Intoleranz gegen Andersdenkende ist ein Merkmal bei vielen Linken und Grünen

Intoleranz gegen Andersdenkende ist in der Tat ein gemeinsames Merkmal bei vielen Linken und Grünen. Die Unduldsamkeit gegen Menschen, die anderer Meinung sind, spürt man in der Sprechweise von Linken und Grünen, und bei den Linksextremen zeigt sich diese Unduldsamkeit dann auch in Gewalt.

Herr Zitelmann, Sie sind Historiker und ein erfahrender Journalist, der im Ullstein- und im Propyläen-Verlag sowie bei der DIE WELT in führenden Positionen war. Sie sind wie kaum ein anderer ein Kenner des Zeitgeschehens und schreiben regelmäßig viele Kommentare und Kolumnen für das Debattenmagazin „The European“. Was läuft falsch in Deutschland?

Zitelmann: Obwohl das Wort “Nachhaltigkeit” in aller Munde ist, ich kann es schon lange nicht mehr hören, ist die Politik in Deutschland genau das Gegenteil davon. Es gab in der bundesdeutschen Nachkriegszeit keinen Kanzler, der für seine Nachfolger und die Folgegenerationen so viele schwerwiegende Probleme angehäuft hat, wie Merkel. Ob Einwanderung, Eurorettung, Energie- oder Sozialpolitik:

In all diesen Feldern hat Merkel gefährliche Zeitbomben gelegt, die erst später hochgehen werden. Der Grund, warum sie wohl dennoch wieder gewählt werden wird: Die Folgen, etwa der verfehlten Energiepolitik, wirken sich heute noch kaum aus, sondern erst in der Zukunft. Ebenso stehen uns die schlimmsten Folgen der Eurorettung noch bevor. Gleiches gilt für die Flüchtlingspolitik. In der Politik ist es oft so, dass die heute verantwortlichen Politiker Dinge tun, die sich erst bei ihren Nachfolgern auswirken. So profitierten Bill Clinton und Tony Blair von der guten Politik ihrer Vorgänger Ronald Reagan und Margaret Thatcher – und Merkel profitiert von Schröders Agenda 2010. Das alles war ein positives Erbe. Merkel wird dagegen ein schlimmes Erbe hinterlassen.

Sie haben 20 erfolgreiche Bücher, darunter Besteller, geschrieben. Ihr neuestes Buch trägt den Titel „Wenn Du nicht mehr brennst, starte neu“. Viele Deutsche haben Angst vor Veränderungen, seien diese persönlicher Natur oder der Arbeitswelt geschuldet. Ihre Maxime hingegen lautet, mit Hermann Hesse gesprochen: „In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, oder anders formuliert. Neuanfänge sind für Sie etwas Existentielles. Woher kommt die Angst und was bringen Neuanfänge?

Zitelmann: Ich verstehe diese Angst, denn sie ist Ausdruck eines Sicherheitsstrebens, das mir nicht fremd ist. Aber ich glaube nicht, dass Sicherheit darin liegt, alles so zu lassen, wie es ist. Die Verhältnisse ändern sich, und so müssen wir uns selbst ändern und die Gesellschaft muss sich ändern. Im persönlichen Bereich denke ich, dass Angst vor Veränderung Ausdruck von mangelndem Selbstbewusstsein ist. Psychologen sprechen von “Selbstwirksamkeit”. Damit ist gemeint, dass ich mir selbst zutraue, große Ziele zu erreichen, Krisen zu bewältigen und aus ihnen das Beste zu machen. Ich persönlich fände es langweilig, das ganze Leben lang immer das Gleiche zu tun. Und ich habe mir zugetraut, immer wieder neu zu starten. Wenn man mal dabei scheitert, dann ist das gut und nicht schlecht. Denn wer nie im Leben scheitert, hat damit nur eines bewiesen, dass er sich zu kleine Ziele gesetzt und zu wenig versucht hat.

Sie haben eine beeindruckende Karriere hingelegt. Vom Linken zum Konservativen, von Autorenschaften in ganz linken Zeitungen bist hin zum Chef der "Geistigen Welt“ der DIE WELT. Sind Sie aus versehen konservativ geworden?

Zitelmann: Als Konservativen würde ich mich nicht bezeichnen. Ich sehe mich als Nationalliberaler oder als demokratischer Rechter. Konservativ passt irgendwie nicht zu meinem persönlichen Lebensstil, klingt für mich ein wenig bieder und verstaubt, so nach blauem Jacket mit goldenen Knöpfen und Einstecktuch.

