Wien: Leicht süßlich, abgestanden und viel zu vollmundig

Wer etwas über Bier, Wien, die Verhältnisse in Österreich, die Liebe und das harte Geschäft der Politikberatung erfahren möchte, der sollte zu Christian Moser-Sollmanns Erstling „Tito, die Piaffe und das Einhorn“ greifen.

Big_d36534d68b
cc-by-sa Nate Bolt

Der Titel des Romans wirkt auf den ersten Blick etwas irritierend und klingt eventuell gewagt künstlich. Dies sollte aber auf keinen Fall von der sehr kurzweiligen, lehrreichen und anregenden Lektüre des Buches abhalten. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Der 1972 geborene Autor schöpft aus dem Vollen. Er hat als Journalist und PR-Texter gearbeitet, anspruchsvolle politisch-philosophische Sammelbände herausgegeben, arbeitet für die Denkfabrik der Parteiakademie der Österreichischen Volkspartei und ist seit 2009 Geschäftsführer des Friedrich Funder Instituts. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass bei der Charakterisierung des Protagonisten Tito, eines biertrinkenden Politikberaters, der gern in der Kneipe „Einhorn“ einkehrt, etliche Erfahrungen aus Moser-Sollmanns beruflicher Laufbahn eingeflossen sind. Ob die Liebesgeschichte zu Ulrike, der zweiten Protagonistin, ebenfalls autobiographische Züge trägt, vermag der Rezensent selbstverständlich nicht zu beurteilen. Ulrike ist Reiterin, und zum Wort Piaffe weiß Wikipedia zu berichten: „Die Piaffe (von frz. ‚piaffer‘ = tänzeln, stampfen) ist eine Übung der klassischen Reitkunst, bei der das Pferd eine trabartige Bewegung an der Stelle (oder mit geringem Raumgewinn) mit untergeschobener Hinterhand zeigt. Pferde zeigen diesen Bewegungsablauf als natürliches Verhalten bei großer Unruhe oder Erregung.“

Zu Beginn des Romans ist Tito ein leicht zynischer, überarbeiteter Politikberater in den Medienmetropole Wien, der mit anderen leicht traurigen Gestalten freitagsabends gern drei oder vier Biere im Einhorn zu sich nimmt. Klar, ein paar Liebschaften gab es schon in Titos Leben. Er ist kein Kostverächter. Aber im Großen und Ganzen führt er anfangs eine Art geistige Frührentnerexistenz („Ich verfüge über den Aktionsradius eines 85-jährigen Pensionisten“) ohne viel Mumm und Leidenschaft für Neues.

Als er die zarte, aber charakterlich nicht ganz einfache Ulrike kennenlernt, ändert sich das. Moser-Sollmann erzählt sehr schön, welche Gefühlsschwankungen mit einer neuen Liebe verbunden sind. Da gibt es die Idealisierung der Angebeteten, sehr lustige Geschichten über das Besuchen von Einrichtungshäusern vor dem Bezug der gemeinsamen Wohnung, das ganze Jammertal von Streit und Versöhnung, auch ein paar Prisen Sex und auch Herzeleid. Der Werdegang der jungen Liebe sei nicht verraten. Besonders gut trifft der Autor auch den Hang mancher Männer, sich bis zur Selbstverleugnung zu verrenken, nur um die Geliebte zu halten.

Schön auch manche Sätze, zum Beispiel über Wien: „Ottakringer (ein Bier; A.L.) verkörpert den Charakter Wiens. Leicht süßlich, abgestanden und viel zu vollmundig. Ein nicht eingehaltenes Versprechen, eine echte Enttäuschung.“ Oder zur Politik: „Politik funktioniert wie Hollywood, nur sehen die Darsteller weniger gut aus. Die Branche besteht aus Wichtigtuern mit aufgeblähtem Ego. 90 Prozent aller Wortmeldungen sind entbehrlich. Politik ist ein Poser-Geschäft, wenn es keine Aufregung gibt, sind die Wähler unglücklich und werden zappelig.“ Oder ein weiterer wahrer Satz darüber, wie wenig das Handwerk des Schreibens in unserer Gesellschaft im Vergleich zu anderen Handwerkskünsten geschätzt wird: „120 Euro pro Stunde, diese Götter. Das bekomme ich für eine Buchrezension. Das Schreiben ist den Leuten nichts mehr wert. Wenn das Abflussrohr verstopft ist, sind alle Menschen aufrichtig froh und erleichtert, wenn man zu ihnen fährt und ihnen hilft. Niemand erstickt gerne in seiner eigenen Scheiße.“ Man hört Tito mit Genuss beim Meckern und Mosern zu.

Der Rezensent dieses Buches würde das Schicksal Titos jedenfalls sehr gerne in einem weiteren Band verfolgen.

Christian Moser-Sollmann: Tito, die Piaffe und das Einhorn. Dachbuch Verlag: Wien 2017. ISBN 978-3-9504426-2-5. 288 Seiten. 19,99 Euro.

Mehr aus der Debatte

Autark Leben

Medium_e73d351730

CDL lehnt flächendeckende Krankenkassenfinanzierung vorgeburtlicher Bluttests ab

Am 11. März 2019 hat der Bundestag darüber debattiert, ob vorgeburtliche Bluttests künftig von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Eine endgültige Entscheidung soll der „Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten, Kliniken und Patientenbeauftragten“ im Herbst treffen. Für die Christdemokraten für das Leben e. V. (CDL) nimmt Christiane Lambrecht Stellung

Medium_beb0c67a3f

Arzt haftet nicht bei Lebenserhaltung durch künstliche Ernährung

CDL begrüßt wichtiges Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) zum Lebensende vom 2.4.2019 – VI ZR 13/18. Für die Christdemokraten für das Leben e. V. (CDL) nimmt deren Pressesprecherin, Susanne Wenzel, wie folgt Stellung:

Medium_1e9e31f165

Die Suche nach dem Sinn sollten wir aufgeben

Wieso die Suche nach dem eigenen Sinn des Lebens eher zu einer Tortur statt zur Zufriedenheit führen wird und welche Strategie anstelle dessen zu einem glücklicheren Leben führen kann. Von Sascha Nicke.

comments powered by Disqus
Wer soll Merkels Nachfolger werden?
Annegret Kramp-Karrenbauer
Jens Spahn
Friedrich Merz