Katar: wie groß ist das Risiko für uns alle?

Die Familie al-Thani, die mit Scheich Tamim bin Hamad den absoluten Herrscher über das Emirat Katar stellt, hält drei Prozent an Siemens, kontrolliert zehn Prozent der Anteile der Deutschen Bank und ist an vielen europäischen Ölkonzernen mit milliardenschweren Aktienpaketen beteiligt. Zugleich ist die Familie al-Thani in internationale Terrorfinanzierung verwickelt, wie ein neues Buch aufdeckt.

Wie groß ist das Risiko, dass von Katar der Anstoß für einen Börsencrash ausgeht? Sei es, weil Unsicherheiten bis hin zum Terror, wohlmöglich mit Geld aus Katar finanziert, die Wirtschaft schädigen – sei es, weil zum Beispiel der Emir von Katar seinen Einfluss, religiös motiviert, geltend macht.

„Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst“ – so lautet der Titel des Buches von Sascha Adamek. The European bringt daraus einen Auszug.

Diplomatische Drehscheibe und Terrorfinanzier

Gesellschaftlich gesehen, ist Katar ein Land zwischen Vergangenheit und Zukunft, und wer Kritik an den Zuständen im Land übt, sollte dennoch immer bedenken, dass einige Auswüchse einer extrem rasanten wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet sind. Noch 1950 lebten auf der Halbinsel nur 47.000 Menschen. Aus einer von einigen Tausend Beduinen bewohnten Randlage der arabischen Halbinsel ist in nur einem halben Jahrhundert ein modernes Boom-Land mit einem der reichsten Staaten der Erde geworden. Und je mehr sich das Land wirtschaftlich modernisiert, desto widersprüchlicher wird es gesellschaftlich: Das katarische Rechtssystem beruht auf der Scharia, was sich im Alltag darin zeigt, dass zum Beispiel der Konsum von Alkohol und Schweinefleisch verboten sind. Das Auswärtige Amt weist deutsche Reisende darauf hin, dass in Katar Homosexualität und der „Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit“ unter Strafe stehen. Zuweilen kommt es auch zu schweren Menschenrechtsverstößen aufgrund des katarischen Scharia-Rechts. Als eine 22-jährige Niederländerin bei der Polizei anzeigte, vergewaltigt worden zu sein, steckten die Behörden sie für drei Monate ins Gefängnis. Man warf dem Vergewaltigungsopfer „außerehelichen Geschlechtsverkehr“ vor. Am Ende zahlte sie eine Strafe von 750 Euro. Der Vergewaltiger wurde mit 140 Peitschenhieben bestraft.

In der Wirtschaft des Emirats wiederum herrschen längst die Sitten der kapitalistischen Globalisierung. Auch wenn die Firmen des Emirats in aller Regel Angehörigen der Herrscherfamilie gehören und wir es mit einer traditionellen Oligarchie zu tun haben, gibt es die Möglichkeit für westliche Investoren, zumindest Minderheitsbeteiligungen zu erwerben. Lieber ist es den Kataris allerdings, wenn sich westliche Geldgeber ganz auf ihre katarischen Geschäftspartner verlassen und einfach nur investieren. In dieser Hinsicht ist Katar flexibel, denn das Letzte, was man will, ist, es sich mit westlichen Partnern zu verscherzen. Die mit Ehrgeiz und Geschick von der Königsfamilie al-Thani vorangetriebene wirtschaftliche Entwicklung brachte zugleich nahezu alle negativen Erscheinungsformen einer ungezügelten Marktwirtschaft mit sich. Doch damit möchte die ehrgeizige Führung des Landes nicht gern in Verbindung gebracht werden: nicht mit Menschenrechtsverletzungen auf den Mammut-Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft. Und nicht mit Korruptionsvorwürfen in der verschlungenen Welt des Fußball-Kommerzes.

Besonders schweigsam werden die Verantwortlichen in Katar jedoch, wenn sie nach der Unterstützung von islamistischen Organisationen, geschweige denn von islamistischen Terroristen gefragt werden. Katar macht zu Recht für sich geltend, im komplizierten Geflecht nahöstlicher Konflikte stets für alle Seiten Gesprächskanäle offengehalten zu haben. Während zwischen Saudi-Arabien und Iran längst ein kalter Krieg herrscht, pflegt Katar, das ebenso der sunnitischen-wahhabitischen Glaubensrichtung als offizieller Staatsreligion folgt, gute Beziehungen zum schiitischen Iran. Das ist übrigens einer der Gründe für die Krise 2017 zwischen Katar und anderen sunnitischen Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vor allem die Emirate und Ägypten hatten Katar in den vergangenen Jahren zudem bereits häufig wegen der Unterstützung der Muslimbruderschaft verwarnt, die in diesen Ländern als Terrororganisation eingestuft ist. Denn der Export der islamistischen Ideologie zum Beispiel über den katarischen Sender Al Jazeera war in ihren Augen eine Bedrohung der Stabilität ihrer eigenen Länder.

