Kleine Schritte für die Menschheit

Das Gehen feiert ein Comeback in den USA. Die hauptsächlich Auto-zentrierte Gesellschaft muss sich daran erst gewöhnen.

1.
Als ich letztes Jahr an einem sonnigen Wintertag alleine durch die Straßen von Richmond, Virginia lief, steckte jemand den Kopf aus seinem Autofenster und bot mir Hilfe an.

Das Angebot war ehrlich gemeint, basierend auf der Annahme, alleine herumzulaufen bedeute einen Notfall. Wie so viele andere „horizontale Städte“, die sich diffus über einen großen Raum ausbreiten (darunter Los Angeles) ist Richmond um Menschen in Autos und ihre Bedürfnisse organisiert.

Konsequenterweise sehen Menschen, die überall hin fahren, ihre Autos als Hüllen, die sie vor den Gefahren der Außenwelt schützen. Es scheint mir, Autos funktionieren in solchen Umgebungen als räumliche und symbolische Erweiterung des Zuhauses der Besitzer und vielleicht sogar als Erweiterung ihrer selbst. Sie spielen in nahezu allen Aspekten des täglichen Lebens eine wichtige Rolle. So sind etwa in Einkaufszentren integrierte Restaurants nicht ungewöhnlich: Dort speisen Kunden im Sommer im „Garten“ des Betriebs, welcher in Wirklichkeit ein Parkplatz ist – ihre Autos stolz neben sich geparkt.

Hinzu kommt, dass das Angebot an Drive-Through-Angeboten in amerikanischen Städten und Vororten ziemlich beeindruckend ist: Drive-Through-Banken und –Bankautomaten, -Restaurants, -Apotheken, -Cafés, -Spirituosengeschäfte. Das Auto ist eine notwendige Bedingung, um Zugang zu Geld, Konsum, Waren und, im Falle einer Drive-Through-Kirche, sogar zu sofortiger Erlösung zu erhalten.

2.
In einer US-amerikanischen Wohngegend, besonders in den Vororten, ohne offensichtlichen Grund wie Hunde oder Kinderwagen, Walking-Stöcke oder Sportklamotten, zu Fuß zu gehen, widerspricht den Regeln für Fußgänger außerhalb des eigenen Grundbesitzes. Einen scheinbar zwecklosen Spaziergang zu machen, der nicht durch eine pragmatische und gesellschaftlich akzeptierte Aktivität gerechtfertigt wird, ist verdächtig, in etwa so wie Nudismus. „Autolosigkeit“ kann leicht Achtlosigkeit bedeuten.

Solche ungeschriebenen Regeln sind nicht weit entfernt von Frank Lloyd Wrights utopischem (oder dystopischem) Modell der „Broadacre City“ von 1932. Dort konnten Mitglieder einer idealerweise nuklearen Familie sich frei in ihrem eigenen Bereich – ein Morgen Grundbesitz – bewegen. Alles außerhalb dieses nuklearen Kosmos konnte nur durch Autos oder Helikopter erreicht werden.

3.
In europäischen Städten, deren Planung der Einbindung von Autos ins tägliche Leben vorausgeht, scheint Gehen oft die einfachste Lösung zu sein. In den USA hingegen muss man sehr auf den Kontext aufpassen, in dem man geht. Gehen kann sogar gefährlich sein: Was als verdächtig angesehen wird, stellt für Andere eine potentielle Bedrohung dar; es bedeutet, dass Laufen einen möglicherweise nicht nur verletzlich, sondern auch gefährlich oder verrückt erscheinen lässt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass das unbeabsichtigte Betreten von Privateigentum im Staat Virginia ein potenzielles Risiko für das eigene Leben bedeutet – wie in vielen anderen Staaten mit hohen Raten an Waffenbesitztum und breitgefächerten Selbstverteidigungs-Gesetzen.

Gehen, insbesondere in unbegehbaren Kontexten, muss auch als ein genderspezifisches Thema betrachtet werden. Es ist ein gesellschaftlich und kulturell weit verbreiteter Glaube, dass Frauen nicht alleine zu Fuß unterwegs sein sollten, besonders im Dunkeln. Um sich beim Gehen sicher zu fühlen, muss man sich unter Menschen befinden. Man braucht Menschenansammlungen und die Anonymität, die sie bieten, um sich sicher zu fühlen. Interessanterweise sind die meisten der zeitgenössischen „psychogeographers“, die über ihre Geherlebnisse in der scheinbar unbegehbarsten Umgebung schreiben, männlich. Will Self schreibt über seinen Lauf vom JFK-Flughafen nach Manhatten. Geoff Nicholson beschreibt seine Spaziergänge in L.A. und der Wüste. Ian Sinclair läuft den Londoner Autobahnring entlang, die M25. Nick Papadimitriou, der sein Vorgehen „tiefe Topographie“ nennt, läuft von Heathrow ins Zentrum von London.

