Brückentechnologie Wikileaks

Datenleck bei Wikileaks: Alle US-Depeschen stehen plötzlich unredigiert im Netz. Damit bekleckert sich die Organisation nicht gerade mit Ruhm – aber eigentlich erfüllt sie nur ihren Zweck.

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cc-by Alex Castro

Wikileaks habe „Blut an den Händen“, setze US-Informanten gefährlichen Risiken aus, so lautete schon vor einem Jahr die erste Reaktion der USA auf die Veröffentlichung von Militärdokumenten aus dem Afghanistan-Krieg. Kurze Zeit später wurde dieser Vorwurf jedoch offiziell zurückgenommen. Bei der Veröffentlichung der US-Diplomatendepeschen setzte Wikileaks auf die Zusammenarbeit mit Medienpartnern und die redigierte Veröffentlichung, vor allem um Informanten der USA aus totalitären Regimen zu schützen. Erst nach einer Verkettung von Leichtsinnigkeiten, Pannen und Indiskretionen aufgrund derer sowohl die verschlüsselte Datei mit den Depeschen, als auch das zugehörige Passwort im Internet auftauchten, hat Wikileaks nunmehr alle 251.287 Depeschen unredigiert auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Die ehemaligen Medienpartner haben diesen Schritt als unverantwortlich kritisiert. Ist Wikileaks nun am Ende? Jegliches Vertrauen in Leaking-Plattformen für immer zerstört?

Verantwortung besteht auf beiden Seiten

Klargestellt werden sollte zunächst, dass Wikileaks seine eigenen Quellen bisher nicht verraten hat. Zwar ist Bradley Manning seit Mai 2010 in US-Militärgefängnissen, unter teils menschenunwürdigen Bedingungen, in Haft, seine Verhaftung geht aber darauf zurück, dass er sich selbst in Internet-Chats als Quelle geoutet haben soll.
Genaugenommen hat Wikileaks überdies jetzt nur gemacht, was es seinen Quellen noch 2010 versprochen hatte: die vollständige Veröffentlichung der von ihnen eingereichten Originaldokumente. Aber, darf dies geschehen um den Preis der Gefährdung von Menschenleben? Nein, sicherlich nicht! Auch Leaking-Plattformen haben eine Verantwortung und müssen diese wahrnehmen. Verantwortung hatten aber auch die USA: in Diplomatenberichten, die einem großen Kreis von Personen zugänglich waren, keine Klarnamen zu verwenden, den Zugang zu jenen Informationen besser abzusichern, und spätestens seit dem Bekanntwerden der Leaks alles zu tun, um ihre Informanten zu schützen, statt auf deren Schutz alleine durch Wikileaks und seine Partner zu vertrauen. Wenn hier jemand Blut an den Händen hat – und der Nachweis hierfür steht bisher noch aus – so ist es sicherlich nicht nur Julian Assange.

Leaking ist nur ein Schritt zur Offenheit

Aus meiner Sicht müssen die aktuellen Ereignisse weder das Ende von Wikileaks noch von Leaking-Plattformen im Allgemeinen bedeuten. Sie sollten jedoch daraus lernen und zukünftig: transparenter werden (z.B. eigenen Quellcode und eventuelle manuelle Bearbeitungsschritte und deren Kriterien offenlegen), Technik verbessern (z.B. eigene Datensicherheit stärken, anonymen Rückkanal zur Kommunikation mit der Quelle einrichten) und eigene Grenzen anerkennen (es gibt keine automatische absolut sichere Bearbeitung von Quelldokumenten, es kann sinnvoll sein, Aufgaben aufzuteilen, Menschen sind nötig und machen Fehler). Schließlich sollten auch all diejenigen, die Wikileaks & Co. bisher bewundert haben und jetzt vielleicht enttäuscht sind, den Blick weiten. Leaking-Plattformen sind ein Bausteinchen auf dem Weg zu einer transparenteren und demokratischeren Gesellschaft, aber es gibt andere, die vielleicht noch wichtiger – leider medial aber weniger sexy – sind: der alltägliche persönliche Einsatz für ein kulturelles Umdenken im Sinne eines anderen Umgangs mit Kritik und einer anderen Fehlerkultur, und auch der Schutz von Whistleblowern in Organisationen und durch gesetzliche Regelungen. Für diese Ziele werden sich Organisationen wie Whistleblower-Netzwerk Deutschland und Whistleblowing Austria auch weiterhin einsetzen.

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