Ein Masterplan für den urbanen Raum

Die Union hat bei mehreren gesellschaftlichen Entwicklungen verpasst, diese für sich zu nutzen. Wir müssen zeigen, dass alle Menschen bei uns willkommen sind – egal, woher sie stammen, egal, welche Religion sie praktizieren und egal, wen sie lieben.

Die diffizile Situation der Union in den Städten lässt sich mit der Wiederentdeckung von historischen Rebsorten in Baden-Württemberg beschreiben. Zu Beginn der 80er-Jahre begannen Winzer dort, alte Rebsorten neu zu kultivieren. Eigentlich müssten die Herzen von Unions-Mitgliedern höher geschlagen haben: mehr Tradition und Heimatverbundenheit kann man sich kaum vorstellen.

Aber es kam anders. Mit der Rückbesinnung auf alte Rebsorten begann auch die Individualisierung unserer Gesellschaft. Statt den beliebten Silvaner und Müller-Thurgau der Massenproduktion der 50er- und 60er-Jahre, kamen nun schier nicht enden wollende neue alte Rebsorten, Cuvées und Kompositionen. Endlich konnte man sich im deutschen Bürgertum auf nonchalante Weise abgrenzen und seine Individualität zur Schau stellen. Wer würde schon widersprechen, dass ein Syrah doch ein ganz exquisiter Tropfen sei. Chacun à son goût.

Die Union setzte weiter auf Massenproduktion

Mit der Entdeckung dieser Rebsorten kam zeitgleich – katalysiert durch Tschernobyl – das Interesse am Umweltschutz auf. Wieder so eine Steilvorlage für die Union. Denn die Wahrung der Schöpfung gebietet es, uns für Umwelt- und Tierschutz einzusetzen. Genau hier lag die Chance, dieses urkonservative Thema ein für allemal zu besetzen und die bürgerliche Geschichte fortzuschreiben. Alte Wählerschichten hätten involviert und neue – gerade in den Städten – erschlossen werden können. Dass uns dies nicht in toto geglückt ist, zeigt die Rolle der Grünen heute. Die Union setzte weiter auf Massenproduktion und Massenabfertigung ihrer Wähler, statt auf die facettenreiche Individualisierung und Spezialisierung zu reagieren. Dabei hätten wir auch dies mit unserem konservativen Kompass gut erklären können, denn Subsidiarität war schon immer ein hohes Gut in der Union.

Die nächste große gesellschaftliche Umwälzung begann Mitte der 90er-Jahre mit der Verbreitung des Internets und dem damit peu à peu verbundenen Beginn der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Auch dies war eigentlich wieder eine Steilvorlage für die Union, denn das Internet bot dem Individuum so viel Freiheit wie nie zuvor. Und Freiheit gehört zu einem der großen Themen in der Tradition der Union, nur irgendwie haben wir es wieder verpasst, diese Geschichte weiterzuschreiben und um das Kapitel Freiheit im Netz zu ergänzen. Auch hier entwickelte sich die Individualisierung der Bevölkerung vor allem in den Städten weiter. Mein iPhone, mein Tablet, mein Blog. Aber statt auf die Vorteile zu schauen, die diese Digitalisierung mit sich brachte, waren wir viel zu sehr mit den Vorurteilen und den negativen Folgen beschäftigt, sodass wir es abermals verpasst haben, die Wähler bei diesem Thema mitzunehmen. Eine inzwischen schon bekannte Folge ergab sich daraus: Mit den Piraten enterte eine neue Partei die politische Bühne, die mit ihren Hauptforderungen nach Transparenz und politischer Teilhabe den Zeitgeist trafen.

Die anderen Parteien machen keine bessere Politik

Es gibt viele gesellschaftliche Veränderungen, auf die wir in unserer Partei reagieren müssen. Ganze Milieus unterliegen einem sozialen Wandel. Bestes Beispiel: Früher sind die Menschen aufgefallen, die am Sonntag nicht regelmäßig in die Kirche gingen. Jetzt fallen die auf, die regelmäßig gehen.

Die Bandbreite von Lebensstilen, von Wertvorstellungen, aber auch von Erwartungen an die Politik, ist sehr viel größer geworden. Gerade in den Städten laufen große Umwälzungen ab. Wir müssen hier reagieren. Der Union fehlt ein urbaner Masterplan, der den Menschen erklärt, für was wir im 21. Jahrhundert eintreten. Es geht nicht darum, einem Zeitgeist nachzulaufen. Schon Franz Josef Strauß hat festgestellt: konservativ zu sein bedeutet, an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Die anderen Parteien machen keine bessere Politik, aber sie verkaufen das bessere Lebensgefühl.

Menschen haben Angst vor Veränderung und Neuem. Aber die Zeit ist noch nie stehen geblieben. Als Volkspartei haben wir schon immer mehr als eine Meinung vertreten. Vielleicht war es früher einfacher, als es noch nicht so viele Wahlmöglichkeiten gab, die Welt überschaubarer war und die Zusammenhänge weniger kompliziert. Vielleicht ist dieses Bild auch einfach nur verklärt. Wie dem auch sei, die Union muss die aktuelle Diskussion nicht fürchten.

Irgendwann erreicht jede Individualisierung ihre Grenzen und wir suchen nach einer Gruppe Gleichgesinnter, der wir uns anschließen können, seien es der Bibelkreis, die Yoga-Gruppe oder der Sportverein. Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass nur geteilte Freude wahres Glück bringt und wir engagieren uns ehrenamtlich für behinderte Menschen, für Integration oder im Tierschutz. Irgendwann hat Multi-Kulti seine Grenzen, wenn wir nicht einmal mehr die gleiche Sprache sprechen können oder auf Basis der gleichen Grundwerte zusammenleben. Dann kommt die Erkenntnis, dass jeder in Deutschland auch Deutsch sprechen muss, es aber auch nicht schadet, wenn Deutsche Türkisch, Russisch oder Arabisch lernen. Irgendwann wird Transparenz zur Hohlformel, ad absurdum geführt und zum reinen Selbstzweck, der keinerlei Mehrwert mehr für unsere Demokratie hat. Irgendwann hat Teilhabe am politischen Prozess ihre Grenzen, da sich schlicht nicht jeder einbringen will oder die Zeit hat, dies ständig zu tun. Irgendwann entpuppt sich der Glaube, der Staat überwache mich, sei grundsätzlich böse, solle mir aber dann doch bitte regelmäßig Geld überweisen, zudem am besten meine Kinder erziehen und sich um meine kranken Eltern kümmern, als Lebenslüge.

Die Grundwerte der Union sind heute mehr denn je en vogue

Dieser Zeitpunkt ist gekommen. Die Union muss sich keine Angst um die Zukunft machen. Sie muss aber den Menschen wieder erklären, wie diese Zukunft aussehen soll. Die Grundwerte der Union sind heute mehr denn je en vogue: soziale Marktwirtschaft, das christliche Menschenbild, Eigenverantwortung, Subsidiarität, Leistungs- statt Neidgesellschaft, bürgerliches Engagement und Freiheit.

Es ist immer einfacher, den Status quo zu verwalten, als eine Veränderung vorzunehmen. Aber weil wir eine Volkspartei mit Zukunft sein wollen, müssen wir deutlich machen, dass alle Menschen, egal, woher sie stammen, egal, welche Religion sie praktizieren und egal, wen sie lieben, bei uns willkommen sind. All diese Menschen gehören zu unserer Gesellschaft und all diese Menschen gehören auch in eine Volkspartei. Es wird Zeit, dass wir dies den Menschen in den Städten auch zeigen und vor allem erklären: Denn wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind günstig.

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