Ich frage mich, ob mir damals in Richmond Hilfe angeboten worden wäre, wäre ich ein Mann gewesen.

4.
Etwas anders sieht die Situation in Städten aus, die über ein größeres Netzwerk an öffentlichen Verkehrsmitteln und strengere Waffen-Gesetze verfügen, wie San Francisco, Chicago, Boston und besonders New York.

Meine Besucher aus Richmond waren begeistert von der Aussicht, von Brooklyn nach Manhatten zu laufen. Nachdem wir drei Tage gemeinsam zu Fuß verbracht hatten, sagten sie mir, sie seien seit Jahren nicht so viel gelaufen und hätten nicht so gut geschlafen. Ganz plötzlich fiel ihnen auf, wie sehr sie es vermisst hatten. Auch wenn es schwierig ist, zu verallgemeinern (insbesondere, wenn man in New York City lebt, wo Menschen – mit Polar-Kluft ausgestattet, wenn es sein muss – selbst bei den rauesten Wetterbedingungen zu Fuß gehen), scheint es eine gewisse Nostalgie im Zusammenhang mit Gehen zu geben; ein Gefühl, welches durch einen begehbare Städte bejubelnden Medien-Diskurs verstärkt wird.

Amerikaner scheinen langsam die Kunst des Gehens wiederzuentdecken, selbst wenn viele sie immer noch als altmodisch betrachten. US-Städte investieren zunehmend in neue, nur für Fußgänger ausgelegte Bereiche und öffentlich zugängliche Außengelände, denn Menschen auf den Straßen bringen Leben in die Stadt. Pedometer (Schritt-Zähler) in zahlreichen Varianten, inklusive Handy-Apps, sind sehr beliebt. Gehen wird als die neue Freiheit vermarktet und als gesunder Lebensstil – im Gegensatz zu der Drive-Through-Autokultur des Bluthochdrucks und der Fettleibigkeit.

Gehen ist gesund, befreiend und es macht glücklich. Es ist ebenso ein Faktor, der zur Attraktivität und Anziehungskraft von Städten beiträgt. Erhebungen zeigen, dass mehr und mehr Amerikaner sich entscheiden, ihre vorstädtischen Zufluchtsorte zu verlassen und in die Stadt zu ziehen – Begehbarkeit scheint dabei ein wichtiger Einflussfaktor zu sein. Die Huffington Post veröffentlichte eine Top Ten der begehbarsten Städte in den USA und pries Gehen als einen modernen, gesunden und nachhaltigen Lebensstil.

5.
Vor allem aber ist Gehen intellektuell stimulierend und befördert Kreativität, denn es lässt einen Dinge sehen, die aus dem Inneren eines Autos nicht sichtbar sind. Sich frei bewegende Individuen sind Anderen ausgesetzt, wenn sie aneinander vorbeigehen oder den gleichen U-Bahn-Waggon betreten. Ich erinnere mich daran, dass einer meiner amerikanischen Kollegen erstaunt war angesichts der Bandbreite an Eindrücken, denen er sich als Fußgänger in Berlin ausgesetzt fühlte.

Er begann, einen Blog zu schreiben und fühlte sich durch die Bewegung und die zufälligen Begegnungen und Bekanntschaften inspiriert – wie zahlreiche Generationen von Flaneuren, Straßen-Fotografen und anderen Künstlern vor ihm, die kreative Energie erlangten, indem sie in die städtischen Menschenmengen eintauchten. Er erzählte mir kürzlich, dass sich seit diesem Erlebnis sein tägliches Pendeln per Auto in den USA extrem einsam anfühlt. Gehen ist eine partizipatorische urbane Aktivität, die Menschen enger mit den Städten zusammenbringt, in denen sie wohnen. Es macht sie empfindsamer für Distanzen und alle anderen Reizungen. Menschenmengen sind notwenig, um den urbanen Raum so zu gestalten, dass er auch für anonyme Beobachter – die Nachfolger der modernen Künstler-Zuschauern – offen und zugänglich wird. Sie schützen sie davor, als verrückt betrachtet zu werden – wie es im Falle des Autors Robert Walser geschah. In den 1920-er Jahren machte Walser lange Spaziergänge in der kleinen und alles andere als anonymen schweizerischen Stadt Biel, wo er derjenige war, der von anderen beobachtet wurde. Da sein Gehen als planlos galt und seine Absichten unklar waren, empfanden viele Beobachter sein Verhalten als wahnsinnig.

Die Wiederentdeckung des Gehens in den USA erscheint mir in vielen Aspekten als eine Frage des Mutes – es zu praktizieren erfordert Entschlossenheit, gegen die Strukturen der Auto-zentrierten Stadt zu laufen. Es bedeutet auch, seine zweite Haut abzulegen und sie in der Garage oder der Auffahrt zurückzulassen und, sich ein wenig nackter und freier fühlend, die Welt auf den Füßen zu betreten und sie mit jedem Schritt zu fühlen.

Übersetzung aus dem Englischen.

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