Katar sitzt als Land traditionell diplomatisch zwischen den Stühlen. So dürfen die USA den katarischen Militärflughafen Al Udeid, gute dreißig Kilometer westlich von Doha, nutzen, sind von hier aus viele Angriffe gegen al-Qaida in Afghanistan und im Irak geflogen. Gleichzeitig öffneten die Taliban im Jahr 2013 kurz ein offizielles Verbindungsbüro in Doha. 2014 halfen Katars gute Beziehungen dabei, den US-Soldaten Bowe Bergdahl aus der Geiselhaft der Taliban zu befreien. Er wurde gegen fünf Taliban in Guantánamo ausgetauscht. Auch die palästinensische Terrororganisation Hamas unterhält ein Büro in Doha und wird überdies politisch von der katarischen Führung unterstützt. Als im Gazastreifen ein israelischer Soldat irrtümlich als entführt galt, baten die USA Katar um Hilfe, auf seine Befreiung hinzuwirken.

Katar agiert wie die blockunabhängige Schweiz, und doch ist das Emirat nicht ganz unabhängig. Denn möglich wurden diese humanitären Interventionen nur aufgrund der massiven finanziellen und politischen Unterstützung Katars für diverse islamistische Gruppen in der Welt. Im Juni 2014 schrieb Steve Clemons vom US-Magazin Atlantic Monthly, ihm habe ein hoher katarischer Beamter gesagt, er könne jeden Kommandanten von der Jabat al-Nusra – des Ablegers von al-Qaida in Syrien – persönlich identifizieren. Clemons schrieb damals auch, ein anderer Offizieller habe geleugnet, dass Katar auch den sogenannten Islamischen Staat stütze, denn „das sei ein saudisches Projekt“.

Der Emir bestimmt allein

Was eine Terrororganisation und was eine legitime Befreiungsorganisation darstellt, bestimmt in Katar allein das Königshaus. Und so kommt es, dass Katar dem exilierten Hamas-Politbüro eine Niederlassung ermöglicht und versucht, die Organisation international hoffähig zu machen. In seinem ersten Interview mit internationalen Medien sagte der damals 34-jährige Emir Tamim bin Hamad al-Thani am 25. September 2014 bei CNN: „Ich weiß, dass man in Amerika und einigen anderen Ländern einige Bewegungen als terroristische Bewegungen ansieht. Aber es gibt Unterschiede.“ Viele Beobachter, so folgert der Politikwissenschaftler David Andrew Weinberg von der Foundation for Defense of Democracy, deuteten diese Äußerung als Hinweis auf die von Katar of en unterstützte Hamas, allerdings irrtümlich: „Hamas ist nur eines der extremistischen Netzwerke, die von katarischen Finanziers und 20 der laxen katarischen Kontrolle profitieren.“

Es bleibt abzuwarten, welchen Effekt das im Juli 2017 vereinbarte Abkommen zwischen Katar und den USA zur Eindämmung der Terrorfinanzierung hat. Denn bislang gehörte das Land zu den Staaten, aus denen immer wieder offiziell und inoffiziell islamistische Rebellengruppen und Terrororganisationen unterschiedlichster Ausrichtung finanziert worden sein sollen – meist durch private Stiftungen, die allerdings in das elitäre Herrschaftssystem des Emirats eingebunden sind. Offiziell steht Katar zwar an der Seite westlicher Staaten im „Kampf gegen den Terror“, jedoch halbherzig. So monierte das US-Außenministerium 2009, dass Katar nur sehr lax gegen Terrorfinanziers im eigenen Land vorgehe. Die Kritik in dem internen Vermerk war schonungslos: „In ihrer Zusammenarbeit mit den USA in der Terrorbekämpfung schneidet Katar im Vergleich zu allen anderen Golfstaaten am schlechtesten ab.“

