Vom Zauber des Rauchens

Bevor man ins Gras beißt, sollte man es einmal rauchen. Nicht Marihuana ist gemeint, sondern die normale Zigarette. Es gibt gute Grunde hierfür. Nichtraucher zu sein, ist gesund, keine Frage. Genauso wenig schränkt dies das Wohlbefinden ein, im Gegenteil. Aber gelegentliche Sünden sind es einfach, die besser sind als jede Tugend.

Ein katholischer Geistlicher, der 51 Wochen im Jahr zölibatär lebt, hat womöglich im Urlaub intensivere Erlebnisse als die Schäflein, die er gewöhnlich vermählt.

Ob nun als Liebe zu einem heimlichen Partner oder zum alten Laster: es ist ein höheres Gesetz, gelegentlich rückfällig zu werden, um eine Textzeile des Songs One von U2 zu zitieren: „Love is a higher law.“. Oder ein tieferes Recht. Gesundheit und Tugendhaftigkeit mögen das eine sein, Langeweile ist das andere. Rheinischer Katholizismus hingegen umgeht diese durch systematisches Pfuschen und konsequente Ungenauigkeit. Wer einmal im Jahr bei außergewöhnlichen Anlässen wirklich raucht, nicht pafft, sondern seine Lunge penetriert – und seien es genauso viele Zigaretten, wie Jesus Aposteln hatte – wird es nicht bereuen.

You gotta say yes to another excess.

Ansonsten ist Maß zu halten: die einzige Möglichkeit, dem Rauchen das Zauberhafte zu bewahren. Der Thrill liegt in den Monaten dazwischen darin, unbedingt diszipliniert zu verzichten. Nichtraucher zu sein ist nur dann schön, wenn man den nächsten Zug herbeisehnt, aber so, dass es nicht krankhafte Züge annimmt, was ein ständiger Drahtseilakt ist: höchste Disziplin ist nicht das Nichtrauchen, sondern das genussvolle gelegentliche Exzessiv-Rauchen. Somit hat ein Sünder permanent Adventszeit, um sich heidnischer Sinnlichkeit entgegenzusehnen.

Schwach werden sollte man aber nicht wie ein analfixierter Calvinist nach Schweizer Uhrwerk. Für den rheinischen Katholiken endet die Adventszeit nicht an einem festen Datum, sondern im Kreise angenehmer Gesprächspartner, die idealerweise so verführerisch rauchen, dass die Aufgabe Freude bereitet: sweet surrender. Hierzu zählt es, möglichst lange zu widerstehen, um dann umso genussvoller, weil eruptiver schwach zu werden.

Sinnliche Qualität besitzen selbstgedrehte Zigaretten, zwar ökonomisch günstiger, aber von der Zubereitung bis zum Zerquetschen im Becher erotischer aufgeladen als standardisierte. Es hängt außerdem sehr davon ab, wer einem die Zigarette andreht.

Was nun am Rauchen nach Enthaltsamkeit so besonders ist, lässt sich an 3 Songs nachempfinden, für all jene Leser geeignet, denen der Mut zum Selbstversuch – noch – fehlt.

Erstens seien G-Funk im Allgemeinen und Dr. Dres Nuthin but a G thang sowie Still D.R.E genannt, beides dezidiert Kiffersongs, die aber auch den Flow einer normalen Zigarette ästhetisch greifbar machen können. Die Keyboard- und Synthesizer-Arrangements wirken bei Dre einerseits kalt und enervierend billig, aber andererseits reizen sie durch ihre exotische Kraft und Feinheit. Gaumen und Nase werden anders als beim Genuss von Wein und Brot beziehungsweise Düften nicht nacheinander oder getrennt, sondern gleichzeitig stimuliert. Es nervt auf eine angenehme Art.

Nur wer schockartig überrascht wird, kann den Geschmack – nicht Geruch – in der Nase nachempfinden, der sich in den Raucher ergießt, sobald er nach Monaten erstmals wieder rückfällig wird: ein erhebend beklemmendes Gefühl. Für diesen Geschmack im Mund hat David Carradine sein Leben gegeben. Im Gegensatz zum Lust steigernden Selbststrangulieren, wie es der Schauspieler offensichtlich irrtümlich vollzog, lebt der Raucher allerdings in dosierter, also nicht abrupter Lebensgefahr.

Der Schock des Chokes entfaltet also größere Wirkung, wenn man ihn dosiert. Gewohnheit lässt abstumpfen. Man frage den oben erwähnten katholischen Geistlichen nach der Intensität seiner Empfindung durch Verknappung. Ebenso entfaltet Dr.Dres Nuthin but a thang auch eher für den Brahms-Hörer seine brachiale Wucht und subtil schmutzige Schönheit wie die einer aparten Frau mit nicht ganz sauberen Fingernägeln.

Als zweites Lied verkörpere Rammsteins Die Sonne die Wirkung der ersten Züge nach Monaten im restlichen Körper. Die Vertreter der Neuen Deutschen Härte wollten im Jahr 2001 den damals aufstrebenden Klitschkos ihren Song als Walk-in-Musik vermitteln. „Legt sich schmerzend auf die Brust, das Gleichgewicht wird zum Verlust, lässt Dich hart zu Boden gehen, und die Welt zählt laut bis 10. Hier kommt die Sonne, sie ist der hellste Stern von allen und wird nie vom Himmel fallen“.

Das ist es. Ein Choke wirkt schneller als ein Schluck stärksten Alkohols und führt zu nervlicher Taubheit in den Beinen, dass sie kurzzeitig so kalt werden wie die billigen Synthie-Riffs bei Dr. Dre. Wunderschön und beängstigend.

Spätestens hier wird man die sich so etwas antun für pervers halten. Weit gefehlt. Die Benommenheit lässt den Entwöhnten Sterne sehen: die Sonne, von der Rammstein singt und die die Klitschkos ihren Gegnern durch die Ohnmacht des Knockouts bescheren. Wunderbarer Kontrollverlust in Dosierung – das legal für 6,20 Euro an jedem Kiosk zu beziehen, ohne eine gebrochene Nase zu riskieren.
Letztlich sei Depeche Modes Never let me down again erwähnt. Ebenso wie in Dres Songs spielen Synthesizer eine zentrale Rolle, allerdings britisch weiße, schrammelig rotierende, die nebulös aufstreben und romantisch herumeiern wie ein Betrunkener nach einer Flasche Rotwein. Es ist die ultimative Suchthymne, die Anton Corbijn in seinem Video mit gekörnten Bildern untermalt; sie erinnern an Gerhard Richters Abmalungen. Wer zu wenig Sauerstoff im Hirn hat, sieht ebenso körnig.

„I´m taking a ride with my best friend, I hope he never lets me down again, he knows where he´s taking me, taking me where I want to be.“. Ist der Freund, der sich verflüchtigt, ein Heiliger Geist? Das Ausatmen des Rauchs, besonders in der Kälte eines Abends hat etwas Schwärmerisches, es verstärkt den Geschmack im Mund. Allein macht dies keinen Spaß, es besitzt beinahe spirituelle Kraft. Den Kult kann man allerdings nicht mit jedermann zelebrieren. Es ist eine dunkle Feier, morbide romantisch wie ein DM-Konzert.

Dank sei Nora Bossong dafür, mich rückfällig gemacht zu haben. Wer dieses Gefühl nicht kennt, hat etwas verpasst.

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