Das Schneewittchen der AfD

Die neue AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl ist überraschend anders. Die Investmentbankerin und Unternehmensberaterin Alice Weidel widerspricht allen Klischees von rechten Politikern. Kann das gut gehen?

Die AfD ist eine Partei giftiger, alter Männer, spießiger Professoren und rechtsnationaler Ossis. Soweit das Klischee. Die neue AfD-Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl ist das glatte Gegenteil. Alice Weidel ist jung, kosmopolitisch, lesbisch und Unternehmerin. Sie lebt am Bodensee mit ihrer Lebenspartnerin, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin. Die beiden haben zwei Söhne – vier Jahre und vier Monate alt. Weidel ist Betriebswirtin, war Stipendiatin der Adenauer-Stiftung und schrieb ihre Doktorarbeit über “Das Rentensystem der Volksrepublik China: Reformoptionen aus ordnungstheoretischer Sicht zur Erhöhung der Risikoresistenz”.

Weidel arbeitete bei Goldman Sachs und Allianz Global Investors Europe in Frankfurt. Obendrein war sie sechs Jahre in China tätig und spricht die dort wichtigste Sprache Mandarin. Sie ist weltläufig und in vielen Auffassungen liberal und modern. Alice Weidel berät Internet-Start-Ups und könnte typologisch ebenso gut Sales-Strategin von Apple oder Innovations-Vorstand bei Siemens sein.

Kurzum: Weidel ist die neue Coole in einer hitzig aufgeladenen Partei. Sie nennen sie zuweilen “Schneewittchen” und ahnen nicht, dass sie damit selbst wie die bewundernden Zwerge wirken. Und doch hat die AfD mit ihr eine geschickte Wahl getroffen. Die Wirtschaftsliberale und der nationalkonservative Co-Spitzenkandidat Alexander Gauland decken die Flügel der Partei perfekt ab: Mann und Frau, alt und jung, knorrig und geschmeidig, Potsdam (Ost) und Bodensee (West). Zugleich ist die Krise um Frauke Petry damit sichtbar überwunden. Die Intrigen und Machtkämpfe sind der unglücklichen Parteivorsitzenden in die Schuhe geschoben, als sei Petry die böse Schwiegermutter und Weidel eben das reine Schneewittchen.

Der nächste Machtkampf liegt in der Luft

Das Medienecho auf Weidels Nominierung ist für AfD-Verhältnisse ungewöhnlich positiv. Die Journalisten wähnen zwar eine neue Scharfmacherin, beobachten aber auch die habituellen Unterschiede zu anderen AfD-Politikern. Und doch wird sie es noch schwer haben. Ab sofort steht Weidel im Kreuzfeuer der öffentlichen Debatten um Migration und Islamismus. Bislang äußerte sich die 38 Jahre alte Ökonomin vorwiegend zu wirtschaftlichen Themen. So fordert sie Steuervereinfachungen, verteidigt das Bargeld oder will Griechenland, Spanien und Portugal aus der Euro-Zone entlassen. Als Eurokritikerin leitet sie den Bundesfachausschuss “Euro und Währung” ihrer Partei.

Nun aber nimmt sie den Kulturkampf an und attackiert Überfremdung und den Islam an sich. Sie verkündet in der “Jungen Freiheit”: “Das muslimische Gemeinwesen ist einzig und allein auf die Errichtung eines Gottesstaates ausgerichtet.” Auch auf dem Parteitag gab sie die laute Kulturkämpferin: “Heute müssen in unserem Lande christliche Feste mit Polizei, mit Maschinengewehren und Lkw-Barrieren geschützt werden.” Das sei ein Skandal, urteilte sie und forderte: “Ich will als Frau auch ohne Angst nachts noch die letzte S-Bahn nehmen können.” Der Bundesregierung warf sie die Aufgabe des Vaterlands durch eine unkontrollierte Massenmigration vor.

Sie folgt damit dem Tonfall Meuthens und Gaulands. Doch anders als die beiden hat sie keine Hausmacht in der Partei. Zwischen Meuthen und Weidel liegt der nächste AfD-Machtkampf bereits in der Luft. Dies zeigte sich Anfang März, als sie sich um den Vorsitz des baden-württembergischen Landesverbandes bewarb, jedoch nach der Intervention Meuthens durchfiel, Landesvorsitz und Bundestagsmandat seien zu viel für eine Person. Hernach warf sie Meuthen vor: “Du hast mich abgeschossen.” Nun ist die Abgeschossene von gestern die Prinzessin von heute. Und morgen das Ziel neuer Giftpfeile.

Quelle: n-tv

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