Mogelpackung Elektroauto

Wer hätte gedacht, dass es so viele Automobilingenieure unter Deutschlands Journalisten und Politikern gibt? Ihre Expertise ist jedenfalls eindeutig: Der Verbrennungsmotor hat ausgedient, die Zukunft gehört dem Elektroauto. Einige klitzekleine Fragen bleiben gleichwohl.

Im Stile eines Brüsseler Eurokraten, der er nun einmal ist, legt SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz einen Fünf-Punkte-Plan vor, in dem eine verbindliche Quote zur Einführung der Elektromobilität in den Mitgliedsländern der EU gefordert wird. Da drängt sich einem doch gleich der Vergleich auf: Könnte das womöglich ein ebensolcher Erfolg werden, wie die europäische Verteilungsquote für Flüchtlinge? Vielleicht hätte der verzweifelt nach einer Wahlkampf-Idee suchende Herr Schulz aber auch erst einmal eine Testfahrt mit einem Elektroauto machen sollen?

Schummel-Software

Man dürfe nicht länger von Schummelei sprechen, wenn’s um die Abgasmanipulationen deutscher Autohersteller gehe, das sei massiver Betrug, befand der Oberstaatsanwalt des deutschen Journalismus, Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Betrug ist ein schwerwiegender Vorwurf, aber wie soll man dann eigentlich die geschönten Reichweiten-Angaben der Elektroautos nennen?

Vom Tesla bis zum Electric-Smart werden Entfernungen angegeben, die es wohl nur in der Laborsituation gibt. Ja – ohne Heizung oder Klimaanlage, ohne Licht, Navi, Radio, ohne elektrische Sitzeinstellung und Fensterheber erreichen diese Autos die angegebenen Werte. Doch wann fährt man hierzulande ohne Heizung oder Klimaanlage? An ein paar Tagen im Frühjahr oder Herbst vielleicht. Alle Elektro-Enthusiasten sollten einmal bei voller Heizungs-Leistung mit Licht, Scheibenwischer, Navi und so weiter durch die Gegend schnurren, dann werden sie staunen, wie rasch sich die Nadel des Ladeanzeigers Richtung „leer“ bewegt. Bei Voll-Last werden beispielsweise aus den eh schon bescheidenen 160 km Reichweite für den Electric-Smart, dem sicherlich vernünftigsten aller Stadtautos, im Nu weniger als 100 km, der Aktionsradius halbiert sich beinahe. Konsequent wäre jedenfalls, alle E-Autos wieder mit den guten, alten Hand-Kurbeln für Sitze, Fenster, Schiebedach auszurüsten – doch wollen unsere Autofahrer wirklich auf den elektronischen Schnickschnack verzichten? Sind die offiziellen Reichweiten-Angaben also nur gutgemeinter Öko-Euphemismus – oder ist das schon Schummelei?

Emissionsfrei

Dass es bisher nur eine Handvoll Ladestationen gibt, bejammert jeder Elektro-Freund. Doch wer glaubt denn ernsthaft, die Ladeproblematik lasse sich mit einem planwirtschaftlichen Gewaltakt lösen? Selbst wenn es bald viel mehr E-Zapfsäulen gäbe: Welcher Autofahrer hat Zeit und Lust an einer Ladestation stundenlang zu warten? Und was ist mit den Millionen von Laternen-Parkern in den Städten, die jeden Abend woanders einen Parkplatz finden müssen? Hat Herr Schulz einmal über die Gerechtigkeits-Lücke nachgedacht, dass das E-Mobil vor dem Einfamilienhaus kein, vor dem Wohnsilo jedoch ein erhebliches Problem sein könnte?

Den höchsten Unterhaltungswert hat freilich das wohlfeile Gefasel vom emissionsfreien Autofahren, das ununterbrochen durch unsere elektrisierte Republik hallt. Fast die Hälfte des Stroms hierzulande wird aus dem Verbrennen von Kohle gewonnen. Natürlich haben die moderneren unter den Kohlekraftwerken die Emissionen besser unter Kontrolle, als sie individuelle Verbrennungsmotoren je haben können, dennoch ist diese Energie alles, nur nicht „emissionsfrei“. Davon könnten wir am ehesten noch an den Tagen sprechen, wenn wir tschechischen oder französischen Atom-Strom in unser energiegewendetes Netz mischen – aber so richtig ökologisch korrekt ist das irgendwie ja auch nicht.

