Ich bin in einer wehrhaften Demokratie aufgewachsen

Wenn ich zurückblickend feststellen kann, dass auch die Generationen nach mir in einer stabilen und wehrhaften Demokratie aufgewachsen sind und sie diese nach wie vor für das politische System halten, das am ehesten Gerechtigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung garantiert, dann habe ich alles richtig gemacht.

Herr Fahrenschon, die erste Frage an die „Gesichter der Demokratie“ lautet stets: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Mein Vater wurde 1923 geboren und gegen seinen Willen Soldat und hat den Krieg überlebt. Meine Mutter wurde aus dem Sudetenland vertrieben. Ich kandidierte als 21-jähriger für den Gemeinderat meiner Heimatgemeinde Neuried und wurde später auch zum Mitglied des Kreistags des Landkreises München gewählt. Ab 2002 gehörte ich für fünf Jahre dem Deutschen Bundestag an bevor ich im Jahr 2007 zum Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen ernannt wurde. Im Oktober 2008 bekleidete ich das Amt des Finanzministers des Freistaats Bayern. Von 2011 bis 2012 war ich zudem Mitglied des Landtags. Zusammengefasst habe ich in meinem Leben also das gesamte Innenleben unserer Demokratie kennen gelernt – mit Ausnahme des Europäischen Parlaments. Ich bin nicht nur ein zutiefst politischer Mensch, sondern auch mit jeder Faser Demokrat. Deswegen vermittle ich diese Werte auch mit voller Überzeugung den nachfolgenden Generationen, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern, und lebe diese auch im Berufsleben Tag für Tag.

Auf der Internetseite der Sparkasse ist zu lesen: „Wahlen gehören zur Demokratie wie das S zur Sparkasse.“ Was verbindet die Sparkasse mit der Demokratie?

Die Sparkassen-Finanzgruppe ist bis in die Knochen dezentral und basisdemokratisch organisiert! Wir sind quasi das Spiegelbild der gesamten Bundesrepublik, weil unser Aufbau den Strukturen des ganzen Landes entspricht. Zwölf Regionalverbände, sieben Landesbankkonzerne und die DekaBank. Alles sachgerecht austariert und paritätisch besetzt. Die Verwaltungsräte der 390 deutschen Sparkassen sind auf breiter Basis direkt demokratisch legitimiert: Das sind vor allem die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, Oberbürgermeister und Oberbürgermeisterinnen sowie Landräte und Landrätinnen, die sich regelmäßig dem Votum ihrer Bürger stellen müssen. Das mag uns auf den ersten Blick komplizierter als unsere privaten Mitbewerber machen. Aber es ist auf jeden Fall demokratisch und das ziemliche Gegenteil von den oft zitierten immer gleichen Aufsichtsräten der so genannten „Deutschland AG“.

Der EU-Binnenmarkt ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt: Wie bewerten Sie den Wunsch einzelner Regierungen oder Parteien nach mehr nationaler Autonomie oder gar einem EU-Austritt?

Der langjährige Bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß hat einmal den Dreiklang gebildet: „Bayern ist meine Heimat, Deutschland mein Vaterland und Europa meine Zukunft“. Dieser Satz ist nicht nur zeitlos, er hat sogar für mich heute mehr Bedeutung als jemals zuvor. Und wenn Stimmenfänger vom äußerst rechten oder linken Rand des politischen Spektrums den Menschen vorgaukeln, dass Deutschland Europa nicht brauche oder möglicherweise sogar stärker sei ohne die EU, muss man dem entschieden entgegen treten: Europa ist keine einfache Konstruktion. Aber es gibt eben keine einfachen Antworten auf die vielfältigen und komplexen Herausforderungen unserer Welt. Das ist heute so und das war übrigens auch in den 1930er Jahren nach der Weltwirtschaftskrise so.

Die größten chinesischen Banken haben mehr Kunden als die EU Einwohner hat. Wäre Deutschland als stark exportabhängige Nation auf sich allein gestellt, wäre es ein Fliegengewicht und hätte eine schwache Verhandlungsposition in allen relevanten Fragen des internationalen Handels, des Umweltschutzes, der Rechtsstaatlichkeit und bei den Menschenrechten. Für die Generation von Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Willy Brandt war Europa eine Frage von Krieg und Frieden. Das ist für die Menschen heute nur noch eine abstrakte Gefahr. Heute ist Europa deshalb vor allem eine Frage von Freiheit und Wohlstand. Das müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen und das gilt es zu bewahren. Für das Wohl der nächsten Generationen und als Gegenmodell zu Fatalismus und Unterdrückung.

Laut Bertelsmann-Studie sind Populisten in Deutschland häufig enttäuschte Demokraten, aber keine radikalen Feinde der Demokratie. Also alles nur halb so wild?

Protestbewegungen hat es immer gegeben – und ebenso Parteien, die diese Strömungen aufgesaugt und instrumentalisiert haben. Es ist halt einfacher, auf den Putz zu hauen als die komplizierten Zusammenhänge in Wirtschaft und Gesellschaft zu erklären und gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten. Daher ist es so wichtig, dass die Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft die Menschen auch mitnehmen bei ihren Entscheidungen und gut erklären, warum sie so handeln, wie sie handeln. Und sie müssen dabei verständlich und nahbar bleiben. Sonst verlieren sie die Menschen an diese Stimmenfänger.

Der DSGV möchte mit transparenter Verbandsarbeit eine lebendige Demokratie fördern. Was verstehen Sie unter „transparenter Verbandsarbeit“ und wo liegen die Grenzen der Transparenz?

Das was ich von Managern und Politikern gefordert habe, muss natürlich auch für mich und alle anderen Funktionsträgern in der Sparkassen-Finanzgruppe gelten. Das heißt: Erklären, warum bestimmte Entscheidungen notwendig sind und nachvollziehbar machen, wer was wann und warum entschieden hat. Die Grenzen sehe ich dort, wo die Privatsphäre von Führungskräften und Mitarbeitern tangiert wird. Zum Beispiel in der Frage, ob man die Gehälter von Vorständen personenbezogen offen legen muss.

Herr Fahrenschon, welche beruflichen und privaten Ziele haben Sie sich für die kommenden 20 Jahre gesetzt?

Wenn ich zurückblickend feststellen kann, dass auch die Generationen nach mir in einer stabilen und wehrhaften Demokratie aufgewachsen sind und sie diese nach wie vor für das politische System halten, das am ehesten Gerechtigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung garantiert, dann habe ich alles richtig gemacht. Und wenn es mir während meiner Amtszeit als Sparkassenpräsident gelungen ist, dass die Sparkassen Marktführer bleiben, weil auch im Jahr 2037 Sparkassenkunden vom Geschäftsmodell der Sparkassen überzeugt sind, wäre das für mich persönlich die Sahne auf dem Stück Kuchen!

Vielen Dank für das Interview Herr Fahrenschon!

Georg Fahrenschon ist seit 2011 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) – dem Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe. Zuvor war der 49-jährige gebürtige Münchner Bayerischer Staatsminister der Finanzen. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie (www.faces-of-democracy.org), sprach mit Georg Fahrenschon über wehrhafte Demokratie, Europa als Gegenmodell zu Fatalismus und Unterdrückung und die Notwendigkeit, die Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

Quelle: Gesichter der Demokratie

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