Anhaltender Antisemitismus in der EU

Antisemitische Hassreden, Belästigung und Angst, als jüdisch erkannt zu werden – mit solchen Vorkommnissen sind Menschen jüdischen Glaubens heute in der EU konfrontiert. Aus einer groß angelegten Befragung von Jüdinnen und Juden, die die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte als weltweit größte Umfrage ihrer Art durchführt, geht hervor, dass sich die Situation zu verschlechtern scheint.

„Es ist erschütternd festzustellen, dass Antisemitismus in der EU Jahrzehnte nach dem Holocaust weiter zunimmt“, erklärt der Direktor der FRA, Michael O’Flaherty. „Die Mitgliedstaaten müssen diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen und sich intensiver bemühen, der Judenfeindlichkeit vorzubeugen und sie zu bekämpfen. Jüdinnen und Juden haben das Recht, frei, ohne Hass und ohne Angst um ihre Sicherheit zu leben.“

In ihrem Bericht „Experiences and perceptions of antisemitism – Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU“ (Erfahrung und Wahrnehmung von Antisemitismus. Zweite Erhebung über Diskriminierung und Hassverbrechen gegen Menschen jüdischen Glaubens in der EU) legt die FRA die Ergebnisse der Erhebung in großen Zügen dar.

Nach den Ergebnissen nimmt Antisemitismus zu – rund 90 % der Befragten sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land zunimmt. Ebenfalls rund 90 % halten antisemitische Äußerungen insbesondere im Internet für ein Problem, und 70 % erfahren Antisemitismus im öffentlichen Raum, in den Medien und in der Politik.

Nahezu 30 % der Befragten sind belästigt worden, wobei diejenigen am stärksten betroffen waren, die als jüdisch zu erkennen sind.

Antisemitismus scheint in der Gesellschaft so tief verwurzelt zu sein, dass regelmäßige Belästigungen für die Befragten zum Alltag geworden sind. Knapp 80 % melden schwerwiegende Vorfälle nicht bei der Polizei oder einer anderen Stelle. Der Grund hierfür ist oft der Eindruck, dass eine Meldung nichts bewirken würde.

Mehr als ein Drittel der Befragten gibt an, sich unsicher zu fühlen, und aus Sorge um die eigene Sicherheit jüdischen Veranstaltungen oder jüdischen Stätten fernzubleiben. Ein gleich großer Anteil hat sich sogar schon mit dem Gedanken an Auswanderung getragen.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Mitgliedstaaten dringend sofort wirksame Maßnahmen ergreifen müssen. Dabei müssen sie eng mit einem breiten Spektrum an Interessensgruppen zusammenarbeiten, insbesondere jüdischen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, um Antisemitismus effektiver vorzubeugen und zu bekämpfen.

Beispiele für entsprechende Maßnahmen sind: die Aufklärung über den Holocaust zu intensivieren und das Bewusstsein für diese Thematik zu schärfen, jüdische Gemeinschaften und Stätten zu sichern und Hassdelikte gegen Juden regelmäßig zu überwachen. Regelmäßige Erhebungen über Kriminalitätsopfer würden dabei helfen, zu beurteilen, wie wirksam Gesetze und politische Strategien sind.

Zudem sollten alle Mitgliedstaaten EU-Rechtsvorschriften zum Schutz von Opfern und zur Bekämpfung von Rassismus vollständig und ordnungsgemäß in ihre nationale Gesetzgebung übertragen. Auf diese Weise würden sie dazu beitragen sicherzustellen, dass Opfer die ihnen zustehende Unterstützung erhalten und dass wirksame, angemessene und abschreckende strafrechtliche Maßnahmen gegen Täterinnen und Täter verhängt werden. Ein solches Vorgehen würde wiederum Opfer und Zeugen ermutigen, auszusagen und Vorfälle zu melden.

Die Ergebnisse stammen aus den zwölf Mitgliedstaaten, in denen Schätzungen zufolge über 96 % der jüdischen Bevölkerung in der EU leben. An der Online-Befragung, die von Mai bis Juni 2018 stattfand, nahmen über 16 000 Jüdinnen und Juden im Alter ab 16 Jahren teil. Die Umfrage knüpft an die 2013 veröffentlichten Ergebnisse und Stellungnahmen zur ersten Umfrage an."

Quelle: Agentur der Europäischen Union für Grundrechte

Publikation

Mehr aus der Debatte

Antisemitismus im 21. Jahrhundert

Medium_daae3ac1d2

Wie Claus Leggewie den islamischen Antisemitismus verharmlost

Ich bezweifle nicht, dass Claus Leggewie, den ich aus meinem ersten Leben kenne, sich etwas in der Geschichte Algeriens auskennt.

Medium_7a89a9e220

Warum der Antisemitismus uns alle bedroht

Michael Blume ist ein mutiger Mann. Er beschränkt sich nicht auf ein ruhiges Autoren-Dasein am sicheren Schreibtisch, er ist nicht der Meinung, dass seine Funktion als Antisemitismus-Beauftragter der Regierung Baden-Württembergs ihn als Experten ausreichend ausweist.

Medium_d68840889a

Warum nur sind Grüne und Linke ähnlich antisemitisch wie ihre Großeltern?

Ein zentrales Motiv der Nazis war der Antisemitismus. Grüne und Linke bekämpfen vorgeblich Nazis, sympathisieren zugleich mit Palästinensern und Muslimen, die jedoch ihrerseits nicht selten antisemitisch sind. Und auch bei Grünen und Linken selbst entdeckt man ähnliche Tendenzen. Wie passt das alles zusammen?

comments powered by Disqus
Wer soll Merkels Nachfolger werden?
Annegret Kramp-Karrenbauer
Jens Spahn
Friedrich Merz