Al-Qaida, die Taliban und andere Terrorgruppen nutzten Katar als Ort der Spendenakquise, so steht es in dem Vermerk des State Department. In seinem jüngsten Länderreport zum Terrorismus lobt das US-Außenministerium die Bemühungen Katars, gegen die Finanzierung ausländischer Terroristen vorzugehen. Insbesondere würden sämtliche Zahlungen von Wohlfahrtsorganisationen ins Ausland von einer regierungsnahen Kontrollbehörde geprüft. Eine Abteilung in der katarischen Zentralbank überwache verdächtige Geldzahlungen. Über die Effizienz dieser Einrichtungen gibt der Bericht allerdings keine Auskunft. Vielmehr heißt es: „Trotz dieser Bemühungen dienen Unternehmen und Einzelpersonen in Katar als Finanzierungsquelle von terroristischen und gewalttätigen extremistischen Organisationen, besonders regional mit al-Qaida verbundene Organisationen wie die Nusrah-Front.“ An der Situation scheint sich nicht viel geändert zu haben, seit eine weitere große Terrororganisation al-Qaida weltweit Konkurrenz macht – der ebenfalls radikale sunnitische „Islamische Staat“.

(…) Noch Mitte 2014 äußerte sich US-Außenministerin Hillary Clinton ziemlich unmissverständlich zu den Terrorfinanziers aus Katar – wobei ihre Einschätzung nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Laut einer von Wikileaks veröffentlichten E-Mail ihres Wahlkampfmanagers John Podesta sprach Clinton sich dafür aus, die traditionellen Möglichkeiten geheimdienstlicher Arbeit zu nutzen, „um Druck auf die Regierungen Katars und Saudi-Arabiens auszuüben, die verdeckte finanzielle und logistische Unterstützung für den ‚Islamischen Staat’ und anderen radikalen sunnitischen Organisationen“ zu beenden. (…) Einer der prominenteren Fälle war ein heute 38-jähriger Beamter aus dem Innenministerium Katars. Salim Hasan Khalifa Rashid al-Kuwari soll Hunderttausende von Dollars an Gruppen der al-Qaida geschleust haben. Darum setzte das US-Finanzministerium ihn 2011 auf die Liste der internationalen Terroristen. Kuwari soll die Gelder aus dem Nahen Osten nach Vorderasien, vor allem an al-Qaida-Gruppen in den Iran transferiert haben. Katar reagierte, indem man Kuwari verhaften ließ. Allerdings scheint sein Vergehen, das zum Beispiel in Deutschland eine mehrjährige Haftstrafe nach sich ziehen würde, im Emirat nicht weiter problematisch gewesen zu sein. Denn nach nur drei Monaten kam er wieder frei und kehrte ins Innenministerium zurück.

Der Minister half dem späteren Topterroristen

Sein Dienstherr war zu jener Zeit der mittlerweile abgelöste Innenminister Abdullah bin-Khalid al-Thani – ein Mitglied der Königsfamilie. Der Mann aus dem Herrscherhaus hat hinsichtlich des internationalen Terrors ebenfalls eine einschlägige Vergangenheit, die mit dem späteren „Mastermind“ der Anschläge vom 11. September 2001, Khalid Sheikh Mohammed, zu tun hat. Die Geschichte, wie sie der offizielle Bericht des US-Kongresses zu den Ereignissen des 11. September 2001 schildert, begann 1992. Sheikh Mohammed war aus Afghanistan, wo er zuvor gegen die Sowjets gekämpft hatte, nach Bosnien gereist, um hier muslimische Milizen gegen Serben und Kroaten zu unterstützen.

Zu dieser Zeit war Abdullah bin-Khalid al-Thani Minister für religiöse Angelegenheiten. Auf Vorschlag des Ministers soll Sheikh Mohammed bald darauf mit seiner Familie nach Katar gezogen sein. Er erhielt sogar eine Anstellung als Ingenieur bei den Strom- und Wasserbetrieben Katars. In dieser Zeit überwies der spätere Topterrorist auch Geld aus Katar auf das Konto eines der Verschwörer rund um den ersten Anschlag auf das World Trade Center am 26. Februar 1993. So jeden- falls berichtet es der 9/11-Report. Als die USA schließlich Sheikh Mohammed 1996 verhaften lassen wollten, floh dieser dem 9/11-Report zufolge rechtzeitig nach Afghanistan. Von da an widmete er sich der Vorbereitung des bis dato größten islamistischen Anschlags aller Zeiten: 9/11.

Dieser Text ist ein Auszug aus Sascha Adameks neuestem Buch Scharia Kapitalismus, ISBN 978-3-430-20240-4, 288 Seiten; Klappenbroschur, 18 Euro, erschienen am 22. September 2017.

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