Der Club der hippen Dichter

Wer Hornbrille trägt, Proust zitiert und nur schwedische Bands ohne Plattenvertrag hört, zeigt: Ich bin Avantgarde! Noch das lächerlichste Gehabe erfüllt einen ernsthaften sozialen Zweck – selbst wenn am Ende der Führende der Geführte ist.

Mode ist die Nachahmung eines gegebenen Musters und genügt damit dem Bedürfnis nach sozialer Anlehnung, sie führt den Einzelnen auf die Bahn, die alle geben, sie gibt ein Allgemeines, das das Verhalten jedes Einzelnen zu einem bloßen Beispiel macht.

Nicht weniger aber befriedigt sie das Unterschiedsbedürfnis, die Tendenz zur Differenzierung, Abwechslung, Sich-Abheben. Und dies Letztere gelingt ihr einerseits durch den Wechsel der Inhalte, der die Mode von heute individuell prägt ­gegenüber der von gestern und von morgen. Es ­gelingt ihr noch energischer dadurch, dass Moden immer Klassenmoden sind, dass die Moden der höheren Schicht sich von der der tieferen unterscheiden und in dem Augenblick verlassen werden, in dem diese Letztere sie sich anzueignen beginnt. So ist die Mode nichts anderes als eine besondere unter den vielen Lebensformen, durch die man die Tendenz nach sozialer Egalisierung mit der nach individueller Verschiedenheit und Abwechslung in einem einheitlichen Tun zusammenführt.

Keine Spur von Zweckmäßigkeit

Fragt man die Geschichte der Moden, die bisher­ nur auf die Entwicklung ihrer Inhalte untersucht worden ist, nach ihrer Bedeutung für die Form des ­gesellschaftlichen Prozesses, so ist sie die Geschichte der Versuche, die Befriedigung ­dieser beiden Gegentendenzen immer vollkommener­ dem Stande der ­jeweiligen individuellen und gesellschaftlichen Kultur anzupassen. In dieses Grundwesen der Mode ordnen sich die einzelnen psychologischen Züge ein, die wir an ihr beobachten.

Sie ist, wie ich sagte, ein Produkt klassenmäßiger Scheidung und verhält sich so wie eine Anzahl anderer Gebilde, vor allem wie die Ehre, deren Doppelfunktion es ist, einen Kreis in sich zusammen- und ihn zugleich von anderen abzuschließen. Wie der Rahmen eines Bildes das Kunstwerk als ein einheitliches, in sich zusammengehöriges, als eine Welt für sich charakterisiert und ­zugleich, nach außen wirkend, alle Beziehungen zu der räumlichen Umgebung abschneidet; wie die einheitliche Energie solcher Gebilde für uns nicht anders ­ausdrückbar ist, als indem wir sie in die Doppelwirkung nach innen und nach außen zerlegen – so zieht die Ehre ihren Charakter und vor allem ihre sittlichen Rechte – Rechte, die sehr häufig von dem Standpunkt der außerhalb der Klasse Stehenden als Unrecht empfunden werden – daraus, dass der ­Einzelne, in seiner Ehre eben zugleich die ­seines sozialen Kreises, seines Standes, darstellt und bewahrt.

So bedeutet die Mode einerseits den Anschluss an die Gleichgestellten, die Einheit eines durch sie charakterisierten Kreises, und eben damit den ­Abschluss dieser Gruppe gegen die tiefer Stehenden, die Charakterisierung dieser als nicht zu jener gehörig. Verbinden und unterscheiden sind die beiden Grundfunktionen, die sich hier untrennbar vereinigen, von denen eines, obgleich oder weil es den logischen Gegensatz zu dem andern bildet, die Bedingung seiner Verwirklichung ist.

Dass die Mode so ein bloßes Erzeugnis sozialer oder auch formal psychologischer Bedürfnisse ist, wird vielleicht durch nichts stärker erwiesen als ­dadurch, dass in sachlicher, ästhetischer oder sonstiger Zweckmäßigkeitsbeziehung unzählige Male nicht der geringste Grund für ihre Gestaltungen auffindbar ist. Während im Allgemeinen z. B. ­unsere Kleidung unsern Bedürfnissen sachlich angepasst ist, waltet keine Spur von Zweckmäßigkeit in den Entscheidungen, durch die die Mode sie formt: ob weite oder enge Röcke, spitze oder breite Frisuren, bunte oder schwarze Krawatten getragen werden. So hässliche und widrige Dinge sind manchmal modern, als wollte die Mode ihre Macht gerade dadurch zeigen, dass wir ihretwegen das Abscheulichste auf uns nehmen.

Gerade die Zufälligkeit, mit der sie einmal das Zweckmäßige, ein andermal das Abstruse, ein drittes Mal das Sachliche und Ästhetische ganz anbefiehlt, zeigt sie ihre völlige Gleichgültigkeit gegen die sachlichen Normen des Lebens, womit sie eben auf andere Motivierungen, nämlich die typisch-sozialen als die einzig übrigbleibenden hinweist. […]

Niemals von Allen erfüllte Normen

Die Mode [ist] der eigentliche Tummelplatz für Individuen, welche innerlich unselbstständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderheit bedarf. Es ist schließlich dieselbe Konstellation, aus der diejenigen, von allen nachgesprochenen Banalitäten das größte Glück machen, deren Nachsprechen jedem dennoch das Gefühl gibt, eine ganz besondere, ihn über die Masse erhebende Klugheit zu ­äußern – also die Banalitäten kritischer, pessimistischer, paradoxer Art.

Die Mode erhebt den Unbedeutenden dadurch, dass sie ihn zum Repräsentanten einer Gesamtheit, zur besonderen Verkörperung eines Gesamtgeistes macht. Ihr ist es eigen – weil sie ihrem Begriffe nach nur eine niemals von allen erfüllte Norm sein kann –, dass sie einen sozialen Gehorsam ermöglicht, der zugleich individuelle Differenzierung ist.

In dem Modenarren erscheinen die gesellschaftlichen Forderungen der Mode auf eine Höhe gesteigert, auf der sie völlig den Anschein des ­Individualistischen und Besonderen annehmen. Ihn bezeichnet es, dass er die Tendenz der Mode über das sonst innegehaltene Maß hinaustreibt: wenn spitze Schuhe Mode sind, lässt er die seinigen in Lanzenspitzen münden, wenn hohe Kragen Mode sind, trägt er sie bis zu den Ohren, wenn es Mode ist, wissenschaftliche Vorträge zu hören, so ist er überhaupt nirgends anders mehr zu finden, usw.

So stellt er ein ganz Individuelles vor, das in der quantitativen Steigerung solcher Elemente besteht, die ihrer Qualität nach eben Gemeingut des betreffenden Kreises sind. Er geht den andern voran – aber genau auf ihrem Wege. Indem es die letzterreichten Spitzen des öffentlichen Geschmackes sind, die er darstellt, scheint er an der Tête der Gesamtheit zu marschieren. In Wirklichkeit aber gilt von ihm, was unzählige Male für das Verhältnis zwischen Einzelnen und Gruppen gilt: dass der Führende im Grunde der Geführte ist.

Historischer Textauszug aus „Philosophie der Mode“ (1904)

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