Fusions-Aus schwächt Standort Deutschland

Die Mega-Fusion der Deutschen Börse AG und der London Stock Exchange ist geplatzt. Was ist der eigentliche Grund? Die offizielle Version ist, dass die Londoner dem Verkauf der italienischen Konzerntochter MTS nicht zustimmen wollten – dies war, sozusagen als Morgengabe, aus Brüssel gefordert worden. Doch hinter der Absage der Börsenfusion, der fünften übrigens, steckt weit mehr.

Die London Stock Exchange (LSE) möchte sich sich nicht von der italienischen Anleihen-Handelsplattform MTS trennen. Am Rosenmontag, mittags 12 Uhr, lief die unsinnige Frist für den Verkauf ab: fast mutet es an wie ein Karnevalsscherz. Das Handelsblatt kalauerte: „High Noon wie im Italo-Western.“ Damit dürfte die EU-Kommission den Mega-Fusions-Börsen-Deal untersagen – und Django kann mit seinem Sarg kommen. Bekanntermaßen führt in den wohl bekanntesten Italo-Western, es ist eine ganze Serie, der Hauptdarsteller immer einen Sarg mit sich. Aus dem er am Ende des Filmes regelmäßig – Überraschung! – ein Maschinengewehr holt, mit dessen Hilfe er die zahlreichen Rothäute und Böslinge der Leinwand kurz und blutig wegputzt.

Kurz und blutig – so ist auch das Ende der bis gestern noch aktuellen Fusionspläne der Frankfurter und der Londoner Börse, im übertragenen Sinne selbstredend. Börsenchef Carsten Kengeter ist vom strahlenden Helden immer mehr in die Rolle des unter Druck stehenden Cowboys geraten. Denn er hielt eisern an der Vereinbarung fest, dass der Firmensitz in London sein solle. Darin war er sich mit den gewünschten Partnern von der LSE ganz einig, obwohl sich früh abzeichnete, dass die hessische Börsenaufsicht den Deal in der geplanten Form nicht genehmigen würde. Dass die Staatsanwaltschaft dann auch noch wegen umstrittener Aktienkäufe gegen Kengeter ermittelte, brachte ihn noch stärker in die Defensive. Dazu muss freilich bemerkt werden, das seine Argumentation gegen die ermittelnden Staatsanwälte plausibel klingt und nicht widerlegt ist.

Der Brexit war die goldene Kugel

Doch um die Unschuld von Carsten Kengeter, die vermutet werden darf, ging es längst nicht mehr. Der Brexit, den keiner erwartet hatte, war vielmehr das entscheidende Thema. Und der Fusionsvertrag war ganz klar erkennbar gestrickt worden, ohne diese Entwicklung zu berücksichtigen. Es war ein klassischer Deal: Börsenchef sollte der deutsche Kengeter werden, dafür sollte der Rechtssitz nach London gehen. Nach der Brexit-Entscheidung war dieser Passus nicht mehr zu halten, seit langem ist dies eigentlich klar. Denn damit hätte der Sitz der europäischen Mega-Börse bereits in wenigen Jahren außerhalb der EU gelegen. Ganz abgesehen vom Kontrollverlust, der in Brüssel immer gefürchtet wird, hätten damit auch die milliardenschweren Einsparungen, die beide Börsen ihren Fusionspartnern versprochen hatten, auf der Kippe gestanden.

Die Deutsche Börse AG und die LSE wollten eigentlich einen europäischen Champion schmieden, der es mit der Konkurrenz aus den USA aufnehmen kann. Das war das Ausgangsszenario, und die beiden fusionswilligen Börsen befanden sich immerhin bereits im fünften Anlauf. Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und den vielen daraus folgenden Unsicherheiten und Unwägbarkeiten hätte diese Überlegung eigentlich viele neue Freunde finden können. Doch der Brexit, die Ermittlungen gegen Kengeter und schließlich die hessische Börsenaufsicht standen diesseits des Ärmelkanals dagegen.

Jenseits der Meerenge war nun das Maß einfach voll, und der Brexit saß der Börse, wenn man sie isch als allegorsiche Figur vorstellt, sozusagen schon als Goldene Kugel zwischen den Rippen. Schon der geforderte Verkauf der französischen Tochter Clearnet war von den LSE-Verantwortlichen nur zähneknirschend akzeptiert worden, der Firmensitz London war spätestens seitdem überhaupt nicht mehr verhandelbar. Und der zusätzlich geforderte Verkauf des über die Plattform MTS gesteuerten Italien-Geschäfts bedeutete nun den jähen Kollaps aller hochfliegenden Pläne.

Was wird aus der Börsen-Aktie?

Carsten Kengeter, der allzu gerne auf die andere Seite des Ärmelkanals wechseln wollte, kann den Brüsseler Sheriffs fast noch dankbar sein, dass sie die Londoner zwangen, das Maschinengewehr aus dem Sarg zu holen und die ohnehin notleidende, vom Brexit dahingestreckte Allegorie einer Börsenfusion mit einer MG-Garbe wegzufegen. Wäre das nicht geschehen: der Fangschuss wäre aus Frankfurt gekommen. Trotzdem haben Knallerei und Pulverdampf die Anleger gründlich verschreckt. Die Aktie der Deutschen Börse knickte am Tag des Showdowns um fünf Prozent ein und erholte sich davon auch nicht wirklich; knapp nur notierte die Aktie über 80 Euro. Die Aussichten für das Papier sind derzeit aber nicht mehr die besten. Zwar sind die erwirtschafteten Zahlen gut, die Phantasie ist nach dem Fusions-Misserfolg aber verflogen.

Die hessische Landesregierung will sich derzeit nicht zum Ende der geplanten Mega-Fusion äußern. Erst müsse verbindliche die Entscheidung aus Brüssel abgewartet werden, erklärte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nach Angaben eines Regierungssprechers. Für die hessischen Abläufe ändere das also nichts, und auch der für die Börsenaufsicht zuständige hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, ein Grüner, wollte die jüngste Entwicklung nicht kommentieren. Aber es ja auch alles gesagt: „Angesichts der bisherigen Haltung der Kommission geht die London Stock Exchange Group nicht davon aus, dass die Kommission die Fusion genehmigen wird“, teilte die Londoner Börse mit. Klarer geht es nicht.

Die EU-Kommission will zwar bis zum 3. April eine formelle Entscheidung fällen, aber High Noon ist bereits vorbei. Es ist klar, dass die Börsenfusion, allegorisch oder nicht, mausetot ist. Auch ohne die LSE wird sich das deutsche Börsenpapier kurz- und mittelfristig indes behaupten, da sind sich Analysten und Beobachter angesichts guter Kennzahlen einig. Die langfristige Perspektive ist es, die eingetrübt sein dürfte. Denn gegen die deutlich stärker aufgestellte US-Konkurrenz werden weder die LSE noch die Deutsche Börse AG allein auf Dauer bestehen können. Theoretisch wird denkbar, was vor mehreren Jahren bereits im Gespräch war: dass eine US-Börse die Deutsche Börse AG übernimmt, freundlich oder unfreundlich. Der Rosenmontag 2017 ist, so gesehen, kein guter Tag für den Börsenstandort Frankfurt – und damit für den Standort Deutschland.

Dieser Artikel erschien zuerst in der BÖRSE am Sonntag.

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