Das teuerste Lächeln der Welt

Die Auktion war schlichtweg sensationell. 45 britische Pfund war das Porträt „Salvator Mundi“ noch vor wenigen Jahrzehnten wert. Nun erzielte das Werk von Leonardo da Vinci 450 Millionen US-Dollar. Ist das zuviel? Das fragt Sebastian Sigler im Wirtschaftskurier, der seit 60 Jahren besten Wirtschaftsjournalismus bietet und anläßlich dieses Jubiläums als „größte Zeitung der Welt“ erschienen ist.

Das Gesicht fasziniert. Etwas Überzeitliches hat es an sich, wie von innen oder von unten erleuchtet, ganz klar erscheint das nicht. Geradezu überirdisch wirkt diese Gestalt – zart und zerbrechlich, fast durchsichtig. Je länger das Auge darauf ruht, desto rätselhafter sind Ausdruck und Habitus. Und was bedeuten die seltsam gekreuzten Finger seiner rechten Hand? Dieses Meisterwerk scheint nur einen Vergleich zu kennen: die Mona Lisa. Sie lächelt fast so schön wie er – wie der Retter der Welt, wie jetzt auch der Wirtschaftskurier berichtet. Dort ist auch das Bild zur Gänze zu sehen.

Leonardo da Vinci ist der Meister, der die beiden so rätselhaften Gemälde geschaffen hat, die Mona Lisa und den Salvator Mundi. Doch während die Dame mit florentinischem Hintergrund seit dem 18. Jahrhundert im Louvre in Paris als Ikone der Kunstgeschichte verehrt wird, ging das Bildnis des Retters der Welt weit verschlungenere Wege. Es gehörte im 17. Jahrhundert dem englischen König Charles I., und da war die Herkunft noch unstrittig. Um 1930 wurde es dann jedoch als ein Werk von Giovanni Antonio Boltraffio verkannt, inzwischen war auch der zustand sehr schlecht geworden, der Malgrund war beschädigt, in den äußeren Bereichen war viel vom ursprünglichen Farbauftrag verlorengegangen, zum Glück waren jedoch das zentrale gesichtspartien erhalten. Noch 1958 wurde der Retter der Welt, der selbst der Rettung bedurfte, für geradezu lächerliche 45 britische Pfund versteigert.

Millionäre und Milliardäre bieten

Keine sechs Jahrzehnte später stand der „Salvator Mundi“ zur Auktion an, der Aufruf bei 100 Millionen US-Dollar. Das teuerste Gemälde war bis dato „Les Femmes d’Alger“ von Pablo Picasso, es wurde 2015 für rund 180 Millionen US-Dollar zugeschlagen. Wie würde dieses rätselhafte Bild, etwas über 500 Jahre alt, abschneiden? Und war es wirklich echt? Erst 2011 war der „Salvator Mundi“ der Weltöffentlichkeit in der National Gallery in London als letztes bekanntes Leonardo-Gemälde in privater Hand als zweifelsfrei echt präsentiert worden. Der russische Oligarch Dmitri Rybolowlew hatte es erworben. Stark war das Christus-Porträt indes beschädigt, eine umfangreiche und tief greifende Restaurierung war nötig, schwere Schäden am Malgrund aus Walnussholz und am Farbauftrag waren zu beseitigen. Das hatte Zweifel an seiner Provenienz genährt.

An diesem 15. November 2017 war der „Salvator Mundi“, gründlich restauriert, im strahlenden Licht des Auktionssaals von Christie’s angekommen, die Spannung in der New Yorker Dependance an der Rockefeller Plaza in New York war mit Händen zu greifen. Die Auktion war auf den Abend terminiert, ein Zeitpunkt, der sonst für die Auktion moderner und zeitgenössischer Kunst reserviert ist, für die Monets, die van Goghs, die Picassos. Das hatte Kritiker auf den Plan gerufen, doch bei Christie’s wurde das weggewischt: „Was uns heute berührt, ist zeitgenössisch.“ Und so waren sie gekommen, die Vertreter des glamourösen New York – Millionäre und Milliardäre wie Steve Cohen, bekannter Hedgefonds-Manager und Kunstsammler, Eli Broad, ein ebenfalls als Kunstsammler und Philanthrop bekannter US-Milliardär, sowie Tom Hill vom Finanzinvestor Blackstone. Wo, wenn nicht hier, sollte ein Rekord erzielt werden?

Picasso weit in den Schatten gestellt

Und die Hände gingen in die Höhe. Zunächst waren fünf Bieter im Rennen, ab der Schwelle von 180 Millionen US-Dollar, dem bisherigen Rekordwert der „Femmes d’Alger“, waren es nur noch zwei, beide per Telefon. Atemlos folgten die Auktionsgäste dem Bieterduell, das sich nun entspann. Auf der einen Seite ein vorsichtiger Bieter, der in Schritten von zwei oder auch fünf Millionen vorlegte. Große Gebotsschritte auf der anderen Seite, aggressiv, bis zu 30 Millionen. Und der aggressive Bieter erhielt nach 19 Minuten auch den Zuschlag. 400 Millionen US-Dollar! Mit Aufgeld und Gebühren genau 450.312.500 US-Dollar. Frenetischer Applaus im Saal!

Ein Rekordpreis wie für die Ewigkeit – für ein Bildnis Jesu Christi. Ein perfekter Rekord? Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich gießt nun Wasser in den Wein: „Für Gemälde mit einer unsicheren Geschichte so viel Geld auszugeben, das hat etwas Skandalöses, Obszönes, Rätselhaftes. Vieles auf dem Markt für zeitgenössische Kunst spielt mit diesen Effekten, und das wird jetzt zum ersten Mal auf ein Werk der klassischen Kunst übertragen.“ Dass der „Salvator Mundi“ auf einer Auktion für zeitgenössische Kunst versteigert wurde, hat durchaus für Kritik gesorgt. In diesem Zusammenhang werde sogar der schlechte Zustand des Gemäldes zum Teil des Mythos: „Ich glaube, dass das bei einem makellosen Leonardo nicht so gut funktioniert hätte.“

Und die Legenden um den „Salvator Mundi“ gehen weiter. Schon gibt es Vermutungen, dass hinter dem sensationell hohen Auktionsergebnis ein Investmentfonds steht, über den das Bild des Retters der Welt rentabel vermietet werden soll. Und weil dieser Rekord logisch so schwer erklärbar ist, vermuten sowohl Marktbeobachter als auch manche Museumsleute hinter dem oder den anonymen Käufern auch Geldwäscher oder andere Kriminelle. Das Bild mit dem rätselhaft überirdischen Antlitz Christi wird wohl auch in Zukunft Stoff für Legenden bieten. Und vielleicht noch weitere Rekorde – als wertvollstes Bild der Welt.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Wirtschaftskurier.

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