Nein – aber es ging damals um ein ganzes Paket von Maßnahmen.

Für die Unterstützung trat am 1. Juli 2015 der sogenannte Sicherstellungszuschlag in Kraft. Was genau verbirgt sich dahinter?

Hebammen können diesen Zuschuss beantragen, müssen allerdings bestimmte Auflagen erfüllen und beispielsweise ein Qualitätsmanagement vorlegen. Wird der Antrag bewilligt, bekommen die
Hebammen mehr als zwei Drittel der Prämie zurück. Jedoch müssen sie zunächst zwei Prämien vorfinanzieren, ehe sie die erste erstattet bekommen.

Wie konnte es überhaupt zu dieser Haftpflichtproblematik kommen?

Das ist ein schwieriges, komplexes und leider wenig transparentes Thema. Die steigenden Prämien waren – nach Aussagen der Versicherer – daran gekoppelt, dass die eingeklagten Schadensummen kontinuierlich steigen. Die Anzahl der Schadenfälle jedoch bleibt in etwa gleich. Das bedeutet, dass pro Einzelfall immer mehr eingeklagt wird.

Wer kann die Summen einsehen?

Quasi niemand. Noch nicht mal das Bundesgesundheitsministerium kommt da ran. Somit gibt es keinerlei Kontrolle, ob die Aussagen der Versicherungen über die Schadensummen zutreffen oder nicht. Je höher die Versichertensummen der Haftpflichtversicherungen, desto höher sind auch die Schadensummen, die vor Gericht eingefordert werden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Versicherungen wirtschaftliche Gebilde sind, die Rücklagen bilden müssen für eventuelle Klagefälle, die auf sie zukommen. Laut Gesetz kann eine Hebamme 30 Jahre lang für geburtshilfliche Schäden und deren Folgen verklagt werden. Da ergeben sich natürlich enorme Summen. Darüber hinaus stecken bei jeder Versicherung privatwirtschaftliche Interessen – Aktien, Shareholder und Dividende – dahinter. In Deutschland ist momentan nur noch ein Versichererkonsortium für geburtshilfliche Leistungen am Markt. Wir sprechen also hier de facto von einer wirtschaftlichen Monopolstellung.

Ist das kartellrechtlich nicht problematisch?

Einerseits ja, anderseits sagen die Bundesbehörden: Was sollen wir machen, wenn niemand sonst eine Haftpflicht für Hebammen anbieten will?

Hätte sich diese gesamte Entwicklung verhindern lassen?

Ein genauerer Blick darauf, was sich in diesem Berufsstand anbahnt, hätte definitiv geholfen. Dieser ganze Prozess geschah nicht von heut auf morgen. Stattdessen warnen die Hebammenverbände schon seit über zehn Jahren davor, dass die Hebammen genau aus diesen Gründen aus der Geburtshilfe aussteigen.

Zur Schieflage trägt aber auch der klare Trend bei, Hebammen bei Problemfällen zu kriminalisieren. Ganz nach dem Motto: Hätte die Geburt in einem Krankenhaus und nicht zuhause oder in einem Geburtshaus stattgefunden, wäre es gar nicht erst zu diesen Problemen gekommen.

Natürlich treten Schadenfälle in den Krankenhäusern viel häufiger auf – schon alleine dadurch, dass auch Risikoschwangerschaften betreut werden. Trotzdem wird hier nicht in die Richtung gedacht, ob beispielsweise durch zu schnelles Eingreifen, zu häufige Interventionen etc. etwas schiefgelaufen sein könnte. Man geht automatisch davon aus: Im Krankenhaus läuft schon alles richtig. Stimmt aber nicht.

Wie ist die Situation der Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen in anderen Ländern geregelt?

Die Höhe der Prämien und das Modell, Geburtsschäden über die private Berufshaftpflicht zu versichern, sind ein deutsches Phänomen. In Österreicher und der Schweiz betragen die Prämien nur einen Bruchteil. In den Niederlanden federt ein steuerfinanzierter Fonds die Beiträge ab. In Ungarn oder Polen wiederum dürfen Hebammen überhaupt keine außerklinische Geburtshilfe anbieten.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Kaiserschnittrate von 10 bis 15 Prozent. Wie kommen solche Empfehlungen zustande?