Liberalismus bedeutet für mich, Eintreten für die Freiheit. Und zwar vor allem für die geistige Freiheit, für Freiheit des Denkens, für die Freiheit in der intellektuellen Debatte. Deshalb ist mir die Political Correctness so sehr verhasst. Sie ist für mich gleichbedeutend mit Denkverboten und mit der Pflicht, sich einfältiger Sprachhülsen zu bedienen.

Freiheit ist auch in der Wirtschaft das Wichtigste. Ich schreibe gerade an einem neuen Buch, das nächstes Jahr erscheinen soll. Arbeitstitel: “Der Kapitalismus tut den Menschen gut”. Ich weise nach, dass es den Menschen immer dann besser ging, wenn dem Markt, also der Freiheit unternehmerischen Handelns, mehr Raum gegeben wurde. Das beeindruckendste Beispiel ist China: Allein beim “Großen Sprung nach vorne” in den Jahren 1958 bis 1961 starben etwa 45 Millionen Menschen, die meisten verhungerten. Das war Folge eines großen sozialistischen Experimentes. Darüber wissen die Menschen viel zu wenig, und als ich im Teenageralter Maoist war, wollte ich auch nichts davon wissen. Damals bezog ich mein “Wissen” über China aus der Peking-Rundschau. Ich gebe zu, dass ich erst jetzt mehrere Bücher darüber gelesen habe. Es hat niemals in der Menschheitsgeschichte eine so große Wohlfahrtssteigerung für die Menschen gegeben wie in den letzten Jahrzehnten in China. Warum? Weil dort der Kapitalismus eingeführt wurde und China sich in die Weltwirtschaft integriert hat, diese heute sogar prägt. Leider war und ist die wirtschaftliche Freiheit in China nicht mit der politischen Freiheit verbunden, aber immerhin: Das war schon eine große Leistung von Deng Xiaoping, deren Kern es war: Mehr Freiheit, mehr Markt, mehr Kapitalismus wagen.

Ich habe einen unbändigen Freiheitsdrang. Der hat mich in der Jugend, so wie viele Menschen, zu einem Linken gemacht. Und er hat mich später zu einem Liberalen oder demokratischen Rechten gemacht, dem Freiheit wichtig und Gleichmacherei ein Gräuel ist.

Sie kennen sich aus mit autoritären Denkern und Systemen, Sie haben eine viel gelesene und -zitierte Hitlerbiografie geschrieben. Was fasziniert an der dunklen Seite der Macht und warum findet dies immer wieder Nachahmer und Enthusiasten?

Zitelmann: Das Grauen kommt ja daher im Gewand der hoffnungsvollen Verheißung einer besseren Zukunft. Das gilt nicht nur für den Marxismus, sondern auch für den Nationalsozialismus, wie ich in meinem Hitler-Buch belege. So wie Anhänger von Marx und Lenin fasziniert waren von der Vision einer klassenlosen Gesellschaft, so waren die Anhänger Hitlers fasziniert vom Konzept der “Volksgemeinschaft”. Das war die These in meinem Buch “Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs”, das erstmals vor 30 Jahren erschien und soeben im Lau-Verlag in einer um 100 Seiten erweiterten 5. Auflage neu herausgekommen ist. Heute ist das Konzept der “Volksgemeinschaft” zu dem zentralen Forschungsansatz der NS-Forschung geworden, wie ich in meinem einleitenden Essay zu dem Hitler-Buch zeige.
Wenn wir die Faszination von Ideologien wie dem Marxismus-Leninismus, Maoismus oder Nationalsozialismus nicht verstehen, dann können wir aus der Geschichte nichts lernen. Die Menschen haben Hitler ja nicht wegen seinem Judenhass oder seinen Plänen zur Eroberung von neuem Lebensraum im Osten gewählt. Sondern weil er bessere Aufstiegschancen für die Arbeiterschaft, die Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft und soziale Gerechtigkeit versprach. Heute wissen wir, wie schrecklich das alles endete, aber das wussten die Menschen nicht, die Anfang der 30er Jahre fasziniert waren vom nationalen Sozialismus.

Seit dem G 20-Gipfel in Hamburg ist der Terror von Links – lange Zeit politisch geduldet – zu einer politisch festen Größe in unserer Alltagskultur geworden. Sie kennen das Phänomen vom linken Terror aus Ihrer Zeit als Cheflektor der Verlage Ullstein und Propyläen. Dort veröffentlichten Sie unter anderem ein Buch von Jörg Haider – auch mit der Konsequenz, dass Ihr Auto angezündet wurde. Leben wir in einer Gesinnungsdiktatur? Warum haben wir wenig Toleranz für konservatives Denken und viel für den linken Mainstream?

