„Wir müssen z’sammenhalten!“

Beim Politischen Aschermittwoch zeigen sich Redner aller Parteien von der giftigsten Seite. Doch was soll dieses Draufhauen eigentlich? Eine Redeanalyse.

Die wichtigste Frage, die sich jeder Redner und jede Rednerin vor einer Rede stellen sollte, ist: „Warum spreche ich da?“ Oder, wenn man am Pult steht, die Hände fest am selben, der Blick starr auf das Manuskript, spätestens dann ereilt manchen auch die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“

Rosemarie Weber hat sich wohl für folgende Antwort entschieden: „Ich mach‘ die pfundige Rosi, des mögen’s, die Mannsbilder!“ Und so wurde es 2014, Politischer Aschermittwoch und die Rosemarie Weber – die von der CSU ist und Oberbürgermeisterin in Passau werden will – haut dann gleich einen ordentlichen Spruch raus: „Wenn die SPD länger den OB stellt, warten’s wir auf den wirtschaftlichen Aufschwung in Passau so lange wie Berlin auf den Wowi-Flughafen!“

Gut, Leute wie Ingo Appelt bestreiten damit ein ganzes Bühnenprogramm. Aber jetzt ist die Rosemarie keine Kabarettistin und so eine ganz gute Sprüche-Klopferin ist sie dann auch nicht. Irgendwo klappert Geschirr, hinten pfeift einer und ein paar pressen so etwas wie einen Lacher heraus. Jetzt hat die Rosemarie aber zehn Minuten zu bestreiten. So lange soll ihr Grußwort sein beim Politischen Aschermittwoch, beim „traditionellen Politischen Aschermittwoch der CSU“ in Passau. Und zehn Minuten mit so einem dünnen Hündchen, wo alle im Saal etwas Deftiges, etwas Schenkelklopfiges erwarten, das können lange zehn Minuten werden.

Das zieht immer

Also macht sie, was bayrische Rednerinnen und Redner gerne machen, wenn’s eng wird: Sie preist das Heimatland. Sie sagt: „Wir alle lieben unser Bayernland!“ Und sie sagt auch: „Wir alle müssen z’sammenhalten!“ Als sei der Bayer an sich eine bedrohte und verfolgte Minderheit. Das zieht immer. Später wird Ministerpräsident Horst Seehofer ja auch sagen: „Kein Staat hält auf Dauer aus, wenn Leute kommen, die nur das wollen, was andere hart erarbeitet haben!“ Und CSU-Vize Peter Gauweiler wird mit einem „Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt, aber nicht am Hindukusch“ enormen Jubel ernten. Aber dahin zu kommen, das ist noch weit für die Rosemarie.

Weil so ein Vormittag am Aschermittwoch programmmäßig gefüllt werden muss, und der Horst Seehofer und der Peter Gauweiler erst reden sollten, wenn ordentlich Betriebstemperatur erreicht ist, und die Rosemarie Weber im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleibt, haben sie noch einen Einheizer ans Pult gelassen, den niederbayrischen CSU-Vorsitzenden Manfred Weber. Der tritt voller Vorfreude ans Pult, er strahlt schon, vermutlich hat er seit Spätsommer 2013 an seinen Sprüchen gefeilt, und freut sich, sie endlich vorzutragen. Und dann haut er sie raus in seiner Begrüßungsrede.

Pause. Dramatische Pause

Eigenen Angaben zu Folge hat er nämlich für seine Rede in den „Archiven gekramt“. Und dabei festgestellt, die meisten der Redner von 2013 sind nicht mehr da. „Da schau‘ mr uns mal die Rednerliste vom letzten Politischen Aschermittwoch an!“ Und dann schau‘ mr alle mit dem Manfred diese Liste an. „Da war der Philipp Rösler, von der FDP, der hat am letzten Aschermittwoch gsagt: Wer sich selbst zum Weißwürstchen macht, muss sich nicht wundern, wenn er als solches endet.“

Pause.

Dramaturgische Pause.

Die Pointe bereitet sich im Manfred Weber vor.

Sie bereitet sich lange vor.

Der Manfred Weber genießt diese Pause.

„Und jetzt???“

Wieder eine Pause.

„Jetzt seh‘ ma wer des Würstchen ist.“

Ein „Hohohoho“ im ganzen Saal. Lacher, wohin die Kamera blickt. Der Manfred hat es wieder geschafft. Einen Kracher gelandet.