Als Grundlage dienen Untersuchungen darüber, bei welchen Geburten eine Sectio wirklich notwendig war und wo die Geburt physiologisch normal ablaufen kann. Ein Kaiserschnitt ist und bleibt ein schwerer operativer Eingriff, der dafür gedacht ist, in einer absoluten Notsituation das Leben von Mutter und Kind zu retten. Oder aber schwere gesundheitliche Schäden zu vermeiden, die beispielsweise durch Atem- oder Herzprobleme unter der Geburt auftreten können.

Wie müssen uns vor Augen halten, dass die Sectio keine Geburt ist – sondern eine Operation. Das Kind wird von einem Moment auf den anderen aus seinem vertrauten Umfeld gerissen. Eine Geburt hingegen ist ein langwieriger und enorm komplexer Prozess. Und das hat die Natur auch ganz bewusst so angelegt.

Gilt ein Kaiserschnitt als traumatisches Geburtserlebnis?

Das kann man so nicht sagen, aber immer mehr Forschungsergebnisse belegen, wie schädlich eine Sectio für die spätere Entwicklung und Gesundheit von Mutter und Kind ist. Beim Kind können Anpassungsstörungen auftreten, Asthma, Diabetes oder Adipositas. Besonders mit geplanten Kaiserschnitten vor der 39. Schwangerschaftswoche sind langfristige Entwicklungsrisiken verbunden, bis hin zu späteren schlechtere Schulleistungen und psychischen Störungen.

Bei der Mutter kann es zu körperlichen Problemen kommen, wie Wundheilungsstörungen, Verwachsungen, negative Auswirkungen für Folgeschwangerschaften. Auch psychische Störungen wie Depressionen sind möglich und die wichtige Mutter-Kind-Beziehung, die Entwicklung dieser einzigartigen Bindung kann gestört werden.

In Deutschland lag die Sectio-Quote 2016 bei 33 Prozent. Warum?

Frauen wissen zu wenig Bescheid über die negativen Konsequenzen. Außerdem sind Mediziner für den „Normalfall“ in der Geburtshilfe nicht mehr genügend ausgebildet, es fehlen die Kapazitäten und es herrscht Zeitdruck. Dann lieber eine Operation, als sich hinterher vorwerfen zu lassen, etwas „nicht getan“ zu haben. Eine aktuelle Veröffentlichung des Arbeitskreis Frauengesundheit AKF e.V. zeigt Beispiele gegen den Trend – es gibt durchaus Häuser, in denen eine deutliche Senkung der Kaiserschnittrate über die Jahre gelungen ist.

Spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle?

Eine physiologische Geburt rechnet sich für das Krankenhaus einfach nicht. Sie ist kosten- und personalintensiv und dauert sehr lange. Allerdings spart sie letztlich, wenn man sie als Präventionsleistung betrachtet, auch sehr viele medizinische und therapeutische Kosten ein. Doch niemand macht sich die Mühe, diese tatsächlich mal auf den Tisch zu legen.

Die Geburt bleibt durch ihre Komplexität sehr störanfällig. Eine Sectio hingegen ist in der Regel planbar. Ist sie somit nicht die sicherere Variante, weil weniger Unvorhergesehenes passiert?

Eine Sectio ist eine Operation mit allen Risiken und auch dort kann es natürlich böse Überraschungen geben. Aber letztlich funktioniert die Geburt nicht grundlos seit Tausenden Jahren auf natürlichem Wege. Dieser Prozess ist eine notwendige, intensive und vieldimensionale Vorbereitung des Kindes auf einen neuen Lebensabschnitt, sowohl in psychologischer als auch in biologischer Hinsicht: Mit welchen Bakterien infiziert sich ein Neugeborenes im Geburtskanal? Vor wie vielen Dingen ist das damit schon gefeit? Die Forschung weiß inzwischen, dass Kinder, die besonders stark vor Bakterien geschützt werden, erst recht Allergien entwickeln. Es geht nicht mehr darum, zu vermeiden, dass mein Körper mit Keimen besiedelt ist, sondern dass die richtigen davon in ausreichendem Maße vertreten sind, um die falschen abzuwehren.

Wie wichtig ist die psychologische Komponente?