Zitelmann: Intoleranz gegen Andersdenkende ist in der Tat ein gemeinsames Merkmal bei vielen Linken und Grünen. Die Unduldsamkeit gegen Menschen, die anderer Meinung sind, spürt man in der Sprechweise von Linken und Grünen, und bei den Linksextremen zeigt sich diese Unduldsamkeit dann auch in Gewalt.

In der Bundesrepublik gab es seit den 60er Jahren eine laufende Verschiebung des politischen Koordinatensystems nach Links. Das habe ich 1994 ausführlich in meinem Buch “Wohin treibt unsere Republik?” gezeigt und analysiert. Diese Analyse, obwohl vor 23 Jahren geschrieben, ist leider heute aktueller denn je. Ich habe schon damals gezeigt, wie sich die CDU nach Links entwickelt und den Grünen anpasst. Das war noch zu Zeiten von Kohl. Der Prozess der Sozialdemokratisierung und Vergrünung der CDU hat mit Merkel nicht begonnen, sondern sie hat ihn nur in einer damals für die meisten Menschen nicht vorstellbaren Weise auf die Spitze getrieben und vollendet. Da alles ausgegrenzt wird, was nur leicht rechts von der CDU ist, hat das zur Folge gehabt, dass immer mehr Meinungen, die früher als legitim galten, auf einmal als “unsagbar” und “unerträglich” galten und gelten. Was früher als Position der Mitte galt, war auf einmal rechts. Andererseits gab es seit Ende der 60er Jahre eine sich beschleunigende Erosion der Abgrenzung zu linken Antidemokraten, die zunehmend als legitimer Teil des politischen Spektrums gesehen wurden. Daher hatte ich schon damals in meinem Buch vorhergesagt, dass die SPD irgendwann mit den Grünen und dann auch mit den Linken zusammengehen wird. Damals, also 1994, als ich dieses Buch schrieb, hatten die Sozialdemokraten noch Koalitionen auf Bundesebene mit beiden Parteien ausgeschlossen.

Sie sind Bodybuilder, investieren viel Zeit und haben bewältigen dennoch ein gewaltiges Pensum an Publikationen etc. Wie schaffen Sie das? Wie steuern Sie Ihren Tag? Was raten Sie für ein so intensives Arbeitsprojekt und warum nimmt Fitness in Ihrem Leben einen so hohen Stellenwert ein?

Das Training kostet mich nicht viel Zeit. Ich trainiere seit 40 Jahren jede Woche (außer wenn ich erkältet bin) drei bis sechs Mal, aber immer nur 30 bis 40 Minuten. Ich habe mich mit Trainingstheorien zum Kraftsport befasst und ein Buch dazu geschrieben. Das Ergebnis: Intensives Training bringt mehr als langes Training. Zum Zeitbudget: Ich habe sehr selten das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben, obwohl ich viele Dinge mache: Nach wie vor veranstalte ich zahlreiche Fachseminare für die Immobilienbranche, habe einen Beratervertrag mit meiner ehemaligen Firma, arbeite mit zwei Immobilienunternehmen bei der Akquisiton und Vermittlung von Projektentwicklungen zusammen, schreibe meine Bücher und Kolumnen. Und ich gehe jedes Wochenende feiern und habe Zeit für meine Freundinnen. Eben, als ich diese Interviewfragen beantworte, bin ich in Laguna Niguel in Kalifornien und es ist zwischen 6 und 9 Uhr morgens. In einer Stunde werden wir wohl zum Sport gehen und dann liege ich in der Sonne und lese ein Buch über die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika. Morgen gegen 6 Uhr schreibe ich weiter am nächsten Kapitel für mein neues Buch. Es hat sich übrigens noch nie eine Freundin beklagt, dass ich zu wenig Zeit für sie hätte. Wie ich das alles zusammenbekomme habe ich in meinen “12 Lebensregeln” erklärt, die sich im Kapitel 15 meiner kürzlich erschienenen Autobiografie “Wenn du nicht mehr brennst, starte neu!” finden. Ein wichtiger Grundsatz lautet, dass ich alles delegiere, was mir keine Freude macht und was auch andere erledigen können. Obwohl ich 15 Jahre lang fast jeden Tag geflogen bin, habe ich noch nie in meinem Leben einen Flug selbst gebucht, ich mache meine Arzt- oder Friseurtermine nicht selbst aus und delegiere überhaupt alles, was mir keine Freude macht. Dadurch habe ich Zeit, die Dinge zu tun, die mir Spaß machen und in denen ich gut bin, also vor allem das Schreiben und die Akquise.

