Unter Wölfen

Pünktlich zum Papst-Rücktritt hat der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner sein Werk vollendet. Die Frage bleibt nun, was den Wolf im Schafspelz vom echten Wolf unterscheidet.

Karlheinz Deschner hat sein Opus magnum vollendet. „Die Kriminalgeschichte des Christentums“ (Band 1–10) ist abgeschlossen.

1987, fast schon in einer anderen Zeit, besuchte der Autor eine denkwürdige Veranstaltung in einem düsteren Heidehof, um jenen Mann zu sehen, der damals mit Band eins und der Ankündigung, weitere neun Bände! zu schreiben, in der christlichen Welt für einige Unruhe gesorgt hatte.

Heute tritt der deutsche Papst zurück und Deschner hat – Treppenwitz der Geschichte – ausgerechnet in diesem Moment sein Mammut-Werk zu Ende gebracht.

Der Schwertleuchter brennt bereits

Der Autor erinnert sich an seine erste Begegnung mit Deschner. In einer Umgebung, die sich für den damals 63-jährigen Kirchenkritiker zwar als unerwartet kontrovers herausstellte. Aber beim Kolumnisten selbst einen bleibenden Eindruck hinterließ, der sich über die Jahre und mit jedem neu veröffentlichten Band weiter vertiefte. Herzlichen Glückwunsch, Karlheinz Deschner. Mehr kann ein einzelner Mann kaum bewältigen. Sie sind ein Mahner im positivsten Sinne. Und ein tiefer Stachel im satten Fleisch der Kurie.

Heideland. Der Schwertleuchter brennt bereits, als auch die dicken weißen Stumpenkerzen auf den soliden Holztischen in der zum Festsaal umgebauten Scheune des alten Heidehofs angezündet werden. Ein Flügel des uralten Tores steht weit offen. Dahinter quillt schon die Dämmerung. Schwere Wolken ziehen auf. Die Düsternis verstärkt noch die andernorts als weihnachtlich beschriebene Stimmungslage im Inneren. Aber weihnachtlich wäre ja christlich. Und bei einem Treffen von Jüngern fast vergessener germanischer Götter grenzen solche Assoziationen an Blasphemie.

Hier spricht man vom „Wahn vom völkischen Staat auf christlicher Grundlage“, hier grollt noch der germanische Donar aus der Tiefe, wenn man konspirativ zusammensitzt. Zumindest glauben das die wie die Kelly-Family gekleideten germanengläubigen Kinder, wenn in der unterirdischen Kegelbahn der Gaststätte die Kegel umfallen. Und man lässt sie schmunzelnd in ihrem Kinderglauben.

Unter dem mannshohen ehernen Schwert mit aufgesetztem Kerzenkranz werden alte unchristliche Lieder gesungen. Gerade kommt Wagner vom alten Grundig-Tonbandgerät und Nietzsche wird rezitiert. Zuvor sprach ein Doktor der Medizin vom „Induzierten Irrsein“ und meinte damit die unheilvolle Wirkung der christlichen Lehre auf den Menschen in allen Jahrhunderten. Aber man wartet noch auf einen weiteren Redner. Laut fotokopiertem Programmzettelchen in Kleinstauflage wird Karlheinz Deschner aus dem Fränkischen erwartet.

Die germanengläubigen Frauen bleiben reserviert

Wir schreiben das Jahr 1987. Irgendwo ganz weit draußen im norddeutschen Flachland zwischen Heidekraut und Birken. Die Fachwerkhäuser tragen hier gekreuzte Pferdeköpfe als Giebelschmuck. Ein Loch im Schnittpunkt der Rösser ist als Rauchabzug und Einflugschneise für Eulen gedacht, die Mäuse fernhalten sollen. Die Bedeutung der unterschiedlichen Blickrichtung der Pferde nach innen oder außen ist nicht überliefert. Wie so vieles, das die seltsame Schar hier mühsam zu rekonstruieren sucht.

Deschner erscheint aus dem Dunkel und bleibt noch einen Moment im Tor stehen. Hager. Heller Trenchcoat. Alte lederne Aktentasche. Prall gefüllt. Der Reißverschluss ist entweder kaputt oder ein Buch zu viel wurde eingeladen. Als er die dunkelbraune Baskenmütze vom Kopf zieht, flattert das wenige, schüttere Haar im Abendwind. Eine kurze Handbewegung von links nach rechts richtet die Strähnen, bringt Ordnung auf dem Kopf.

Deschner schaut sich kurz unsicher um. Richtige Adresse? Die Kerzen flackern vom plötzlichen Luftzug. Aber dann wird er schon vom Obmann und seinem Stellvertreter willkommen geheißen. Die germanengläubigen Frauen bleiben zunächst reserviert. Das magere Bürschchen erregt hier wohl Verdacht unter den wohlgenährten Herren. Ein Mangel? Eine zu starke Vergeistigung? Man wird sehen. Und hören!

Jetzt aber schnell noch etwas essen. Der Vortragsredner kommt ja den langen Weg aus dem Fränkischen mit dem Zug. Üppig wird der Teller von der üppigen Wirtin bepackt: Aber Vegetarier Karlheinz Deschner isst nur zaghaft ein paar Frühkartöffelchen vom Tellerrand. Soße und Roulade lässt er liegen. Auch den Salat rührt er nicht an. Der wurde wohl schon vor Stunden in der Küche im Großmarkt-Essig aus der grünen Plastikflasche ertränkt.

Nach einer kurzen Einführung, die das umfangreiche Schreibwerk Deschners noch einmal weit aufblättert, beginnt der mit seinem Vortrag. Sanfte hohe Stimmlage irgendwo zwischen Bassbariton und Tenor. Das macht die Gemeinheiten der Kirche umso eindrucksvoller. Ja doch, man leidet mit dem Franken, mit den Opfern der Kirche, die Deschner mit maximalem Mitgefühl eins nach dem anderen aus den düsteren frühchristlichen Jahrhunderten zurückholt mitten hinein in diese unchristliche Scheune im Heidehof. Breite Zustimmung.

Deschner unter Wölfen?

Große gemeinsame Empörung. Deschner selbst wirkt dabei wie aus der Zeit gefallen. Aber das macht hier viel weniger aus als an anderen Orten. Hier nimmt man ihn gerne als Wiederkehrer eines Ulrich von Hutten. Ohne Rüstung. Ein schmaler Hans von Gestalt, aber maximal gerüstet im Geist.

Als sich allerdings der Kosmopolit, der Internationalist, der Menschenfreund Deschner zu hoch emporschwingt, kommt Unruhe auf. Schnittmengen verengen sich. Die Holzhand eines grauhaarigen WK-Veteranen saust sehr zur Freude der Kinder rhythmisch auf den Holztisch. Deschners Stimme wird schrill. Eine Diskussion unterbricht den gerade noch so fließenden Vortrag. Deschner unter Wölfen?

Man beruhigt sich wieder im Nachgespräch. Ein paar alte Frauen schimpfen noch, werden dann aber diskret zurechtgewiesen. Im Nachttrunk beschränkt man sich auf das unpolitisch Atheistische. Dann verabschiedet sich der Franke wieder hinaus durch die hohen Tore in die nun vollkommene Dunkelheit. Fünfundzwanzig Jahre später ist das Werk vollendet. Die kleine Walhallatruppe hat sich längst aufgelöst. Aber an antichristlichem Nachwuchs mangelt es heute dennoch nicht. Und „Gott sei Dank“ wäre jetzt das falsche Schlusswort. Also: Glück auf! mein lieber Herr Kirchenfeind.

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