Diese Herausforderungen beim Eintritt in das eigene Leben zu meistern, sind für die Psyche des Neugeborenen außerordentlich bedeutsam. Ein stabiles Neugeborenes trinkt schneller, nimmt stabiler Gewicht zu, es wird länger gestillt und entwickelt weniger Krankheiten. Ein Kaiserschnitt überspringt diese Vorbereitung und das Kind steht völlig unvermittelt vor diesem neuen Lebensabschnitt. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen aus dem vierten Stock nicht die Treppe, sondern den Weg aus dem Fenster – nur weil der kürzer und direkter ist.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Trend zum Wunschkaiserschnitt?

In unserer gesamten Gesellschaft herrscht es ein immer stärker werdendes Verlangen nach äußerer Kontrolle – auf Kosten des Innenbezugs. Es gibt heutzutage Apps, mit denen sich Frauen anzeigen lassen: Okay, jetzt habe ich meine Tage. Diese Entwicklung ist völlig absurd. Ich nutze also den Blick von außen um herauszufinden, was mit mir und meinem Körper los ist. Wir verlassen uns immer weniger auf unsere eigene Wahrnehmung und Entfremden uns von unserem eigenen, inneren Selbst.

Die junge Generation ist gewohnt, ständig unter Beobachtung zu stehen, vor allem durch die Digitalisierung und Social Media. Diese Beobachtung findet jedoch nur von außen statt. Auf Fragen wie Was tut mir gut? oder Wie geht es mir? eine ehrliche, authentische Antwort zu geben, überfordert die meisten inzwischen.

Seit wann gibt es diesen Trend?

Ich erinnere mich an einen Fall vor etwa zehn Jahren. Das Paar freute sich wahnsinnig auf das Kind. Doch die Frau hatte Angst davor, nicht zu wissen, wann die Geburt losgeht, was dabei geschieht und dass sie während der Geburt die Kontrolle über sich verliert. Eine normale, physiologische Geburt bedeutet Kontrollverlust und diesen möchten die Frauen vermeiden. Das ist auch erst einmal verständlich.

Die gesunde Gegenbewegung allerdings wäre der Ansatz: Wie bekomme ich die Kontrolle wieder? Was kann ich tun, um Vertrauen zu meinem Körper zu finden und ihn unter der Geburt machen zu lassen? Und das gelingt durch den bewussten Umgang mit dem eigenen Körper: Wie geht es mir? Was brauche ich? Bin ich mit meinem Kind verbunden? Auch aus diesem Grund dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen – um diese Bindung zum eigenen, sich verändernden Körper aufzubauen. Nicht nur während der Geburt, sondern schon in der Schwangerschaft ist es deshalb sehr wichtig, dass Frauen gut beraten werden und Vertrauen in diejenigen aufbauen können, die sie fachkundig begleiten.

Der Sicherheitsgedanke führt auch dazu, dass die Gesellschaft für alles sofort einen Schuldigen sucht, wenn etwas nicht planmäßig läuft. Dabei vergessen viele, dass die Geburt ein natürlicher Prozess ist und somit niemals risikolos verlaufen wird – auch und vor allem nicht mit einem Kaiserschnitt.

Woher kommt dieser scheinbar ewige Konflikt zwischen Geburtsmedizin und Geburtshilfe, zwischen Ärzten und Hebammen?

Das ist historisch gewachsen. Bis zum 1949 war es völlig normal, sein Kind zuhause zur Welt zu bringen. Wenn jemand sagte Ich gehe für die Entbindung ins Krankenhaus, lautete die Antwort: Was ist los? Stimmt was nicht?! Danach standen immer mehr Geburten unter Obhut der Medizin und wurden in die Klinik verlagert.

Wie hat sich die Geburtshilfe in Deutschland danach entwickelt?

Es gab mehrere große, oft gegensätzliche Wellenbewegungen. In den ersten gut zwei Jahrzehnten nach Kriegsende war alles komplett durchpathologisiert. Den Kindern wurden unter der Geburt Elektroden an den Kopf gesetzt, um die Sauerstoffsättigung und den Herzschlag zu messen. Daraufhin wuchs der Wunsch der Frauen, die Selbstbestimmung zurückzuerlangen, sodass nicht mehr über ihre Köpfe hinweg entschieden wurde. Die Gründung der Geburtshäuser war auch eine Gegenbewegung zu dieser Entwicklung.

Das Geburtshaus Charlottenburg wurde 1987 ins Leben gerufen und war das erste in ganz Deutschland. Wie kam es dazu?

