Beruf: Weltschmerzpoet

Nachdenklich, intellektuell, mit Sinn für die Kunst: So sieht sich der Hipster gerne. Selbstironisch marschiert er zum Takt seiner eigenen Musik.

Wenn ein Mensch nicht Schritt mit seinen Mitmenschen hält, so kommt das vielleicht daher, weil er eine andere Trommel hört. Er soll nach dem Takt der Musik marschieren, die ihm ertönt, einerlei aus welcher Ferne. Es ist durchaus nicht wichtig, dass der Mensch so schnell reif wird wie ein Apfelbaum oder eine Eiche. Soll er seinen Frühling in Sommer wandeln?

Wenn jener Zustand, für den wir geschaffen wurden, noch nicht erreicht ist, wie könnte uns da irgendeine Wirklichkeit Ersatz bieten! Wir wollen nicht an irgendeiner falschen Wirklichkeit Schiffbruch leiden. Sollen wir mühsam über uns einen Himmel aus blauem Glas errichten, wenn wir hernach trotzdem zu jenem wahren Ätherhimmel hoch dort oben immer noch emporblicken, als ob der andere nicht vorhanden wäre?

Ein vollkommenes Werk der Zeit

In der Stadt Kouroo lebte vor Zeiten ein Künstler, der den Drang nach Vollendung in sich fühlte. Eines Tages dachte er bei sich: Ich will einen Stab machen. Da er bereits darüber im Klaren war, dass bei einem unvollkommenen Werk die Zeit einen Bestandteil bildet, dass aber in ein vollkommenes Werk die Zeit nicht eindringt, so sprach er also zu sich selbst: Der Stab soll in jeder Hinsicht vollendet werden, und wenn ich mein ganzes Leben dazu verwenden sollte.

Er ging sogleich in den Wald, da er fest entschlossen war, den Stab nicht aus ungeeignetem Material herzustellen. Und während er suchte, einen Stock nach dem anderen als untauglich verwarf, verließen ihn allmählich seine alten Freunde, denn älter wurden sie bei ihrer Arbeit und starben. Er aber alterte nicht um einen Augenblick. Die Einfalt seines Vorhabens und seines Entschlusses und seine erhabene Frömmigkeit verliehen ihm gegen sein Wissen ewige Jugend.

Da er mit der Zeit kein Abkommen­ getroffen hatte, ging die Zeit ihm aus dem Wege und seufzte von fern, weil sie ihn nicht besiegen konnte. Ehe er einen Stab gefunden hatte, der ihm in jeder Weise zusagte, war die Stadt Kouroo bereits zur moosbewachsenen Ruine geworden. Auf einen ihrer Trümmerhaufen setzte er sich nieder, um den Stab abzuschälen. Noch bevor er ihm die gewünschte Form gegeben hatte, war das Herrscherhaus der Kandahare ausgestorben. Er aber schrieb mit des Stabes Spitze den Namen des letzten Königs aus diesem Geschlecht in den Sand.

Dann setzte er seine Arbeit fort. Als er den Stab gesäubert und geglättet hatte, war Kalpa nicht mehr der Polarstern. Und ehe er den Stab beschlagen und seinen Griff mit kostbaren Steinen verziert hatte, war Brahma viele Male entschlummert und wieder erwacht. Doch wozu soll ich bei diesen Dingen verweilen?

Als er die letzte Hand an sein Werk gelegt hatte, dehnte es sich plötzlich vor den Augen des erstaunten Künstlers aus und ward zu Brahmas herrlichster Schöpfung. Eine neue Weltordnung hatte er geschaffen, indem er den Stab bearbeitete, eine Welt des schönsten Ebenmaßes, in welcher schönere und glorreichere Städte und Herrscherhäuser­ die alten entschwundenen ersetzten. Und jetzt sah er an dem Haufen der Späne, die zu seinen Füßen lagen, dass bislang das Verrinnen der Zeit eine Täuschung gewesen sei, dass nicht mehr Zeit vergangen war, als ein Funke gebraucht, um von Brahmas Gehirn herabzufallen und den Zunder des Menschengehirns in Brand zu setzen … Das Material war rein und seine Kunst war rein. Wie konnte das Resultat anders sein als wundervoll? […]

Nahrung für die Seele

Wie niedrig auch Dein Leben sein mag: heiße es willkommen und lebe es. Meide es nicht und schimpfe nicht darauf. Es ist nicht so schlecht wie du. Es sieht am ärmsten aus, wenn du am reichsten­ bist. Wer immer tadelt, wird auch am ­Paradies etwas auszusetzen haben. Liebe dein Leben, so arm es auch ist. Du kannst vielleicht erfreuliche herrliche, ja feierliche Stunden erleben, selbst in einem Armenhause. Die Fenster des Armenhauses und die in des Reichen Palast strahlen gleich hell die sinkende Sonne zurück. Vor des reichen Mannes Tür schmilzt der Schnee im Frühling zur selben Zeit.

Ich verstehe nicht, warum ein zufriedenes Gemüt hier nicht gerade so zufrieden leben, ­gerade so fröhliche Gedanken haben kann, wie in einem Palast. Die Stadtarmen scheinen oft das unabhängigste Leben von allen zu führen. Vielleicht sind sie gerade stolz genug, um ohne Bedenken annehmen zu können. Die meisten sind der Ansicht, es sei unter ihrer Würde, von der Stadt unterstützt zu werden. Häufiger aber halten sie es nicht für unwürdig, sich selbst durch unehrliche Mittel zu unterhalten – und das sollte man denn doch als das Gemeinere ansehen.

Pflege die Armut wie eine Gartenpflanze, wie Salbei. Sei nicht so sehr darauf bedacht, dir neue Sachen anzuschaffen, weder Kleider noch Freunde. Wende die alten! Kehre zu ihnen zurück! Die Dinge ändern sich nicht – wir ändern uns. Verkaufe deine Kleider und behalte deine Gedanken.­ Gott wird schon dafür sorgen, dass es dir an Gesellschaft nicht mangelt. Wenn ich wie eine Spinne mein ganzes Leben lang auf einen Winkel der Bodenkammer angewiesen wäre, dann würde die Welt für mich gerade so groß sein, solange ich meine Gedanken beisammenhielte.

Der Philosoph sagt: „Einer drei Divisionen ­starken Armee kann man den General nehmen und sie dadurch in Verwirrung bringen. Dem verworfensten, gewöhnlichsten Menschen kann man seine Gedanken nicht nehmen.“ Strebe nicht so ängstlich darnach, dich zu entwickeln und ­vielen Einflüssen zu unterwerfen, die doch nur ihr Spiel mit dir treiben – das ist alles Verschwendung. Demut enthüllt wie Dunkelheit himmlisches Licht. Die Schatten der Armut und der Niedrigkeit ziehen sich um uns zusammen und siehe da! – die Schöpfung dehnt sich vor unseren Blicken aus.

Historischer Textauszug aus „Walden. oder das Leben ­in den Wäldern“ (1854)

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