Terrorgewalt gegen Christen in Ägypten

Bei einem verheerenden Doppelanschlag haben zwei Selbstmordattentäer in Tanta und Alexandria mindestens 45 Menschen mit in den Tod gerissen und mehr als 180 verletzt.

In Ägypten werden Christen in einer neuen Welle islamistischer Gewalt verfolgt und brutal ermordet. Aus dem Sinai vollzieht sich ein Exodus. Menschenrechts-Organistionen wie „Kirche in Not“ warnen vor einer humanitären Katastrophe.

Der „Islamische Staat“ (IS) hatte Anfang März 2017 ein Drohvideo veröffentlicht, in dem er den Christen in Ägypten den Krieg erklärt. Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) sind allein in den vergangenen drei Wochen im Nordsinai vier koptische Christen von radikalen Islamisten ermordet und eine unbekannte Zahl vertrieben worden.

Das 20 Minuten lange Video zeigt unter anderem den koptischen Papst, christliche Geschäftsleute und Priester. Der „Islamische Staat“ erklärt, dass ägyptische Christen nicht länger „Schutzbefohlene“ (Dhimmis), sondern „Ungläubige“ (Kufar) seien, da sie sich abfällig über den Islam geäußert hätten. Gott habe befohlen alle „Ungläubigen“ zu töten. Außerdem seien die Christen die stärksten Unterstützer des Regimes von Feldmarschall Abd al-Fattah al-Sisi. Der Terroranschlag an der Kathedrale von Kairo am 11. Dezember 2016 sei „nur ein Anfang“. Damals starben mindestens 25 Menschen, über 40 wurden teils schwer verletzt.

Regierung ignoriert Ursachen des Extremismus

Die IGFM ist überzeugt, dass die extremistische Gewalt erst überwunden werden kann, wenn sich die Regierung Ägyptens den Ursachen stellt. Das sei zum einen der islamische Fundamentalismus, der auch in Ägypten ungehindert Menschen verhetzen könne. Zum anderen sei es die willkürliche Gewalt, mit der die Behörden gegen tatsächliche und vermeintlich Andersdenkende vorgingen. „Die Kombination aus wahllosen Verhaftungen und systematischer Folter“ treibe immer mehr Menschen in die Arme der Extremisten, so IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. „Bisher weigert sich die ägyptische Regierung anzuerkennen, dass der Terror eine religiöse Komponente hat“, beklagt die IGFM. „Solange die Verantwortlichen die Augen weiter verschließen, wird es weiter unschuldige Opfer geben“, beklagt die IGFM.

Welle der Gewalt gegen Christen

Die Halbinsel Sinai ist seit langem Schauplatz von heftigen Spannungen zwischen der örtlichen Bevölkerung und der Zentralregierung in Kairo. Die Gewalt eskaliert auf dem Sinai seit Jahren. Islamisten verzeichnen mehr und mehr Zulauf. Bereits im September 2012 wurden dutzende koptische Familien aus der Stadt Rafah im Nordsinai vertrieben, als maskierte Islamisten koptischen Anwohnern befahlen, innerhalb von 48 Stunden die Stadt zu verlassen.

Ende Januar wurde der koptische Händler Wael Youssef auf einem gut besuchten Marktplatz der Stadt al-Arish erschossen. Am 12. Februar wurde der Tierarzt Baghat Zakher mit einem Kopfschuss tot vor seiner Apotheke in der Stadt al-Arish aufgefunden. Adel Shawky, ebenfalls Angehöriger der koptischen Minderheit, wurde am selben Tag im Stadtteil Samaran der Stadt al-Arish ermordet. Am 16. Februar schoss ein Attentäter den Lehrer Gamal Tawfik am helllichten Tag auf einem Markt in al-Arish nieder. Wenige Tage zuvor, am 13. Februar, verteilten IS-Anhänger Flugblätter in al-Arish, die den „Islamischen Staat“ als „Teil des Volkes“ von al-Arish bezeichnen.

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