1980 gab Sheila Kitzinger, eine berühmte und progressiv für die Selbstbestimmtheit der Frau eintretende Hebamme aus den USA, einen Workshop im Rahmen eines Kongresses, der damals im deutschen Reichstag stattfand. Die deutsche Soziologin Hanne Beitel reagierte daraufhin und sagte: So etwas bräuchten wir hier in Deutschland auch. Also lud sie Kitzinger erneut nach Berlin ein. Die Teilnehmer dieses zweiten Workshops bildeten einen Arbeitskreis, 1982 wurde aus diesem heraus der Verein für eine selbstbestimmte Geburt e.V. gegründet, der wiederum den Grundstein für alle Geburtshäuser in Deutschland legte. Erstaunlich ist, dass keine dieser Frauen Hebamme war.

Was war ihr grundsätzliches Anliegen?

Sie wollten einen alternativen, geschützten Raum schaffen, in dem Frauen ihre Kinder mit 1:1-Betreuung der Hebamme sanft, sicher und voller Respekt dem Kind gegenüber zur Welt zu bringen können und wo es entsprechende Vor- und Nachsorgemöglichkeiten gibt. Nach fünf Jahren hatten sie die geeigneten Räumlichkeiten am Klausenerplatz hier in Charlottenburg gefunden und inzwischen auch Hebammen gewonnen, die ihre Idee unterstützten.

Wie reagierten Krankenhäuser und Gesellschaft auf diese Revolution?

Die Einrichtung ist anfangs furchtbar angegriffen worden. Die Kliniken sagten, es gäbe dort tote Kinder und das Haus selbst sei ein totgeborenes Baby. Die Fronten waren sofort verhärtet. Die Unterstellung, ein Geburtshaus sei unsicher und die Frauen, die ihr Kind dort zur Welt bringen wollen, würden verantwortungslos handeln, begleitet die Geburtshäuser seit der ersten Stunde.

Studien belegen, dass die Interventionsrate auch bei physiologisch normalen Geburten stark zunimmt, wenn eine Schwangere im Krankenhaus betreut wird.

Das stimmt, aber sobald mit Angst gearbeitet wird, spielen Zahlen keine Rolle. Der deutsche Kinderarzt und Psychotherapeut Adrian Serban brachte das vor kurzem sehr schön auf den Punkt. sagt, die deutschen Kollegen gäben immer vor, in erster Linie auf ihre Rationalität und Wissenschaftlichkeit zu pochen. Tun sie aber gar nicht. Ansonsten müssten sie die physiologischen Geburten aus den Krankenhäusern rausholen.

Warum wird in der Klinik auch bei normalen Geburten so stark interveniert?

Weil dort die pathologische Perspektive dominiert. Sie stellt die Suche nach einem Problem in den Vordergrund. Das muss möglichst schnell erkannt und darauf adäquat reagiert werden. Die außerklinische Geburtshilfe schaut aus einem physiologischen Blickwinkel.

Inzwischen beklagen führende klinische Geburtshelfer in Deutschland, beispielsweiser der Berliner Professor Michael Abou-Dakn, wie problematisch es ist, dass Geburtsmediziner in Krankenhäuser gar nicht mehr wissen, was eine normale Geburt ist. Sie bekommen sie schlichtweg nicht mehr zu sehen, da sie bei jeder Geburt nur in der Endphase hinzukommen: Die Frau liegt in den Presswehen, es geht hoch her, Stress, Geschrei… Wenn ich ausschließlich diese Situationen erlebe und die Entwicklung bis zu diesem Punkt nicht kenne, reagiere ich natürlich völlig anders. Ein weiteres Problem ist, wenn zu viele Frauen gleichzeitig durch zuwenig Hebammen betreut werden müssen – was heutzutage verstärkt vorkommt. Dann sind vermehrt Interventionen programmiert.

Worin sehen Sie die Vorteile eines Geburtshauses?

Vor allem in der 1:1-Betreuung. Sie ist die größte Präventionsleistung und Sicherheit, die man einer Frau unter der Geburt geben kann. Eine gesunde Frau, die ein gesundes Kind erwartet, gehört erstmal nicht ins Krankenhaus. Mit einer Krankheit hat das schließlich nichts zu tun und auch das Argument der medizinischen Versorgung spielt zunächst keine Rolle.

