Alles Tofu – nur nicht Milch

Da hatten die Richter am EU-Gerichtshof aber mal wirklich eine Nuss zu knacken, oder vielmehr die Bohne zu analysieren: Kann es „Tofubutter“ geben? Oder „Veggie-Cheese“? Die höchsten Gericht der Europäischen Union haben gesprochen: Rein pflanzliche Produkte dürfen nicht unter Bezeichnungen wie Milch oder Käse angeboten werden. Veganer aller Länder, vereinigt Euch weiter! Der EuGH weist den Weg!

Die an sich schon abstoßenden Kauderwelsch-Bezeichnungen wie „Tofubutter“ und „Veggie-Cheese“ verwendete eine Firma, die mit dem Namen „Tofutown“ eigentlich schon gestraft genug ist und gar keine Richter vom EuGH mehr gebraucht hätte. Die fiese Konkurrenz allerdings gönnte den perfekt englisch radebrechenden Pflanzenverarbeitern aus der Eifel ihren Triumph nicht, denn zweifelsohne waren Tofumilch, Pflanzenkäse und andere Leckereien grandiose Erfolge auf dem Markt der verwirrten Konsumenten.

So ging nämlich die Argumentation: Was geschieht wohl mit der labilen Psyche eines überzeugten Milchtrinkers, der nur das Signalwort zur Kenntnis nimmt und hocherfreut zu seinem Lieblingsprodukt greift – nur, um später festzustellen, dass er ein Gebräu aus Sojabohnen erwischt hat, die man so lange malträtiert hat, dass sie ganz weiß und milchig geworden sind? Wer nun meint, dass ist doch alles Quark mit Soße, der irrt gar fürchterlich. Denn der richterliche Erfahrungsschatz schlug sich in einem Urteil nieder, dass dem regulären Milchtrinker und Käsemümmler glatt den Appetit verderben könnte: Es handele sich nämlich um „ein durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnenes Erzeugnis der normalen Eutersekretion“, so die Luxemburger Rechtskundigen. Und nur das sei Milch.

Genug gelesen von Veganern, Brüssel und der EU? Dann informieren Sie sich doch über Anlagechancen bei britischen Aktien!

Ob aus Erst- oder Zweitmelkung ist mithin egal, aber wo kein eutertragendes Lebewesen beteiligt war, da kann es auch keinen Käse geben, niemals und nirgends. Da nutzte es auch nichts, dass die Wortmetze aus der Eifel ihre Herstellungsverfahren denen des normalen Käserührens und Quarkschlagens gleichzusetzen versuchten. Eigentlich hätte man es sich denken können. Oder nicht? Immerhin gibt es ja wohl immer noch so etwas wie „Analogkäse“ auf der Pizza, also ein Produkt, das man nimmt, wenn einem selbst der massenerzeugte Fabrikgouda noch zu wohlschmeckend und teuer ist. Ansonsten aber ist tatsächlich alles geregelt: Die Liste des ausnahmsweise als milchartig zu Bezeichnenden ist in der EU abschließend und vollständig ausgefüllt. Es gibt Kokosmilch, auch ohne Euter an der Palme, es gibt Butterbohnen und Erdnussbutter und noch knapp 20 weitere solche Produkte. Da blicke noch einer durch.

Nun wäre den Tofuverarbeitern natürlich nicht damit gedient, ihre Ware Erdnussbutter zu nennen oder Leberkäse, denn das gibt es ja schon und es ist halt was ganz anderes. Zuversicht ist angebracht, dass Leute, denen so was wie der Name „Tofutown“ für die höchsteigene Firma einfällt, auch bei ihren milchanalogen Vegetrarier-Erzeugnissen auf neue, zündende Ideen kommen. Auf dass der Geldfluss von den Leuten mit dem ganz besonderen Geschmack nicht abreiße. Mit der „veganen Currywurst“ sind die Verbraucher schließlich schon genug verunsichert worden, und zwar sowohl die veganen Gutmenschen als auch die ewig gestrigen Troglodythen, die zwischen ihren brutal malmenden Zahnreihen das Fleisch unschuldig gemetzelter Kreaturen zu ekelerregenden Fleischbrei verwandeln und sodann zur besseren Verdauung fermentieren wollen und – dies vor allem! – in bösartiger Unbelehrbarkeit davon nicht ablassen, diese Wüstlinge.

Die Richter wiederum können sich zufrieden zurücklehnen, denn sie haben brutaler Verbraucherverwirrung gar scheppernd einen gewaltigen Riegel vorgeschoben. Und womöglich der hohen und hehren Sache des Veganismus einen hohen Dienst erwiesen: Welcher dieser überzeugten Tierschützer hat wohl bislang unbelastet zu einem Produkt gegriffen, dass Worte wie Milch oder Käse enthielt? Wo er das brutale Unrecht, der Natur ihre Produkte zu stehlen, doch gerade vermeiden will? Aber irgendwas muss man halt essen, also dann eben auch mal Pflanzenbutter, wenn Margarine nicht zur Hand ist. Jetzt wird also alles den Weg des pflanzlichen Bratlings gehen – und man kann sich fragen: Kam zuerst die Verwirrung des Geistes und dann die der Sprache, oder war es gerade umgekehrt?

Kommt noch 2017 ein großer Crash der Aktienmärkte? Lesen Sie jetzt mehr zu diesem Thema in der BÖRSE am Sonntag.

Mehr aus der Kolumne

Schliekers Börsenwoche

Medium_a276d15f25

Die Crash-Queen von München

Eine Frau aus einfachen Verhältnissen, also sozusagen dem Subprime-Niveau im München des 19. Jahrhunderts, sorgte für den ersten großen Anleger-Betrugsfall des jungen Kaiserreichs. Das von ihr gegründete Bankhaus bestand aus Schall und Rauch und einer Menge Geldsäcke in Truhen und Schränken. Ein Sittenbild mit Bezug zur heutigen Börsenlandschaft.

Medium_41ab69c8f0

Die Vertreibung aus dem Steuerparadies

Poetisch, paradiesisch: Warum nur werden „Tax Havens“ mit so wohlklingenden Namen bedacht? Die Steueroasen gaukeln Anlegern und vor allem solchen, die gerne welche wären, geradezu ein Bild von wogenden Palmen und klarem Brunnenwasser vor, inmitten der Steuerwüste. Vielleicht eine Freud’sche Fehlleistung? Denn nach außen hin geben sich alle empört. Vor allem die, die „paradiesisch“ investiert sind.

Medium_db48f53591

Die Elektroniker sind nicht zu stoppen

Natürlich sieht man es auch an den Aktienkursen – gerade hat Apple wieder einmal Quartalszahlen vorgelegt, die jeden Skeptiker widerlegen. Die schöne neue Welt der Elektronik hat offenbar so viele Fans, dass es uns angst und bange sein darf – nicht um die Konzerne, sondern um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

comments powered by Disqus
Was soll nach dem Jamaikaabbruch folgen?
Neuwahlen
Minderheitsregierung