Gekommen, um zu bleiben

Facebook befindet sich in schwierigem Fahrwasser. Mit dem Wachstum des „Sozialen Netzwerks“ auf unglaubliche zwei Milliarden aktive Nutzer kam und kommt zwangsläufig das Fehlverhalten. Sei es, dass die Führung ihren Laden nicht mehr überblickt, sei es, dass die Verästelungen des Konzernangebots einen Missbrauch geradezu herausfordern.

Das Geschäftsmodell von Facebook ist es – anders als in den Gründerjahren – längst nicht mehr, miteinander bekannte Studenten zu vernetzen und aus deren jeweiligem Freundeskreis einen großen Kreis von Gleichgesinnten zu machen. Das war mal die Idee, die Gründer Mark Zuckerberg im übrigen geklaut haben soll, aber die heutige Idee ist eine andere. Der börsennotierte Konzern verdient fast allein an kommerzieller Werbung. Dies zu tun und sich gleichzeitig den Ruf des freundlichen Partyvermittlers von nebenan zu erhalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dass die Nutzer mit ihren Daten bezahlen, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben.

Je nach Güte ist ein ganz banaler Adressen-Datensatz ohne viel Drumherum unter Freunden und Feinden hierzulande rund 30 Euro wert. Bei Facebook wird jedoch unvergleichlich mehr registriert; so viel, dass Big-Data-Analysefirmen daraus erschreckende Profile bauen können. Und damit womöglich Wahlergebnisse nicht nur vorhersagen, sondern sogar beeinflussen. Da spätestens hört der Spaß auf. Und Filme wie etwa „Minority Report“, in denen eine datengestützte Ermittlereinheit Verbrechen aufklären kann, ehe sie geschehen sind, darf man plötzlich umkategorisieren von Science Fiction zu Science – ohne Fiction. Wobei es im Grunde genommen gleichgültig ist, ob sich das fragliche Datenmaterial in den Händen einer gewinnorientierten privaten Firma befindet oder in denen einer mal wohlwollenden, mal nicht so wohlwollenden Staatsführung.

Die Datenverknüpfungen sind da und sie sind möglich und sie werden genutzt werden, egal wie der Streit um eine Regulierung von Facebook und Konsorten sich weiter entwickelt. Man darf jedoch jetzt schon annehmen, dass alle sich aufplusternden deutschen und europäischen Politiker und Wächter des Wahren, Guten, Schönen ganz erbärmlich scheitern werden und ihnen nur bleibt, über ihre Pressestelle das Versagen in wohlgekleidete Phrasen zu packen. Die Algorithmen der Netzwerke, die „sozial“ zu nennen auf einen Übersetzungsfehler aus dem Amerikanischen zurückgeht, bleiben nicht da stehen, wo sie sind. Die papiernen Publikationen von heute haben mit den Bleilettern der Gutenberg-Ära nicht mehr viel zu tun. Die Entfaltungsmöglichkeiten der Facebooks und Instagrams schwirren heute vielleicht in einigen Köpfen herum, zu wesentlichen Teilen aber ist anzunehmen, dass es die Köpfe für die zukünftigen Entwicklungen heute noch gar nicht gibt. Womöglich werden wir uns eines Tages darüber freuen, mit unseren persönlichen Daten von einem amerikanischen Unternehmen ausgehorcht und ausgenommen zu werden statt von einem chinesischen Geheimdienst.

Es darf bezweifelt werden, dass Facebook oder auch Google, der „Don’t-Be-Evil“-Krake aus Menlo Park, je einer weltlichen Behörde unterliegen werden. Auch Werbetreibende, die sich mal kurzzeitig aus ihren Facebook-Kampagnen zurückziehen, dürften wiederkommen, so zum Beispiel die Commerzbank. Andere, wie etwa das deutsche Unternehmen Dr. Oetker, ließen gleich zu Beginn der Krise verlauten, dass ihre Kunden und Freunde weiter mit ihrer Hilfe backen und kochen wollen und man die nicht im Stich lassen werde. Und so greift ein Rädchen ins andere: Die Nutzer verlassen sich, gerade in Schwellenländern, auf Facebook als einen der wichtigsten Kanäle der Kommunikation – oft besitzen die Nutzer nicht einmal Telefon oder elektrischen Strom aus dem lokalen Netz. Und die Werbetreibenden wollen nicht fehlen, wenn etwas Neues gebacken oder gekocht wird.

Abgekocht wurden dagegen unlängst mal ein wenig die Aktionäre, die spätzeitig eingestiegen waren, denn die rund 60 Milliarden Dollar Wertverlust ihrer Firma müssen einige schon gespürt haben, auch wenn Mark Zuckerberg den größten Teil der Miesen auf sich vereinigen konnte. Dafür beherrscht der Mann sein Reich, auch wenn er es längst nicht mehr so richtig begreifen sollte, mit seiner zementierten Stimmrechtsmehrheit und seiner Rolle im Konzern, die so eine Art operativer Chef und Aufsichtsratsboss zugleich ist. Wie ganz irdische andere Bosse heuert er auch gern mal die Falschen an – Frau Sandberg gilt nicht als Idealbesetzung. Und er zuweilen feuert die Falschen – sein gegangener Sicherheitschef wusste ganz offenkundig, was läuft. Dass hingegen zwei Milliarden Menschen sich mit Abscheu und Empörung abwenden, ist extrem unwahrscheinlich. Eher noch erwächst dem Erfolgsmodell Facebook demnächst noch eine Konkurrenz: Das wäre schon das Beste, was sich der Normalbürger erhoffen kann. Bis zu einem gewissen Grad kann der Einzelne seine Preisgabe von Persönlichem steuern. Und sollte es tun. Die Datenkraken aber werden bleiben. Finden wir uns damit ab.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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