Warum sehen die Familien und werdenden Mütter diesen geschützten Raum trotzdem vornehmlich im Krankenhaus?

Weil sie eine Klinik mit Sicherheit verbinden. Es dominiert die Gewissheit, dass – falls etwas passiert – schnell jemand da ist. Ein anderer, oftmals risikoärmerer und gesünderer Weg wäre zu fragen: Wie
muss ich die anstehende Geburt vorbereiten, damit möglichst nichts passiert?

Die Zahl der Kreißsäle in ländlichen Regionen oder Kleinstädten geht kontinuierlich zurück. Stattdessen ist die Rede von riesigen Geburtskliniken. Wird es eine flächendeckende geburtshilfliche Betreuung bald nur noch in Ballungszentren geben?

Ich hoffe nicht. Glücklicherweise gibt es auch einige Anzeichen dafür, dass sich neben Hebammen und einzelnen Medizinern auch Fachgesellschaften für eine dezentrale Versorgung einsetzen. Der Großteil der Geburten – 75 bis 80 Prozent – ist nach wie vor physiologisch. Doch wer die Zentralisierung der Geburtshilfe forciert, ohne die wohnortnahe Versorgung im Blick zu behalten und sehr genau die Qualität der Geburtshilfe zu kontrollieren, unterstützt gleichzeitig die Pathologisierung von Geburten.

Der Fall Sylt kursierte immer wieder in den Medien.

Dort gab es Hausgeburtshebammen und eine kleine Klinik. Als der Kreißsaal geschlossen wurde, mussten auch die Hebammen aufhören, denn ohne medizinische Notfallversorgung in der Nähe kann keine Hebamme eine Geburt durchführen. Also mussten die Frauen lange vor der eigentlichen Geburt aufs Festland – und die Sectiorate dort schoss plötzlich in astronomische Sphären.

Widerspricht der Trend zu Zentralisierung nicht dem im Grundgesetz verankerten Prinzip der freien Wahl des Geburtsortes?

Ja und nein. Denn wenn es nur noch diesen einen Geburtsort gibt, ist diese freie Wahl nur noch theoretisch frei. Diesbezüglich brauchen wir mehr Druck und auch Transparenz seitens der Bundesregierung. Hierzu gehört auch die ehrliche Information darüber, wer welche Art der Betreuung benötigt. Wenn alle davon ausgehen, dass Geburten möglichst in den Level-1 Krankenhäusern stattfinden sollten, die für jeglichen Notfall bei Mutter und Neugeborenem bestens gerüstet sind, entsteht ein run auf dieses Angebot. Dabei wären Mutter und Kind im Normalfall in einem Geburtshaus oder in einer nicht so stark angefragten Klinik, die normale Geburtshilfe anbietet und ein komplett besetztes Team hat, vielleicht besser betreut. Da muss sehr genau hingeschaut werden, auch auf Seiten der Frauen. Berlin hat diesen Aspekt in seinem 10-Punkte-Aktionsprogramm zur Geburt aufgegriffen im Top Information und Kommunikation – hier darf mit Spannung abgewartet werden, ob dies dazu beitragen kann, die noch bestehende Vielfalt der Geburtsorte und damit die Wahlfreiheit für die Frauen zu schützen.

Was müsste sich konkret ändern?

Es muss dafür gesorgt sein, dass mehr Hebammen in der Geburtshilfe arbeiten können. Denn wir haben ausreichend ausgebildete Kräfte, nur scheiden sie immer häufiger nach wenigen Jahren aus der Geburtshilfe aus. Das Problem sind die Arbeitsbedingungen: schlechte Bezahlung, hohe Haftpflichtprämien, Rufbereitschaft, Schichtdienst, keine geregelte Freizeit und seit einiger Zeit verstärkte Überlastung durch unterbesetzte Kreißsäle. Im 21. Jahrhundert will das niemand mehr.

Das Bild der Hebamme, die sich für ihren Job bedingungslos und über lange Zeit selbst ausbeutet, ist Vergangenheit. Die meisten sind nach wie vor mit Herzblut dabei, doch die Work-Life-Balance muss stimmen. Das ist in anderen Berufen ja genauso.

In München startete vergangenen August erstmals eine Hebammen-Hotline – ein telefonischer Notdienst für Frauen, die keine Hebamme finden konnten. Auch Beratungen über Skype werden inzwischen angeboten und die Krankenkassen stellt Wochenbettambulanzen in Aussicht. Ist das die Zukunft der Betreuung von Frauen vor und nach der Geburt in Deutschland?

