Die Karawane zieht weiter

Mit dem Leck in den eigenen Reihen hat Wikileaks nicht nur unverantwortlich agiert, sondern sich selbst auch diskreditiert – diesen Vertrauensverlust wird die Plattform nicht wieder wettmachen können.

Zunächst weitgehend ignoriert von Politik und Publizistik war Wikileaks 2006 angetreten, um die Tradition des Whistleblowings mit den Mitteln des Internets zu modernisieren. Eine neuartige Plattform im Internet sollte den Mächtigen auf die Finger zu schauen. In bewusster Ablehnung der etablierten Medien wollte man dem Web 2.0 nun auch eine Öffentlichkeit 2.0 zur Verfügung stellen. Doch inzwischen hat sich Wikileaks selbst demontiert.

Meisterstück Cablegate

Die Idee war simpel: Basierend auf einer Vorstellung eines radikalen Öffentlichkeitsprinzips sollten die globale Politik und Wirtschaft beleuchtet werden. Inhaber von geheimen und brisanten Informationen sollten der Plattform ihre Unterlagen anonym und sicher zukommen lassen können. Wikileaks würde dann das Material auf Authentizität prüfen und der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen. An Stelle konspirativer Treffen zwischen Journalisten und ihren Quellen sollte die Anonymität des Netzes nun den Informanten schützen.

Das Meisterstück von Wikileaks sollte die „Cablegate“-Affäre vom November 2010 werden: Über 251.000 diplomatische Depeschen des amerikanischen Außenministeriums mit Interna teils kompromittierenden Inhalts wurden öffentlich gemacht. Der Sturm der Entrüstung aufseiten der internationalen Politik, sowie die nachfolgende Sperrung von Wikileaks-Servern, Bezahlsystemen und Konten durch private Firmen, führten zu einer Auseinandersetzung von Gegnern und Befürwortern, die sich nicht zuletzt in einem bemerkenswerten (Civil) Cyber War äußerte.

Doch das Meisterstück rächt sich nun, die Leaking-Plattform hat selbst ein Leck: Als Resultat interner Auseinandersetzungen mit ehemaligen Mitstreitern – die genauen Abläufe sind umstritten – sind nun alle Botschaftsdepeschen ungeschwärzt ins Netz gelangt und mit ihnen die Namen von Informanten der US-Diplomaten aus China, Iran, Afghanistan. Das Vertrauen von Quellen in jene Personen, denen sie ihre Informationen zur Verfügung stellen, ist die wichtigste Ressource für die Preisgabe von Brisantem. Wikileaks hat dieses Vertrauen verloren und wird sich davon wohl nicht wieder erholen. Denn die Panne trifft den Markenkern der Plattform.

Dabei hatte Wikileaks, angeführt vom charismatischen wie entrückten Netzaktivisten Julian Assange, weitgehend unbemerkt seine Vorgehensweise geändert: Entgegen des ursprünglichen Konzeptes der unredigierten Weitergabe von Geheiminformationen wurde man selbst redaktionell aktiv und kooperierte mit exklusiven Medienpartnern.

Rückkehr zu den Massenmedien

Nun rücken wieder jene Akteure in das Rampenlicht der Öffentlichkeit, denen von vielen Beobachtern ihre zentrale Stellung in der Aufdeckung von Skandalen schon abgesprochen wurde und die als „old-fashioned“ galten: die traditionellen Massenmedien. In der „Cablegate“-Affäre waren sie es, die für die Reputation der Wikileaks-Informationen sorgten, ihre Echtheit prüften und als globale Vermittler dienten. Und nach Wikileaks werden wieder sie es sein, die jene Kompetenz besitzen, solche Informationen kritisch zu prüfen, professionell zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Journalistische Kompetenz ist in einer Welt, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, mehr denn je gefragt. Julian Assange wollte den Journalismus neu erfinden, die Nachfolger von Wikileaks müssen daraus lernen und Kooperationen mit den Nachrichtenmedien und deren Standards suchen.

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