Es geht um die Wurst

Anders als zu Nachkriegszeiten findet für Otto-Normalverbraucher die Lebensmittelwirklichkeit heutzutage im Supermarkt statt, wo alles zu finden ist, was zum Leben nötig ist. Aber ist dort wirklich alles „super“? Es besteht der Verdacht, dass nicht nur niedrigere Preise produziert werden, sondern auch niedrigere Qualitäten. Kartellamt und Verbraucherbehörden helfen fleißig dabei.

Es war vor etwa vier Jahren, als das Bundeskartellamt das „Wurstkartell“ aufgedeckt hatte und ich deshalb als „Kartellrebell“ verschiedene betroffene Firmen besuchte, um für meine kartellfreundliche Auffassung zu werben. Einige der betroffenen Wursthersteller waren neugierig, etwas mehr über die Gründe meiner Ablehnung des Kartellverbots zu erfahren und luden mich ein zum Gespräch. Eines der Gespräche fand im Beisein des Vertriebsleiters statt, als die Sitzung gestört wurde und Letztgenannter wegen eines wichtigen Telefonats herausgerufen wurde. Als er nach wenigen Minuten zurückkam, wurde er vom Geschäftsführer nach dem Inhalt des Telefonats befragt. Seine Antwort, wörtlich: „Das war Lidl. Nächstes Jahr sechs Prozent weniger.“

Was der kurze Satz beschreibt, ist die Realität des Wurstmarktes, ja nicht nur des Wurstmarktes, sondern des gesamten Lebensmittelmarktes. Der Satz beinhaltet, wie die großen Ketten – Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und Co – mit ihren Lieferanten umgehen: Sie diktieren die Preise – wobei so ein Diktat per Telefon noch die harmlose Variante ist. Ein anderer Wursthersteller beschrieb mir die nackte und kalte Kühlschrankatmosphäre der Räumlichkeiten und der Abläufe, mit denen die Hersteller alljährlich zu Konditionengesprächen empfangen werden. Ein Dritter beschrieb die Marktrealität wörtlich so: „Solange nicht ein Pilotauftrag mit Aldi unterzeichnet ist, mit dem der Eckpreis festgelegt ist, wird in der ganzen Branche kein Vertrag unterschrieben.“ Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man sagen: Gut so. Die niedrigeren Preise sind gut für den Verbraucher. Kartellamt und Verbraucherverbände applaudieren in der Tat.

Streichwurst wird’s geben…

Bei realistischer Betrachtung geht aber nicht nur um den Preis, sondern um die Wurst, um die Wurst selbst. Man muss sich nur einmal in die Situation eines Wurstherstellers hineinversetzen, der das Problem hat, dass seine Einnahmen im kommenden Jahr bei gleicher Verkaufsmenge um sechs Prozent sinken. Für den Wursthersteller beginnt ein „Streichkonzert“, das in etwa so abläuft: Jeder Betrieb hat Luxusausgaben, die nicht betriebsnotwendig sind. Dazu gehören Firmenjubiläen, Ausflüge, Fördermaßnahmen für Kunst und Kultur. Die sind als erste dran, gemeinsam mit vermeintlich „überflüssigen“ Positionen im Personal. Dann wird die Struktur der Löhne betrachtet und überlegt, ob man nicht mit Leiharbeitern oder osteuropäischen Saisonarbeitern billiger davon kommen kann. Im Kleinen ist das zwar ein Eingriff in die Sozialstruktur des Unternehmers, wogegen sich der Unternehmer wehrt – mancher wird es nicht glauben – , aber Preisdiktate sind eben unerbittlich.

Und dann geht man an den größten Posten in der Kalkulation, die Materialkosten, also die materielle Zusammensetzung der Wurst. Dabei werden dann Überlegungen angestellt, die der Verbraucher als ekelhaft und befremdlich anprangern würde – wenn sie ihm bekannt wären. Sind sie aber nicht, denn der später vom Händler in der Werbung angepriesene Preisvorteil übertüncht die zuvor vom selben Händler erzwungenen „Schweinereien“ des Herstellers, der sich nicht nur fragt, sondern auch umsetzt: Können wir billigeres Fleisch verwenden? Können wir den Fett- oder Wasseranteil erhöhen? Können wir den Preisdruck an die Großschlachter oder die Viehbauern weitergeben, die ja dann ihrerseits wieder schlechteres Material einsetzen?

In Ihrem Auto bezahlen Sie für Ledersitze extra, oder?

Die realistische Betrachtung enthält eine einfache Erkenntnis: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Preis und der Qualität einer Ware. Wer eine bessere Qualität haben will, der muss einen höheren Preis bezahlen – das gilt für alle Lebensmittel. Und nicht nur für Lebensmittel. Man kann die Erkenntnis verallgemeinern und sagen: Mit wenigen Ausnahmen können alle Produkte nur durch zusätzlichen Arbeitsaufwand und/oder höheren Materialaufwand qualitativ verbessert werden. Genau das geht aber auch nur, wenn der Kunde mehr bezahlt: Eine Lederausstattung im Auto kostet mehr, eine bessere Wärmeisolation eines Hauses kostet mehr, die Reise in schneesichere Höhen kostet mehr, das musikalische Spitzenquartett kostet mehr, das bessere Fleisch eben auch, weil der Metzger keine konservierte Fabrikware liefert, sondern jeden morgen frisch.

