„Den USA droht ihre Leuchtturmfunktion verloren zu gehen!“

Die Spaltung Amerikas nimmt unter Präsident Trump zu. Jan Philipp Burgard bringt als USA-Korrespondent der ARD den deutschen Haushalten die Situation vor Ort ein Stück näher. Sein Blick auf das Land hat sich seit Trumps Präsidentschaft verändert.

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In Ihrem neuen Buch „Ausgeträumt, Amerika?“ stellen Sie die Frage, ob es den American Dream noch gibt. Welche Antwort finden Sie?

Burgard: „Ich habe sie tatsächlich immer noch erlebt, diese Geschichten vom amerikanischen Traum, der sich erfüllt. Zum Beispiel durfte ich die Nordkoreanerin Jinhye Scho kennen lernen, die in ihrer Heimat in Haft saß und sogar gefoltert wurde. Doch ein amerikanischer Pastor kaufte sie frei. Heute betreibt sie in der Nähe von Washington ein erfolgreiches Pflege-Unternehmen. Aber die Statistiken zeigen, dass solche Geschichten seltener werden. Laut einer Umfrage denkt nur noch ein gutes Drittel der US-Bevölkerung, dass sich ihr amerikanischer Traum erfüllt hat. Darunter sind deutlich mehr Menschen mit Hochschulabschluss, als Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen. Und die Chance, eine Universität zu besuchen, ist für Kinder von afroamerikanischen Mittelklasse-Familien deutlich niedriger ist als für weiße Kinder. Auch hier zeigt sich also die Spaltung des Landes, die sich unter Trump noch verschärft.“

Donald Trump hatte im Wahlkampf versprochen, eben jenen zu erneuern. Was versteht Trump selbst unter dem amerikanischen Traum?

„In einer Rede hat Trump den amerikanischen Traum als „Freiheit, Wohlstand, Frieden und Gerechtigkeit für alle“ definiert. Ein krasser Widerspruch zu seiner Einwanderungspolitik. Und auch Trumps große Steuerreform dürfte nicht Wohlstand für alle bringen, sondern dazu führen, dass die Reichen weiterhin reicher werden und die Armen ärmer.“

Regelmäßig bringen Sie als USA-Korrespondent der ARD den deutschen Haushalten die Situation in Amerika ein Stück näher. Ist Ihnen dabei die USA selbst fremder geworden?

„Mein Blick auf Amerika ist realistischer geworden. Als ich 2008 erstmals hier arbeitete, beobachtete ich den Aufstieg des jungen Außenseiter-Kandidaten Barack Obama zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA. Diese ultimative Erfüllung des amerikanischen Traums prägte mein Bild von den USA. Nun muss ich erkennen, dass das Thema Rassismus durch die Präsidentschaft Obamas nicht verschwunden ist, sondern wieder hochkocht. Für mich neu entdeckt habe ich die USA auch als ein Land unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Während die Visionäre im Silicon Valley die Eroberung des Mars planen, hoffen die Hillbillys in West Virginia auf eine Rückkehr in die gute alte Zeit der 1950er Jahre. So entstand die Sehnsucht der Massen nach einem krachenden Bruch mit dem Establishment. Darin hat der Außenseiter Donald Trump instinktsicher seine Chance erkannt.“

Sie sagen, Trump sei nicht die Ursache für Spaltung, er bringe sie nur zum Ausdruck: Er erfülle die lang dagewesene Sehnsucht der Massen nach einem Bruch. Was kann Einigung bringen?

„Der US-Präsident hat die Macht des Wortes, er könnte eine Botschaft der Versöhnung senden. Doch statt die Ängste seiner Bürger zu lindern, schürt Trump sie und transformiert sie in Wut. Während Trump irritierend lange keine Worte fand, um die rechtsextremen Gewalttaten mit einem Todesopfer in Charlottesville zu verurteilen, beschimpfte er wenig später einige afroamerikanische Footballspieler wörtlich als „Hurensöhne“. Sie hatten sich aus Protest gegen Polizeigewalt gegen schwarze Amerikaner während der Nationalhymne hingekniet, statt mit der Hand auf dem Herzen zu stehen. Statt an der Einigung der Gesellschaft zu arbeiten, gießt Trump immer wieder Öl ins Feuer.“

Amerika muss nicht nur sich selbst finden, sondern auch seine Rolle in der Welt. Dabei bewegt sich Trump zwischen Strafzöllen, Rückzug aus UNESCO, Pariser Klimaabkommen und dem Abwurf der „Mutter aller Bomben“ in Afghanistan. Wie wichtig ist es für die Weltgemeinschaft, dass die USA ihre Spaltung überwinden?