All diese Mechanismen sind doch aus der Not geboren, weil die Rahmenbedingungen so schlecht sind und derzeit nicht genügend getan wird, um die Situation nachhaltig zu verbessern. Natürlich kann es keine Lösung sein, dass Frauen den Po von ihrem Baby in die Smartphone-Kamera halten und sich sagen lassen, was zu tun ist. Für den Notfall ist es natürlich besser als nichts, aber es stellt niemals eine adäquate Alternative dar.

Welche Folgen haben Wochenbettambulanzen? Wenn die Hebamme nicht mehr zur Frau und Kind nach Hause kommt, sondern umgekehrt.

Grundsätzlich leidet die Qualität der Betreuung. Der vertraute Rahmen, die persönliche Begleitung und eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind sind enorm wichtig für die psychologische Gesundheit von beiden. Und diese kann durch eine Hebamme, die die Mutter und das Neugeborene lange und intensiv begleitet hat, viel eher gewährleistet werden, als von jemandem, der die Fälle im Akkord in einer Praxis aus dem Wartezimmer ruft. Egal, wie viel Mühe sich diese Person gibt. Der wichtige Einblick in das häusliche Umfeld fehlt – und somit viele wichtige, vielleicht entscheidende Hintergrundinformationen, mit denen sich Störungen und Fehlentwicklungen womöglich vermeiden ließen. Vor allem Verläufe, bei denen es Probleme gibt, können nicht adäquat betreut werden. Eine Frau mit schlecht heilender Wunde oder Stillproblemen kann nicht einfach aus dem Haus.

Sowohl die Hebammenverbände als auch das Netzwerk der Geburtshäuser hat sich offen gegen die Wochenbettambulanzen ausgesprochen. Ist die Alternative jedoch, dass die Frauen überhaupt keine Betreuung bekommen, gibt man sich natürlich mit dem kleineren Übel zufrieden.

2015 gab es in Deutschland gut 24.000 Hebammen. Bei der Anzahl pro 100.000 Frauen liegt die Bundesrepublik fast 40 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt. Wie kann das sein?

Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Aber das ist unseres Standorts definitiv nicht würdig. Dass die Regierung 2015 von 24.000 Hebammen ausging, sagt noch nichts darüber, wieviel und in welchen Feldern diese Hebammen arbeiten: Betreuen sie Geburten oder nicht? Arbeiten sie voll und nur Teilzeit? Das ist übrigens ein weiterer skandalöser Zustand: es gibt keine bundesweite Datenerfassung hierzu – entsprechend auch keine vernünftige Planungsgrundlage, wie viele Hebammen wir benötigen, um die Versorgung der Frauen vor, während und nach der Geburt sicherzustellen.

Der Hebammenberuf war über Jahrhunderte ein reiner Ausbildungsberuf. Und die Diskrepanz zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin ist noch heute deutlich sichtbar. Warum befürworten Sie den Schritt zur Akademisierung?

Hier müssen wir differenzieren. Akademisierung bedeutet nicht, sich der Medizin anzunähern. Und sie darf nicht bedeuten, von der Praxis in die Theorie zu wechseln, sondern sie muss ein eigenes Feld beschreiben und füllen. Den Praxisanteil zu senken, wäre auch unverantwortlich, denn Hebammenberuf ist nach wie vor auch ein Handwerk und braucht viel Erfahrung.

Dennoch brauchen wir diesen Schritt unbedingt, um endlich auf Augenhöhe mit Ärzten und Wissenschaftlern zu kommunizieren, um verstärkt interdisziplinär arbeiten zu können zum Wohle einer guten Geburtshilfe und um der Hebammengeburtshilfe wieder den ihr gebührenden Platz zu geben.

Die EU-weite Akademisierung soll bis zum 18. Januar 2020. Das sind kaum mehr zwei Jahre.

Ja, und ich weiß nicht, ob dieses Konzept schon voll ausgegoren ist. Wie bis zu diesem Stichtag alles final geregelt sein soll und was mit den Hebammen geschieht, die jahrelange Berufserfahrung haben aber nicht akademisiert sind, ist mir derzeit noch unklar.