Sie sind ein ausgewiesener Finanzexperte und Immobilieninvestor! Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Finanz, Euro und Flüchtlingskrise?

Zitelmann: Zunächst: Die Finanz- und die Eurokrise sind nicht vorbei, obwohl meist in den Medien in der Vergangenheitsform darüber geschrieben wird. Ebensowenig ist die Flüchtlingskrise vorbei. Die Ansicht, die Finanzkrise liege hinter uns, ist geradezu absurd. Wenn das so wäre: Warum sind die Zinsen dann bei Null und warum kauft die EZB für Hunderte Milliarden Anleihen? Würde die EZB dieses Jahr die Zinsen auf nur zwei Prozent erhöhen und ihr Anleihenkaufprogramm beenden, dann würden das internationale Finanzsystem und der Euro sofort zusammenbrechen. Das kann keiner bestreiten. Und das kann doch kein Mensch als normal bezeichnen, der noch bei Verstand ist. Deshalb ist die Meinung, dass diese Krisen ausgestanden seien, ein großer Unsinn. Ähnliches gilt für die Flüchtlingskrise: Die größten Probleme mit der Zuwanderung, und zwar sowohl mit vielen derjenigen, die gekommen sind als auch mit jenen, die noch kommen werden, stehen noch vor uns. Die Politik hat ja kein Konzept zur Lösung. Es ist doch ganz offensichtlich, dass es kaum gelingt, Menschen, die einmal zu uns gekommen sind, wieder abzuschieben. Das war ebenso vorauszusehen wie die Tatsache, dass sich die meisten anderen europäischen Länder weigern werden, Merkels Einwanderungskonzept zu folgen. Am meisten ärgert mich, wenn Politiker aller Parteien erzählen, man müsse “die Fluchtursachen beseitigen”. Das klingt irgendwie logisch, aber es ist eine völlige Überschätzung unserer Möglichkeiten und einer jener Phrasen, die gedankenlos nachgeplappert werden. Die Fluchtursachen liegen im Wohlstandsgefälle zwischen Afrika und Deutschland, und das wird weder Merkel noch Schulz beseitigen.

Sie schreiben in Ihrem Buch in einem ganzen Kapitel „Was ich von 45 Superreichen lernte“. Was haben Sie gelernt?

Zitelmann: Das war das Thema meiner zweiten Doktorarbeit, die ich 2015 geschrieben habe. Ich habe erstmals 45 Hochvermögende persönlich interviewt – die meisten waren Selfmade-Unternehmer oder Investoren mit einem Nettovermögen zwischen 30 Millionen und einer Milliarde Euro. Ich habe diese zweite Dissertation geschrieben, weil ich hier eine Forschungslücke sah und neugierig war, welche Persönlichkeitsmerkmale diese Menschen haben. Einige dieser Persönlichkeitsmerkmale treffen auch für mich zu, etwa der Nonkonformismus, also die Freude daran, gegen den Strom zu schwimmen. Oder die Einstellung, selbst die Verantwortung für Rückschläge zu übernehmen, statt anderen die Schuld zu geben. Es ist schwer, das alles in einem Interview zu erklären, was ich auf 430 engbedruckten Seiten dargestellt habe. Ich rate dazu, das Buch zu kaufen, allerdings nur dem, der nicht auf einfache Tipps zum Reich werden hofft. Dazu gibt es genug andere Bücher, die meisten davon sind leider völlig wertlos oder irreführend. Die “Psychologie der Superreichen” breitet sehr umfänglich Material aus, lässt die Superreichen selbst zu Wort kommen und gibt Anlass, über die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu reflektieren. Übrigens ist das Buch keineswegs nur für den interessant, der selbst reich werden möchte, sondern auch für jeden, der mehr über die Denkweisen und Verhaltensmuster dieser Minderheit erfahren will, die den meisten Menschen ja sehr fremd ist – und über die es jedenfalls viel mehr Vorurteile als Wissen gibt.

Ihr Leben besteht aus Regeln, welche würden Sie Lesern Ihrer Bücher anempfehlen?