Gut, jetzt will der Russe da vielleicht Krieg führen, in dieser Ukraine. Aber die ganzen Witze, die ganzen Sprüche, alles schon lange geschrieben, da wollen wir uns doch den Aschermittwoch und das gegenseitige Draufhauen nicht vermiesen lassen. Und außerdem: Eine mit rollendem „R“ gesprochene „Krim-Krise“ verliert ohnehin ihren Schrecken.

Die Frage ist: Muss man jede bayrische, jede CSU-Tradition gut finden und dann auch noch nachmachen?

Als sei die Politik ansonsten ein Ort des Anstands

Ja, fanden die anderen Parteien und haben begonnen, Aschermittwoch auch volltönend zu begehen. Und dann steht man da als Martin Schulz (SPD), ist EU-Parlamentspräsident, will noch mehr werden in der EU, erzählt jetzt in Vilshofen von einer jungen Spanierin, mit der man als Martin Schulz gesprochen hat, die ihm erzählt hat, dass sie Architektur und Psychologie studiert hat, was ja schon ein merkwürdige Kombination ist, dass sie aber arbeitslos ist, dass sie keine Perspektive hat in diesem krisengeschüttelten Spanien, und dann steht man als Martin Schulz beim Politischen Aschermittwoch der SPD, und fragt, ob „wir“ das noch „erfühlen“, „gerade wir Sozialdemokraten“, ob „wir noch fühlen, wie es den Menschen geht“, „fühlen“, wie es ist, eine Familie durchzubringen – und je öfter er „fühlen“ sagt, umso unangenehmer fühlt man sich, und er lässt es dann auch mit dem Fühlen und sagt dann doch noch etwas Aschermittwochiges: „Wir brauchen nicht auch noch eine EU-Verordnung für Olivenölkännchen in Restaurants.“

Jetzt hätten wir alle gedacht, der Martin Schulz ist da schon länger in diesem Europa, um eben genau das zu verhindern. Aber am Aschermittwoch darf der Politiker suggerieren, er sei eigentlich anders, ganz anders als die anderen Politiker, ganz anders auch, als er sich sonst gibt.

Am Politischen Aschermittwoch, da zeigt man sich nicht nur als echter Kerl, da darf es auch giftig zugehen, da werden Sprüche geklopft, da wird der politische Gegner mal ordentlich erniedrigt. Was komisch ist. Es wird so getan, als ginge man sonst höflich miteinander um. Als sei die Politik ansonsten ein Ort des Anstands und des Respekts. Als würde Florian Pronold von der SPD sonst nicht sagen, es gebe „in Bayern kein Windrad, das sich schneller dreht als Horst Seehofer“.

Wo ist also der Unterschied? Wo ist das Besondere, das alle den Tag nach Faschingsdienstag herbeisehnen? Sie hauen aufeinander drauf. Das machen sie sonst auch. Übrigens dieselben, die neulich erst lachend auf dem Balkon standen und laut Koalitionsvertrag gemeinsam „Deutschlands Zukunft gestalten“ wollen. Ist das nun Theater? Oder ist das andere Theater?

Der einzige Ausweg

Das Problem am Aschermittwoch ist wohl die erzwungene Derbheit. Die wenigsten Politiker, die wenigsten Redner sind gute Witzeerzähler und Entertainer. Müssen sie auch gar nicht sein. Trotzdem wollen alle immer unterhalten, wollen rhetorisch auftrumpfen, wollen den Saal zum Johlen bringen. Doch was sie für Leichtigkeit halten, ist ein verbales Draufhauen und hat im Grunde eine bedrückende Schwere.

Es gibt einen Ausweg: Wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt. Dann beginnt Leichtigkeit. Bei der Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“ in Aachen hat sich der FDP-Vorsitzende Christian Lindner immerhin dazu hinreißen lassen, zu sagen:

„Wir wollten ein Steuermodell in drei Stufen, und wurden am Ende Gurkentruppe gerufen, ich aber finde, ein anderer Name passte da eher: Wir waren die Partei der Mövenpick-Versteher.“

Auch wenn’s holpert, das ist ein Hauch von Selbstironie. Die wirkt immer. Und das wäre doch ausbaufähig. Statt Jahr um Jahr die dröhnende Aschermittwochs-Tradition zu pflegen, wie wäre es mit einer Veranstaltung, deren Markenzeichen die ironische Selbstkasteiung ist? Das hätte mal was.

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