„Der Rückzug Amerikas von seiner Rolle als „Weltpolizist“ hatte schon unter Obama begonnen. Trump hat diese Entwicklung um ein Vielfaches beschleunigt und stellt darüber hinaus Formen der internationalen Zusammenarbeit in Frage, die wir als Naturgesetz empfanden. Als Europäer sollten wir nicht darauf warten, dass die USA ihre Spaltung überwinden, sondern an unserer eigenen Unabhängigkeit arbeiten. Das gilt insbesondere für eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik.“

Der 45. US-Präsident hat die politische Kommunikation radikal verändert. Kein Präsident hat die Presse je zuvor so scharf angegriffen. Was bedeutet das für Sie als Journalisten?

„Wir bekommen diese Angriffe am eigenen Leib zu spüren. Bei einer Veranstaltung in Kentucky wetterte Trump vor 20.000 Anhängern immer wieder gegen die „Fake News“ und zeigte auf uns Journalisten, wir standen gemeinsam in einem abgesperrten Pressebereich. Ich fühlte, wie in der Halle der Hass gegen uns stieg. Ein junger Mann schaute mich zunächst nur provokant an. Nachdem Trump länger gegen die Medien gepoltert hatte, streckte mir der junge Mann eine Faust entgegen. Ein US-Kollege erzählte, ihm habe jemand ein Hakenkreuz auf den Laptop geschmiert. Und in Kentucky fragte ich einen Teilnehmer nach Trumps Nähe zu Russland. Ein Land, in dem die Pressefreiheit wenig gilt und in dem Journalisten erschossen werden. Das Gespräch war kurz und endete mit seiner Aussage: „Solche wie dich sollte man auch erschießen“.“

Es herrscht die paradoxe Situation vor, dass Befürworter Trumps unter dessen politischen Forderungen leiden würden. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch und wie reagieren die Menschen darauf angesprochen?

„Tatsächlich würden viele einkommensschwache Anhänger Trumps zum Beispiel unter dessen geplanten Einschnitten im Gesundheitssystem leiden. Doch die Fakten werden oft einfach ausgeblendet. Alles wird von dem Gefühl überstrahlt, dass Trump ihr „Anwalt“ ist. Millionen Amerikaner haben sich lange von der Politik verraten, vergessen und verachtet gefühlt. Sie erleben Trump als Kämpfer für ihre Interessen. Ironischer Weise ist ausgerechnet ein Milliardär, der schon in eine goldene Blase hineingeboren wurde, zum Sprachrohr jener „Abgehängten“ geworden.“

In den USA drängt die Frage: „Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?“ und „Was bedeutet es, Amerikaner zu sein“? Was passiert, wenn sich darauf keine miteinander vereinbaren Antworten mehr finden?

„Den USA droht ihre Leuchtturmfunktion als Vorbild für Demokratie verloren zu gehen. Die strahlende Idee Amerikas als „Schmelztiegel der Kulturen“ könnte verblassen. Das würde übrigens auch der US-Wirtschaft schaden, als deren Vorkämpfer Trump sich ja versteht. Im Silicon Valley bin ich klugen Köpfen begegnet, die aus dem Ausland in die USA gekommen waren, um mit ihrem Talent zur Innovationskraft Amerikas beizutragen – und die das Land wieder verlassen haben, weil sie sich unter Trump nicht mehr willkommen fühlten.“

Sie sagen: Die wechselvolle Geschichte der USA, die sich auch nach Traumata wie der Watergate-Affäre neu zu erfinden wusste, gibt Anlass zum Optimismus. Wenn Sie eine Prognose wagen müssten – wie geht es nach Trump weiter?

„Die US-Gesellschaft hat immer wieder ihre Selbstheilungskräfte unter Beweis gestellt. Präsidenten kommen und gehen. Amerika hat Richard Nixon überstanden, nach George W. Bush kam Barack Obama. Das Pendel wird wieder zurückschwingen. Auch wenn er gerade auf eine harte Probe gestellt wird – der amerikanische Traum wird lebendig bleiben.“

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