Kosten

Auch mit den aktuellen Prämien kosten die Elektroautos mehr als die vergleichbaren Benziner oder Diesel. Aber von einem regulären Kauf ist sowieso dringend abzuraten, es empfiehlt sich nur Leasing. Wie jeder andere Akku auch, verlieren die E-Antriebe im Lauf der Jahre bzw. der Kilometer an Speicherkraft, die Wiederverkaufswerte für ältere Elektroautos werden miserabel sein. Der volkswirtschaftlich wie verkehrspolitisch relevante Gebrauchtwagenmarkt steht überhaupt nicht auf dem Zettel der Elektro-Enthusiasten. Geringverdiener werden jedenfalls noch lange einen Bogen um diese Technik machen müssen.

Stirnrunzeln sollten auch Studien wie etwa die der schwedischen Energieagentur oder des Heidelberger Ifeu-Instituts bereiten. Die Elektroautos kommen nicht als unschuldige Babies zur Welt. Bei ihrer energieintensiven Herstellung entstehen gewaltige CO2-Belastungen. Je nach Typ, vom kleinen Japaner bis zum rasanten Tesla, entspricht die Klimabilanz nur für die Batterieproduktion bereits der Fahrtstrecke eines modernen Verbrennungsmotors zwischen 30.000 und sage und schreibe 100.000 Kilometern! Was für eine stattliche CO2-Hypothek bringt so ein Öko-Gefährt doch mit.

Ökobilanz

Und wie sieht das mit der Entsorgung aus? Umfassende Recycling-Konzepte fehlen. Bisher können, so hat die taz recherchiert, jedenfalls keine Rohstoffe in relevantem Maßstab zurückgewonnen werden. Überhaupt die Rohstoffe: der wichtigste von allen in der Batterieproduktion ist derzeit Lithium. Und Lithium hat gleich zwei Schwachstellen, es ist knapp und es wird auf fragwürdige Weise gewonnen.

Die größten Vorkommen befinden sich im sogenannten Lithium-Dreieck Argentinien-Bolivien-Chile. Der Energieaufwand beim Abbau ist enorm. Mensch und Natur leiden außerdem unter dem immensen Wasserverbrauch bei der Lithium-Gewinnung, die Grundwasser-Belastung ist hanebüchen. Hinzu kommt, dass die Lithiumvorräte endlich sind, eine komplette Umstellung von Benzin- und Dieselmotoren auf Lithium-basierte Aggregate ist schlichtweg illusorisch.

Warum werden all diese kritischen Fragen in der aktuellen „Dieselgate“-Debatte so selten gestellt? Weil der 24. September naht und in diesem inhaltsarmen Wahlkampf endlich das deutsche Lieblingsthema Umwelt Nahrung erhält? Oder weil es beim Blick auf die Bosse der Automobilindustrie so schön ist, erneut die gute, alte Geschichte von den Nieten in Nadelstreifen zu erzählen? Das Prinzip der skeptischen Vernunft hat es jedenfalls mal wieder schwer hierzulande.

Mobilitätsmix

So wie der Diesel niemals ein Klimaretter war, so wenig ist die Elektromobilität der Stein der Weisen. Elektroautos, vor allem auch Hybridfahrzeuge, sind ein vielversprechender Mosaikstein, nicht mehr und nicht weniger. Wirklich großartig sind übrigens Elektro-Zweiräder: Wer einmal in den Megastädten der Dritten Welt unterwegs war, weiß, dass jeder stinkende Zweitakter weniger schlichtweg ein Segen ist.

Eine fundierte politische Debatte über unseren täglichen Verkehrsinfarkt täte not, wir brauchen nicht nur einen Energiemix aus Benzin-, Diesel-, Elektro-, Erdgas-, Wasserstoff- und sonstigen Motoren, sondern auch einen Mobilitätsmix mit, allem voran, einem besseren öffentlichen Nahverkehr. Doch damit wären wir im Bereich der Sachpolitik. Und wer will, erst recht vor einer Wahl, schon langweilige Argumente hören, wenn das bewährte Viereck des politischen Diskurses doch so gut funktioniert: Dramatisieren, Personalisieren, Skandalisieren, Emotionalisieren. Frei nach einer 68er-Parole möchte man sagen: Zwischentöne sind nur Krampf im Klimakampf.

Man dürfe nicht einfach von Schummelei sprechen, bei der Dieselaffäre handele es sich um Betrug, heißt es. Einverstanden – ist die Elektro-Euphorie dann Selbstbetrug?

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