Umgekehrt gilt dasselbe: Wer weniger bezahlt, bekommt schlechtere Ware. Das muss bei Preissenkungen oder Preisverfall nicht immer sofort der Fall sein. Die Reaktionsträgheit der Hersteller beträgt je nach Größe ein bis drei Jahre, bis alle Einsparungen im Personaleinsatz, in der Organisation und im Materialeinsatz umgesetzt sind. Auch kann im Zuge der Globalisierung der Märkte manches erst mal aus dem Ausland billiger bezogen werden, also substitutiv reagiert werden, aber gerade bei Lebensmitteln ist dem Grenzen gesetzt. Das Ergebnis ist eindeutig: Am Ende ist der Verbraucher der Verlierer, obwohl Kartellamt und Verbraucherverbände immer wieder ausschließlich den Vorteil für den Verbraucher anpreisen, dabei aber nur den Preisvorteil meinen – der eben keiner ist, weil er immer in einen Qualitätsnachteil umschlägt.

Kartellamt schlägt sich auf die Seite der Händler

Nur wenn sich die Wursthersteller verabreden und zusammenschließen dürften, um den Einkaufsgiganten Aldi, Lidl und Co. die Stirn bieten zu können, wäre der Preisverfall und damit der Qualitätsverlust aufzuhalten. Möglicherweise haben das die dreißig Wursthersteller versucht, um sich gegen die gigantomanen Nachfragemonopolisten Aldi, Lidl und Co zur Wehr zu setzen. Das Ergebnis war, dass sie als Quittung einen überfallartigen „Besuch“ von Staatsanwaltschaft und Bundeskartellamt bekamen, dass Akten und Laptops beschlagnahmt wurden und sehr schnell Kündigungen verdienter Mitarbeiter ausgesprochen wurden. Der Schock saß tief. Einundzwanzig der Hersteller wurden dann von der Behörde mit Kartellbußen von Hunderten von Millionen Euro belegt, die vielen von ihnen den Spaß an der Arbeit und viele Nächte Schlaf geraubt haben. Das Kartellamt und das Kartellrecht verbietet eben derlei Abreden „zum Nachteil des Verbrauchers“ und steht damit auch einseitig auf der Seite der Händler. Der Hersteller, also der, der die eigentliche Arbeit macht, findet kein Verständnis. Und die Qualität der Produkte ebenso wenig.

Welches Verhältnis das Bundeskartellamt zur Qualität von Produkten hat, offenbart ein Erlebnis eines Lebensmittelherstellers, der die Bonner Behörde aufsuchte, um sich beim zuständigen Mitarbeiter für seine etwas höheren Preise zu rechtfertigen. Als er die selektiven, qualitativ hochwertigen und teuren Komponenten seiner Produkte darlegte, wurde er von der Frage seines Gegenübers überrascht: „Warum machen Sie denn so eine hohe Qualität? Ist das nötig?“ Aus den USA – dem Stammland des Kartellverbots – ist zum Thema Produktqualität ein anderen Satz bekannt: „It’s enough for the customer!“ Getoppt wird der noch durch die Antwort einer USA-Touristin, die dort von ihrem ersten Supermarktbesuch zurück kam und vom Ehemann gefragt wurde, warum sie nichts gekauft habe. Antwort: „My Dear, ich habe nichts gefunden, was man essen kann!“

Qualität ist den Kartellwächtern „wurscht“

In diesen Tagen ist am Oberlandesgericht in Düsseldorf der Prozess gegen die letzten drei Hersteller des vermeintlichen Wurstkartells eingeleitet worden. Die anderen haben bezahlt. Nur einer, Wiltmann aus Versmold, hofft letztlich noch auf richterliche Einsicht und will seine Unschuld beweisen. Die anderen haben die kaufmännische Lösung vorgezogen. Ihnen ist der zusätzliche Schaden durch jahrelanges Prozessieren mit ungewissem Ausgang zu hoch. Wohl zurecht, denn Qualität spielt in den Kartellverfahren keine Rolle, immer nur der Preis. Der Grund ist einfach: Im Gegensatz zum Preis ist die Qualität eines Produktes in den meisten Fällen weder messbar noch vergleichbar.

In diesen Tagen hat das Bundeskartellamt außerdem seinen Jahresbericht 2017 vorgelegt. Das Amt meinte darin, sich für die niedrige Summe verhängter Kartellbußen von „nur“ 60 Millionen Euro rechtfertigen zu müssen. Dabei war die behördliche Rechtfertigung gar nicht nötig, denn die deutsche Wirtschaft hat sich angepasst, das kartellrechtliche „Wohlverhalten“ hat sich als Ergebnis der jahrelangen Erziehungsarbeit der Kartellbehörden durchgesetzt. Die Branchen reden untereinander kaum mehr miteinander und lassen auch nicht mehr miteinander reden (echte Redeverbote!). Compliance aller Orten. Das Ergebnis ist nicht ganz so gut, wie’s scheint: Früher sorgten die Wirtschaftsverbände – sämtlichst geborene Kartelle – für gemäßigtere Preiskämpfe und damit für den Erhalt der Qualitäten. Heute sind die Verbände geschrumpft und die Preiskämpfe haben sich durchgesetzt.

Von alledem betroffen ist nicht nur die Fleischbranche, sondern es sind unter anderem auch die der Milch, des Weizens, der Schokoladen, der Biere, des Kaffees, die von Obst und Gemüse und viele andere. Letztlich geht es deshalb für die Lebensmittelhersteller bei den regelmäßigen Verkaufs- und Preisverhandlungen mit Aldi, Lidl und Co immer wieder um die Wurst. Für Aldi, Lidl und Co weniger.

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