Mehr Rhetorik wagen!

Die Gedenkrede gehört zu den unverrückbaren Rederitualen. Die SPD hat jetzt mitten im Wahlkampf ihrem Ahnherrn August Bebel gedacht – das Rhetorik-Feuerwerk blieb einmal mehr aus.

Wenn wir etwas können, dann gedenken. Gedenkveranstaltungen sind sozusagen Volksport. Und die SPD kommt aus dem Gedenken gar nicht mehr heraus. Das ist die Crux der alten Parteien: Je länger die Ahnengalerie, desto höher die Zahl der Gedenktage. Ein Sozialdemokrat läuft daher immer Gefahr, sich im Gedenken zu verheddern: 150 Jahre die ganze Partei, August Bebel nun auch schon 100 Jahre tot? Und wie alt ist eigentlich Egon Bahr gerade?

Da aktuell Wahlkampf ist, versucht die Partei die gesammelte Arbeiterbewegungshistorie mit dem jetzigen Zustand des Landes, der Untätig- und Unfähigkeit der Bundesregierung sowie der Bedeutung der Sozialdemokratie irgendwie zusammenzurühren und den Kampf der Entrechteten des 19. Jahrhunderts ins Diesseits zu übertragen. Deshalb hieß es gestern, am 13.8.2013, dem 100. Todestag von August Bebel, dem Begründer der sozialistischen Arbeiterbewegung: „Mehr Bebel wagen!“ Allein in diesem knappen Imperativ steckt jede Menge SPD-Geschichte. Das Problem: Am 13. August ist immer auch Gedenken an den Mauerbau, sozusagen Konkurrenz-Gedenken. Was wiederum bedeutet, dass die Rednerinnen und Redner abends beim Bebel-Gedenken auf dem Bebelplatz schon etwas ausgelaugt sind.

Hoffnungslosigkeit im ersten Satz

Was zeichnet Rednerinnen und Redner einer Gedenkveranstaltung aus? Nun, dass jeder einzelne Redner in den ersten Sätzen erklärt, wo wir uns gerade befinden („Auf dem Bebelplatz“), warum wir hier sind („Wir gedenken dem 100. Todestag von August Bebel“) und das alles mit den schönen Worten einleitet: „Wir haben uns heute hier auf dem Bebelplatz in Berlin versammelt, um dem 100. Todestag von August Bebel zu gedenken.“ Ein immer gern genommener Missgriff: Menschen zu erzählen, was sie schon wissen – und das gleich zu Beginn einer Rede.

Die meisten sind ja extra deswegen gekommen, überall liegen Programmzettel, es steht auf Plakaten. Dennoch meinen Redner immer, es sei ein geschickter Schachzug, das alles noch einmal zu erzählen – am besten gleich mit den ersten Sätzen. Wer aber mit den ersten Sätzen signalisiert, dass er nichts Neues, nichts Interessantes zu erzählen hat, der weckt nicht die Hoffnung, er könne dies im Verlauf der Rede noch tun. Beim Bebel-Gedenken sind es immerhin drei Redner hintereinander, die den Zuhörern erklären, wo sie gerade sind und weshalb.

Wie so viele Rednerinnen und Redner überlegen sich auch Gedenkredner selten eine schlüssige Antwort auf die Frage: Warum spreche ich hier eigentlich? Der Bebel-Gedenkredner Jan Stöss hat die Frage wohl folgendermaßen beantwortet: Weil ich muss. Der Bebelplatz ist in Berlin, ich bin Vorsitzender der Berliner SPD, Bebel ist irgendwie Idol von uns allen, deshalb: Ich muss. Und so folgt eine Gedenkrede wie aus dem Baukasten: „Wir haben uns heute hier auf dem Bebelplatz versammelt …“

Nach diesem furiosen Beginn gliedert Stöss seine Rede ganz klassisch in zwei Teile: 1. Alles aufzählen, was Wikipedia und die Geschichtsbücher zum Thema August Bebel hergeben. Also Abkürzungen wie VDAV (Vereinstag der Deutschen Arbeiterverbände) und SAPD (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschland) und natürlich eine Unmenge an Zahlen: 1862 hat Bebel dies getan, 1875 dann das, 1911 was anderes. Mit der Jahreszahlen-Aufzählung verliert die ohnehin schon etwas ramponierte Rede weiter an Schwung. Der zweite Teil, der ungefähr 10 Prozent der Rede ausmacht, besteht aus allseits bekannten und beliebten Phrasen, die sich im Wesentlichen aus Ver-Wörtern zusammensetzen: Vermächtnis, Verantwortung, Verpflichtung. Und das war’s dann.

Er sagt nicht, was er gut an Bebel findet? Es gibt kein Einblick in Stöss‘ Denken: Was fasziniert mich an Bebel? Was heißt „Arbeiter“ für mich heute? Warum spreche ich da eigentlich? Nein. Persönliches gibt es nicht. Er schließt immerhin mit einem Bebel-Zitat: „Das Leben wird nicht von selbst besser.“ Und eine Rede eben auch nicht.

Das grundsätzliche Problem an Gedenkreden ist immer: Der, an den so intensiv gedacht wird, der so Großartiges geleistet hat, wird in der Rede immer größer und größer. Und die Lebenden, die Redner und Zuhörer werden immer kleiner und kleiner. Das kann eigentlich nicht Ziel einer Rede sein. Gedenken hin, Gedenken her.

Es münteferingt aus ihm heraus

Franz Müntefering, der Hauptredner des Abends und ehemalige SPD-Vorsitzender, hat die Frage, warum er da spreche, vermutlich so beantwortet: Weil ich gerade wieder einen Lauf habe. In der „Zeit“ haben sie in dieser Woche schön seine Kritik abgedruckt, wie entsetzt er ist über den SPD-Wahlkampf („Mir standen die Haare zu Berge“). Seine Frau Michelle Müntefering will über Herne in den Bundestag einziehen. Und deshalb ist der inzwischen 73-Jährige bei der Bebel-Gedenkrede wieder voll in seinem Element, in seinem unnachahmlichen Müntefering’schen Rhetorikelement: „Bebel war kein Theoretiker. Prophet wohl. Aber kein Theoretiker.“ Oder „Wir haben Platz, mehr Bebel zu wagen. Schlagt die Trommel. Fürchtet euch nicht.“ Und als er den Einfluss der Sozialdemokratie auf die Parlamentarismus nach 1918 hervorhebt, münteferingst es aus ihm heraus: „Manche sagen: Na, und. Ich sage: Besser so.“ Wunderbar. Diese Zwei- und Dreiwortsätze, die keine Fragen offen lassen, die wird ihm so schnell keiner nachmachen können. Da hat einer wirklich seinen Stil, seinen unverwechselbaren Rede-Stil, auch wenn er im Verlauf der Rede zum Zahlengewitter ansetzt („1875“, „1862“, „1860“, „1863“, „1913“).

Aber wenn in 200 Jahren führende Sozialdemokraten in einer Gedenkveranstaltung ihrem einstigen Vorsitzenden Franz Müntefering huldigen, dann werden sie wie jetzt bei Bebel in den Programmzettel schreiben, dass er ein „begnadeter Redner“ gewesen sei. Nach Müntefering gibt es noch Musik am Schifferklavier. Ein Sozialdemokrat verweist noch auf ein „Straßen-Memory“. Es sind Bebel-Bilder, die auf dem Boden liegen. Dann ist dieses Gedenken vorbei. Die nächste Gedenkrede kommt bestimmt.

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