Zitelmann: Zum Glück besteht mein Leben nicht aus Regeln, aber es wird in der Tat von Regeln geleitet. Viele Leser meiner Autobiografie haben mir gesagt, die zwölf Lebensregeln, die ich im 15.Kapitel darstelle, seien für Sie das Wichtigste an meinem Buch. Alle zwölf Regeln sind mir sehr wichtig, aber hier ist natürlich nicht der Platz, alle aufzuführen. Eine habe ich bereits genannt: Delegiere konsequent alles, was dir keine Freude macht. Eine andere lautet: Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen. Ich bin im Juni 60 geworden. Manche Menschen denken dann schon über die Rente nach. Für mich ist Halbzeit, also genug Zeit, mit Neuem zu beginnen. Mein Vater ist 88, er hat letztes Jahr eine 1200-Seiten-Biografie über Keppler veröffentlicht. Ich habe erst mit 30 angefangen zu arbeiten, da ich vorher mein 2. Staatsexamen und meine erste Promotion absolviert hatte. Also habe ich, wenn ich meinen Vater mal als Orientierungspunkt nehme, 30 Jahre hinter mir und mindestens 28 Jahre vor mir. “Wenn du nicht mehr brennst, starte neu!” soll eine Ermutigung sein für Menschen, die nicht mehr voll und ganz begeistert sind von dem, was sie tun. Ich finde, das Leben ist zu schade, um die Zeit damit zu verschwenden, Dinge zu tun, für die man nicht brennt. Ich habe viele Dinge in meinem Leben getan – als Historiker, Cheflektor, leitender Journalist, Unternehmer, PR-Berater, Immobilieninvestor, Makler. Immer, wenn ich festgestellt habe, dass ich nicht mehr richtig brenne für das, was ich tue, habe ich mich neuen Tätigkeitsfeldern zugewandt. Ich finde Arnold Schwarzenegger faszinierend, der Bodybuilder, Immobilieninvestor, Schauspieler und Politiker war. Heute ist er ein international engagierter Umweltaktivist, was jedoch nicht mein Ding wäre. Aber sein Konzept, in einem Leben mehrere Leben zu leben, das hat mich schon als Jugendlicher fasziniert.

Herr Zitelmann, wie wird man Millionär? Haben Sie Tipps für Einsteiger?

Zitelmann: Am Anfang stand für mich überhaupt der Entschluss, reich zu werden – ohne genau zu wissen, wie es geht. Das war nach einem Gespräch mit dem Politiker Peter Gauweiler, ich schildere das in meiner Autobiografie. Und dann war es für mich logisch, dass ich mir Wissen angeeignet habe von Menschen, die es geschafft hatten oder die kluge Bücher dazu geschrieben haben. Ich habe damals alles gelesen, was ich zu dem Thema in die Hände bekommen habe. Nicht, weil ich nach einfachen Tipps zum Reichwerden gesucht habe, das wäre ja naiv. Sondern weil mich die Bücher, die ich gelesen habe, dazu gebracht haben, nachzudenken, meinen eigenen Weg zu finden. Was mir sonst manchmal im Leben große Probleme bereitet hat, nämlich der Nonkonformismus und die Art, gegen den Strom zu schwimmen, hat dazu geführt, dass ich viele Millionen verdient habe. Ich habe Investments getätigt, die andere für völlig abwegig hielten – zum Beispiel den Kauf eines Hauses in Berlin-Neukölln im Jahr 2004 ohne einen einzigen Euro Eigenkapital für eine Million Euro. Damals galt man als verrückt, wenn man in Berlin Wohnungen gekauft hat und als komplett verrückt, wenn man es in Neukölln gemacht hat. Das hat mich nicht gestört, sondern eher noch bestärkt. Denn die Immobilie konnte ich ja nur deshalb so günstig kaufen, weil die Mehrheit der Marktteilnehmer anderer Meinung war. Die Deutsche Bank lehnte die Finanzierung als zu riskant ab. Das konnte ich bei einer Rendite von 15%, die mir eine anfängliche jährliche Tilgung von 6% erlaubte, überhaupt nicht verstehen. Übrigens hat die Deutsche Bank zu dieser Zeit viele als angeblich sicher geltende Fonds verkauft, mit denen die Anleger später eine Menge Geld verloren haben. Als dann vor einigen Jahren der Berliner Immobilienmarkt “in” war und Neukölln ganz besonders “in”, als praktisch jeder Investor in Berlin kaufen wollte, habe ich das Haus für 4,2 Millionen wieder verkauft. Damals war bis auf 200.000 Euro das Darlehen getilgt und die vier Millionen Gewinn waren steuerfrei, da ich die Immobilie zehn Jahre gehalten hatte. Es kann sich also lohnen, gegen den Strom zu schwimmen.

Fragen: Stefan Groß

Auszüge und Rezensionen zur Autobiografie von Herrn Zitelmann finden Sie hier und hier

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