Der Hebammenberuf hat eine enorme Bedeutung für unsere Gesellschaft und steckt in einer tiefen Krise. Warum empören sich so wenig Leute?

Die Hebammen selbst und die Verbände organisieren sich schon seit Jahren. Sie veranstalten Protestmärsche und PR-Kampagnen, schreiben offene Briefe an die Bundesregierung. Die Schwangeren und Frauen, die Kinder bekommen, also die Hauptleidtragenden sind in einer existentiell besonderen Lebenssituation. Vor und rund um die Geburt z.T. sehr verunsichert bangen sie darum, dass alles glatt geht. Und danach, wenn meistens alles gut ausgegangen ist, steht die gravierende Veränderung der gesamten Lebenssituation im Vordergrund – Glücksgefühle, Erleichterung, Dankbarkeit – aber auch die gravierende Umstellung im Leben, die Versorgung des Kindes, der Aufbau von Bindung, Mutter werden, Familienentwicklung, Veränderung der Paarbeziehung……da fehlt die (Trieb)Kraft, politisch etwas zu verändern, auf die Strasse zu gehen. Gefordert sind hier eher Großeltern, Pädagogen, Psychologen – gefordert ist die Solidarität der Gesellschaft.

Können populäre TV-Serien wie die beliebte BBC-Produktion „Call the Midwife“ helfen, die Lobby für die Hebammen zu stärken?

Durchaus. Diese Serie ist wirklich zu empfehlen und ein guter Gegenspieler zu den vielen YouTube-Videos, Serien oder Filmen, in denen Geburten gezeigt werden: Wer Geburten kennt, schüttelt nur den Kopf; alle anderen bekommen Angst.

Wie hat sich der Beruf der Hebamme in den letzten Jahrzehnten verändert?

Das gesellschaftliche Sicherheitsbedürfnis ist stark gestiegen. Das schlägt sich direkt in der Geburtshilfe wieder. So wurden das Qualitätsmanagement und die Dokumentationspflicht erhöht. Das Ausmaßen, in dem gerade freiberufliche Hebammen heutzutage dokumentieren müssen, ist Wahnsinn. Der Mut, an Dinge heranzugehen und die Zuversicht gegenüber dem eigenen Berufsbild sind dadurch merklich gesunken.

Auch die Frauen selbst wollen heute andere Dinge als noch vor 20 Jahren. Also gehen die Hebammen anders mit den Schwangeren um.

Wie, hoffen Sie, wird sich die Geburtshilfe in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich hoffe, dass sich die Situation nicht weiter dramatisiert. Über den Berg sind wir allerdings noch lange nicht. Dafür bräuchten wir eine intensivere und konstruktivere Zusammenarbeit mit den Ärzten. Aussagen wie die von Professor Wolfgang Henrich, Leiter der Geburtsabteilung der Berliner Charité, sind dabei völlig kontraproduktiv. Er sagt, die Charité wäre das größte Geburtshaus Berlins und bei ihnen wird der Kaiserschnitt als angeblich sicherste Geburtsform propagiert. Sinkt die Zahl der Hebammen, müssen die Tätigkeiten, die sie bislang übernommen haben, fortan von anderen ersetzt werden. Vielleicht haben wir mehr Kinderkrankenschwestern. Oder die Sectio-Rate steigt, weil dort Hebammen weniger dringend gebraucht werden. Die Frage, warum die Zahl der Psychotherapien dann vermutlich ansteigen wird, sollten wir uns dann allerdings nicht stellen.

Was würden Sie sich heute, am Internationalen Tag der Hebammen, für den Berufsstand wünschen?

Starke Frauen und Männer, die die Selbstbestimmtheit von Schwangerschaft und Geburt schätzen, einfordern und umsetzen.

Dass die Arbeit der Hebammen möglichst bald nicht mehr fremdreguliert wird durch Medizin und Krankenkassen, sondern dass Politik, Verbände und Gesellschaft die Entwicklung der Selbstregulierung vorantreiben.

Eine professionsübergreifende bessere Zusammenarbeit der Fachdisziplinen rund um Schwangerschaft und Geburt – Wir brauchen eine bessere Kooperation von Hebammen und ÄrztInnen, weniger Konkurrenzkampf und eine stärkere gemeinsame Ausrichtung an der Sache, um die es geht: eine gute frauen- und kinderfreundliche Geburtshilfe.

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